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«Wie auf Entzug gesetzt» - Fitness-Junkies in der Krise

Das Coronavirus hat vielen ambitionierten Fitnessstudio-Gängern gehörig den Trainingsplan durcheinander gebracht. Mit einem Mal waren die Pforten geschlossen. Einige behelfen sich mit kreativen Lösungen.



Bodybuilder
Der Bodybuilder Raphael Fuchs hängt an einer Stange in den Räumen seines familiengeführten Fitnessstudios. Er trainiert sechs Mal pro Woche. Anderen Sportlern lieh er für die Zeit des Lockdowns Geräte aus.   Foto: Handout/Raphael Fuchs/dpa

Auf der Wiese eines Düsseldorfer Parks reißt eine Frau unermüdlich eine farbige Kugel an einem dicken Griff in die Luft - immer wieder auf und ab. Es geht sichtlich auf die Kondition.

Doch Ina Buchwald mag das Training im Park eigentlich nicht. Die 30 Jahre alte Hobby-Sportlerin ist viel lieber «in der Box», wie sie sagt.

Damit meint sie das Fitnessstudio, in dem sie bis zu sechs Mal pro Woche Crossfit macht - eine Sportart, die Gewichtheben, Leichtathletik und Körpergewichtsübungen vereint. Doch das Coronavirus und die bundesweite Schließung der Studios haben ihrem Training einen Strich durch die Rechnung gemacht.

«Ich habe mich unwohl gefühlt und Crossfit sehr vermisst. Ich habe gemerkt, dass es wie eine Sucht ist und wie sehr ich den Sport brauche», sagt die Vertrieblerin eines großen Kosmetik-Konzerns mit lachender Stimme. Wie ihr erging es Tausenden von ambitionierten Sportlern, die im Fitnessstudio quasi ihr zweites Wohnzimmer haben.

Viele verlegten ihr Training deshalb an die frische Luft oder ins heimische Wohnzimmer. Manche Fitnesstrainer formten die Körper ihrer Schützlinge via Zoom-Videokonferenz statt im Studio - Personaltraining in den eigenen vier Wänden.

Bemerkbar machte sich das auch beim Absatz von Fitnessprodukten. Einige Unternehmen meldeten für März und April die dreifache Menge an Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, heißt es vom Deutschen Industrieverband für Fitness und Gesundheit (DIFG). Bei den Großgeräten wie Ergometern lag die Steigerung im April bei etwa 80 Prozent. Am beliebtesten waren Klassiker wie Gewichte mit Lang- und Kurzhanteln aber auch Faszienrollen, Yogamatten oder Sprungseile. Bei diesen kleineren Utensilien stieg der Umsatz um 300 Prozent.

Hingegen investierte kaum ein Studio-Betreiber in neue Geräte, vor allem weil sie um ihre Existenz fürchteten. So ging es auch Raphael Fuchs zu Beginn der Corona-Krise. Er betreibt zusammen mit seinem Onkel ein familiengeführtes Fitnessstudio mit rund 350 Mitgliedern in Amberg in Bayern. «Anfangs hatten wir Ängste, wie es weitergehen soll», berichtet der 27-Jährige. Jetzt ist er aber zuversichtlich, die Krise zu überstehen.

Als Besitzer hatte er natürlich weiter Zugang zu seinen Geräten und den braucht er auch. Denn Fuchs ist Bodybuilder, nimmt regelmäßig an Wettkämpfen Teil und trainiert sechs Mal pro Woche. Andere Bodybuilder und Athleten hatten diese Möglichkeit nicht. «Die Leute wurden wie auf Entzug gesetzt und das geht auf die Psyche», sagt er. «Das ist, wie einem Süchtigen die Drogen wegzunehmen.»

Nicht ganz so weit geht Jens Kleinert, Professor an der Sporthochschule Köln: So eine Situation führe zu fehlendem Wohlbefinden, vielleicht sogar zu Gereiztheit, Nervosität oder Niedergeschlagenheit. «Wenn Menschen stark abhängig vom Sport sind, können solche Symptome kritische Ausmaße annehmen. Das ist aber selten.»

Einigen Sportlern lieh Fuchs zu Beginn des Lockdowns Hanteln und Gewichte, damit sie zu Hause im Keller oder im Wohnzimmer vor dem Fernseher weiter trainieren konnten. «Einer hat sich sogar ein komplettes Set mit einer Langhantel und Gewichten gekauft», sagt er. Kostenpunkt: Im vierstelligen Bereich.

Doch es geht nicht nur um die Fitness-Freaks, Pumper und Kraftpakete, die vor verschlossenen Türen stehen. Auch Menschen mit Rückenbeschwerden oder Arthrose brauchen die Geräte der Studios, um gegen ihre Beschwerden anzutrainieren. Mit einem dementen Mann habe Fuchs vor Corona regelmäßig trainiert. Er habe danach viel sicherer stehen können. «Der wird jetzt zurückgeworfen», ahnt der ausgebildete Trainer.

Wie muss es unter diesen Bedingungen erst einem Profi-Athleten gehen? Gewichtheber Max Lang nutzte die Zeit des Trainingsverbots in seinem Verein für eine Pause. Um runterzukommen, wie er sagt. «In der Zeit ohne anstehende Wettkämpfe den Körper zu schinden, lohnt sich nicht», erklärt der 27-Jährige aus Sandhausen in Baden-Württemberg. Gute drei Wochen trainierte er gar nicht, dann durften die deutschen Kaderathleten per Sondergenehmigung der Landesregierung wieder zum Training. Seitdem wuchtet Lang wieder die Kilos in die Höhe.

Für alle übrigen Fitness-Fans gibt es einen Lichtblick: In der kommenden Woche sollen im Zuge der gelockerten Corona-Maßnahmen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein die Studios wieder öffnen dürfen. Die Düsseldorferin Ina Buchwald freut das. Die Crossfit-Box hat dann wieder auf. «Ich bin erleichtert, dass ich wieder rein kann», gibt sie zu.

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dpa

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Veröffentlicht am:
09. 05. 2020
17:43 Uhr

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09. 05. 2020
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