Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Wissenschaft

Super-Schere für Erbgut - Nobelpreis an Genforscherinnen

Erstmals teilen sich ausschließlich Frauen einen wissenschaftlichen Nobelpreis. Die von ihnen entwickelte Genschere revolutioniert Biologie, Medizin und Landwirtschaft. Eine der zwei Preisträgerinnen forscht in Berlin.



Jennifer A. Doudna und Emmanuelle Charpentier
Die amerikanische Biochemikerin Jennifer A. Doudna (l.) und die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier.   Foto: picture alliance / dpa » zu den Bildern

Der diesjährige Nobelpreis für Chemie geht an die in Berlin arbeitende Französin Emmanuelle Charpentier und an die US-Forscherin Jennifer A. Doudna für die Entwicklung einer Genschere zur gezielten Erbgut-Veränderung.

Das Crispr/Cas9-Verfahren habe die molekularen Lebenswissenschaften revolutioniert, trage zu innovativen Krebstherapien bei und könne den Traum von der Heilung von Erbkrankheiten wahr werden lassen, teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm mit.

Emmanuelle Charpentier (51), Direktorin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene in Berlin, und Jennifer Doudna (56) von der Universität in Kalifornien in Berkeley hätten eines der schärfsten Werkzeuge der Gentechnologie entwickelt, betonte das Komitee. Die Entdeckung habe «atemberaubendes Potenzial».

Charpentier selbst sprach bei einer Pressekonferenz von einer molekularen Schere, die den Code des Lebens neu schreiben könne. Sie verglich das Erbgut mit einem Buch. Mit dem Verfahren könne man darin Sätze oder Buchstaben finden, verändern oder entfernen. Wichtigste Anwendungsmöglichkeiten seien die Lebensmittel-Biotechnologie und die Biomedizin, etwa die Therapie genetisch bedingter Bluterkrankungen.

Das Crispr/Cas-System ist ein Mechanismus, der bei Bakterien vorkommt. Was lange als nutzloser Schrott im Erbgut galt, entpuppte sich schließlich als Abwehrsystem gegen Viren. Die Mikrobiologin Charpentier und die Biochemikerin Doudna verwendeten auf dieser Erkenntnis aufbauend Crispr/Cas9 gezielt zum sogenannten Genome Editing, also zum Entfernen, Einfügen und Verändern von DNA. Ihre Studie erschien 2012 im Magazin «Science». Seitdem hat sich das Verfahren rasant in Laboren weltweit verbreitet.

«Es ist ein Werkzeug, das ein extrem hohes Potenzial hat, genetisch bedingte Krankheiten zu heilen», sagte Anita Marchfelder vom Institut für molekulare Botanik der Universität Ulm. «Bei Krankheiten, die durch die Veränderung eines Genes ausgelöst werden, kann durch die Anwendung dieses Werkzeugs eine solche Veränderung zurückgebildet werden, damit die Krankheit nicht ausbricht.»

Allerdings betonte das Nobelkomitee auch den möglichen Missbrauch des Werkzeugs: «Wie jede mächtige Technologie muss auch diese Genschere reguliert werden.» Für weltweite Empörung sorgte 2018 ein chinesischer Forscher, der die Geburt von Zwillingsmädchen bekanntgab, deren Erbgut er mit Crispr/Cas9 manipuliert hatte. Solch ein Missbrauch des Verfahrens bereite ihr Sorge, sagte Charpentier.

«Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna haben von Anfang an die ethische und soziale Komponente ihrer Forschung mitbedacht», sagte Peter Dabrock, ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, der Deutschen Presse-Agentur. «Das hat mich sehr beeindruckt.»

«Mir wurde oft gesagt, dass ich den Preis erhalten könnte», erzählte Charpentier. «Aber als es jetzt passierte, war ich dennoch überrascht.» Dirk Heinz vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, wo Charpentier von 2013 bis 2015 tätig war, beschreibt sie als «sehr konzentrierte und fokussierte Forscherin, die extrem hart arbeitet. Man möchte fast schon sagen: 24 Stunden arbeitet.»

Es ist der erste wissenschaftliche Nobelpreis, den sich ausschließlich Frauen teilen. In Chemie gab es zuvor erst fünf Preisträgerinnen. Barbara McClintock hatte den Medizinpreis 1983 alleine bekommen.

Die renommierteste Auszeichnung für Chemiker ist mit insgesamt zehn Millionen Kronen (rund 950.000 Euro) dotiert - eine Million Kronen mehr als im Vorjahr. Die feierliche Übergabe der Preise findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

Am Montag war der Nobelpreis für Medizin den Virologen Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) zuerkannt worden. Sie hatten maßgeblich zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus beigetragen.

Am Dienstag war verkündet worden, dass der deutsche Astrophysiker Reinhard Genzel den Nobelpreis für Physik erhält. Er hatte zugleich mit der US-Forscherin Andrea Ghez das supermassereiche Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße entdeckt. Zusammen mit ihnen wird der Brite Roger Penrose geehrt, der erkannte, dass die Bildung Schwarzer Löcher eine Vorhersage der Allgemeinen Relativitätstheorie ist.

Am Donnerstag folgt die Bekanntgabe des diesjährigen Nobelpreisträgers für Literatur und am Freitag desjenigen für Frieden.

© dpa-infocom, dpa:201007-99-856453/7

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 10. 2020
16:41 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alfred Nobel Astrophysikerinnen und Astrophysiker Biochemikerinnen und Biochemiker Biomedizin Chemiker Deutsche Presseagentur Emmanuelle Charpentier Infektionsforschung Jennifer Doudna Marie Curie Massachusetts Institute of Technology Max-Planck-Gesellschaft Mikrobiologen Nobelpreis für Chemie Nobelpreis für Physiologie oder Medizin Nobelpreise für Physik Nobelpreiskomitee Reinhard Genzel Relativitätstheorie Roger Penrose Universität Ulm
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Nobelpreise werden verkündet

05.10.2020

Medizin-Nobelpreis an Hepatitis-C-Forscher

Sie entdeckten einen potenziell tödlichen Erreger und machten Blutspenden wesentlich sicherer: Drei Virusforscher erhalten den Medizin-Nobelpreis. Millionen Menschen verdanken ihnen ihr Leben. » mehr

Sternentanz um Schwarzes Loch

16.04.2020

Rasanter Sternentanz um Schwarzes Loch bestätigt Einstein

Im Herzen unserer Galaxie sitzt ein gigantisches Schwarzes Loch. Darum zieht ein Stern eine besondere Bahn - und belegt so Einsteins berühmte Theorie. Nachgewiesen wurde das mit einer Messung über zweieinhalb Jahrzehnte. » mehr

Frances Arnold

04.10.2018

Nobelpreis für die Entwicklung «grüner Chemie»

Sie haben biologische Abläufe so verändert, dass sich Biotreibstoffe, Arzneien und vieles mehr umweltfreundlich herstellen lassen. Drei Forscher erhalten dafür den Chemie-Nobelpreis. Ihre Arbeiten hätten den Menschen grö... » mehr

Michael Houghton

05.10.2020

Nobelpreisträger Michael Houghton «extrem bescheiden»

Der Medizin-Nobelpreisträger Michael Houghton ist trotz seiner Erfolge extrem bescheiden geblieben und ein Mann mit Prinzipien. » mehr

Biontech

06.10.2020

Biontech nimmt erste Hürde Richtung Zulassung

Mit Biontech hat nun das zweite Unternehmen in Europa den Zulassungsprozess für einen Impfstoff begonnen. Eine Zulassung mit Auflagen wäre auch in der EU schon möglich, bevor die entscheidende Phase III der klinischen Pr... » mehr

Coronavirus - Gastronomie

07.05.2020

Forscher skeptisch über Corona-Lockerungen

Öffnung der Gastronomie und aller Geschäfte, schrittweise Rückkehr aller Schüler an die Schulen, Training im Freizeitsport erlaubt und eine Notbremse: Bund und Länder haben weitreichende Lockerungen der Anti-Corona-Maßna... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Wohnungsbrand Oberhof

Brand Oberhof Schloßbergstraße |
» 23 Bilder ansehen

Brand Halle Lengfeld

Brand Halle Lengfeld | 25.10.2020
» 6 Bilder ansehen

Keramikmarkt Römhild

Keramikmarkt Römhild |
» 45 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 10. 2020
16:41 Uhr



^