Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Wissenschaft

Wanze am Berg: Mikrowelle gegen Blutsauger

Lustiger Käfer? Nein. Eine Wanze ist es, die da unter der Bettdecke hervorkriecht. Die Plagegeister breiten sich wieder aus. Hüttenwirte in den Alpen reagieren mit kreativen Methoden.



Bettwanze
Eine Bettwanze beim Blutsaugen auf menschlicher Haut, veröffentlicht von der Harvard Universität.   Foto: Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University

Erst mal Mikrowelle. Wer auf dem Weg zur Zugspitze an der Knorrhütte ankommt und dort vor dem Anstieg auf Deutschlands höchsten Berg übernachten möchte, muss seinen Hüttenschlafsack am Eingang in das Küchengerät stecken: 30 Sekunden bei 600 Watt.

Denn im Schlafsack reisen gelegentlich ungebetene Gäste mit: Wanzen. Auch Nachbarhütten haben solche Geräte angeschafft. Nicht nur im Zugspitzgebiet, sondern auch im Kaisergebirge, im Allgäu und in Österreich hatten sich die Plagegeister in der Vergangenheit in einigen Unterkünften des Deutschen Alpenvereins (DAV) eingenistet. Nun verstärken die Wirte ihre Maßnahmen.

«Der Bergwandertourismus hat zugenommen - und damit die Möglichkeit der Verbreitung von Bettwanzen», sagt Thomas Gesell, Hüttenreferent der DAV-Sektion München. Der Hüttenschlafsack sei der Übertragungsweg Nummer eins; zu 70 Prozent würden die Tiere darüber eingeschleppt. Die Mikrowelle habe sich schon bewährt. Das sei sinnvoll und gut zu handhaben, «und die Gäste nehmen das an.»

Teils basteln Wirte an Bettgestellen Fallen aus Doppelklebestreifen, damit die Blutsauger hängen bleiben, wenn sie nächtens aus ihren Verstecken krabbeln, um sich an die Schlafenden heranzumachen. Manche Wirte lassen Wanzenspürhunde durch die Schlafräume schnüffeln.

Ein Hund inspizierte gerade die Jamtalhütte bei Galtür in Österreich. «Wir haben letzten Sommer Wanzen bekommen», sagt Hüttenwirt Gottlieb Lorenz. Eingeschleppt aus einer Nachbarhütte. «Wir haben das ganze Haus behandelt und dann Ruhe gehabt den ganzen Winter.» Leichte Verzweiflung schwingt in seiner Stimme: «Jetzt haben festgestellt, dass wir in zwei Zimmern wieder Wanzen haben.»

Erst am 30. Juni hat Lorenz für die Sommersaison eröffnet. Nun heißt es wieder: «Fußleisten weg, Löcher in Holzwände bohren, Steckdosen wegschrauben.» Damit der Kammerjäger die Tiere in Ritzen und unter Leisten erwischt. Dreimal wird der Experte kommen: Einmal gleich, dann nach zwei Wochen und nochmals nach weiteren zwei Wochen.

Alexander Egger, Wirt des Anton-Karg-Hauses im Kaiser-Gebiet schwört auf «Bug Bags», Säcke, in denen Rucksäcke samt Schlafsack und Kleidung außerhalb der Schlafräume bleiben. Gerade in gebrauchter Wäsche sitzen Wanzen gern. «Was sie anlockt, ist Schweiß.» Er verheißt die Nähe eines Menschen - und sein Blut. Gäste bekommen von Egger einen frischen Hüttenschlafsack. «Wir haben große Waschmaschinen, in denen wir die Schlafsäcke jeden Tag waschen.» Auf abgelegenen Hütten wäre dieser Aufwand freilich undenkbar.

Die DAV-Sektion Garmisch-Partenkirchen hat gerade teilweise ihre Decken ausgewechselt: statt Braun oder rötlich jetzt hellblau. «Blutflecken sieht man da besser», sagt Toni Bräckle, zuständig für Hütten bei der Sektion. Auch die ein bis acht Millimeter großen Tiere sind besser zu erkennen, die Decken sind zu 50 Prozent aus Polyester und werden bei bis zu 60 Grad gewaschen. Den 30-Grad-Waschgang einer Wolldecke kann eine Wanze schon mal überleben. Diese Decken seien zwar wärmer, aber auch kratzig, sagt Bräckle. «Das mag heutzutage sowieso niemand mehr.»

Die Hütten sind mit dem Problem nicht allein. Unterkünfte weltweit kämpfen mit der Plage. Schlimm war es eine Zeit lang in Australien, auch aus den USA berichten Heimkehrer von den lästigen Bettgenossen. «Seit den 1990er Jahren beobachtet man weltweit eine Zunahme beim Auftreten dieser Wanzen», sagt die Biologin und Schädlingsexpertin beim Umweltbundesamt, Carola Kuhn. Die Tiere werden aus dem Urlaub im Reisegepäck mit heim genommen, etwa in gebraucht gekauften Gegenständen. «Reisen weltweit - das ist der typische Ausbreitungsweg für die Wanzen», sagt Kuhn. «Die wesentliche Ursache für die Zunahme wird darin gesehen, dass sie resistent sind gegen Wirkstoffe, deshalb schwerer zu bekämpfen sind und sich stärker ausbreiten.»

Mario Heising, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin/Brandenburg des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes, berichtet von einer Zunahme der Einsätze der Mitgliedsunternehmen in dieser Region und von seinen eigenen Erfahrungen. «In der DDR habe ich pro Jahr vielleicht eine Bettwanze bekämpfen müssen, weil grad mal Studenten aus Moskau zurückkamen und Bücher mitgebracht haben», sagt Heising. Mitte der 1990er Jahre nach der Öffnung der Grenzen sei es etwa einmal im Monat gewesen. «Jetzt ist es jeden Tag.»

Günstige Absteigen seien genauso betroffen wie teure Hotels. «Das hat mit billig oder teuer nichts zu. Das größte Problem sehe ich in der Unehrlichkeit», sagt Heising. Lange wurde das Thema tabuisiert. Viele wussten nicht einmal, was da krabbelt: Da seien diejenigen gewesen, die meinten, einen Käfer im Hotel zerdrückt zu haben, «und sich gewundert haben, warum sie zerbissen sind». Heising bekämpft die Tiere teils, indem er Räume extrem aufheizt, oder mit chemischen Mitteln, die etwa die Häutung der Tiere unterbinden oder deren Stoffwechsel stören.

Bettwanzen hätten nichts mit Hygienemängeln zu tun, sagt die Biologin Kuhn. «Das Problem ist, dass sie häufig gar nicht in den Decken sitzen, sondern hinter Leisten oder in Ritzen. Da können Sie putzen, wie sie wollen - da kommen Sie gar nicht dran.»

Viele Menschen reagierten stark auf die Stiche - und manchen machten die Krabbeltiere auch psychisch zu schaffen. «Viele klagen über Schlafstörungen und psychische Belastungen, da die Tiere ja in den Rückzugsorten der Menschen leben - zum Beispiel im Bett», sagt Kuhn. Dennoch gibt es eine gute Nachricht: Darüber hinaus sind Wanzen ungefährlich. «Sie sind nicht dafür bekannt und man konnte bisher nie nachweisen, dass sie Krankheitserreger auf den Menschen übertragen.»

Veröffentlicht am:
12. 07. 2019
12:01 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bereich Hotels Bettwanzen Biologen Chemie Deutscher Alpenverein Hygienische Mängel Hüttenwirte Küchenmaschinen und Küchengeräte Probleme und Krisen Schlafzimmer Tiere und Tierwelt Umweltbundesamt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Algen

04.07.2019

Weltgrößter Algenteppich reicht von Afrika bis Mexiko

Amerikanische Forscher haben einen Algenteppich dokumentiert, der über tausende Kilometer quer über den Atlantik reicht. Ursache ist wohl einmal mehr der Mensch. » mehr

Bettwanze und Fledermaus

17.05.2019

Bettwanzen wohl älter als gedacht

Bettwanzen piesacken ihre Mitgeschöpfe wohl schon weit länger als bisher angenommen. Die Parasiten gab es einer neuen Analyse zufolge schon vor etwa 115 Millionen Jahren, als noch Dinosaurier auf der Erde lebten. » mehr

Sauberes Trinkwasser?

18.06.2019

Milliarden Menschen noch ohne sauberes Trinkwasser

Zwar haben heute mehr Menschen sauberes Trinkwasser und Toiletten als vor 20 Jahren, aber die Qualität lässt oft zu wünschen übrig, stellen die UN fest. Viel zu viele Menschen sterben deshalb weiter an vermeidbaren Krank... » mehr

Mufflons - den Wildschafen droht das Aus

17.04.2019

Wildschafe fallen Wölfen zum Opfer

Die Mufflons östlich von Lüneburg sind weg, es war das älteste deutsche Vorkommen der in ihrer ursprünglichen Heimat selten gewordenen Tiere. Zu ihrem Ende hat eine besondere Eigenart der Wildschafe beigetragen, die sie ... » mehr

Mücke

03.07.2019

Expertin sieht keine Mückenplage in Deutschland

Ob bei Grill-Partys oder am Badesee - Mücken können nerven. Manche Menschen sprechen schon von einer Mückenplage. Stimmt das? » mehr

Rauchen

30.05.2019

Warnung vor kaltem Rauch: Besonders Kleinkinder gefährdet

Sie sind unsichtbar, aber dennoch nicht ohne Wirkung - Rückstände von Tabakrauch. Für die Wissenschaft ist der kalte Rauch noch Neuland. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

MDR Jump Dance Night Meiningen

MDR Jump Dance Night | 15.07.2019 Meiningen
» 80 Bilder ansehen

12. Trabant- und IFA-Treffen Herges-Hallenberg Herges-Hallenberg

12. Trabant- und IFA-Treffen Herges-Hallenberg | 14.07.2019 Herges-Hallenberg
» 20 Bilder ansehen

7. Simson- und MZ-Treffen Wiedersbach

7. Simson- und MZ-Treffen Wiedersbach | 13.07.2019
» 12 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
12. 07. 2019
12:01 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".