Lade Login-Box.
Topthemen: Ministerpräsidentenwahl ThüringenFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Wissenschaft

Löwenzahn im Autoreifen: Alternative zu tropischem Kautschuk

Die Firma Continental will einheimischen Naturkautschuk gewinnen und in ihren Autoreifen verarbeiten. Noch steckt die Technologie, Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln zu extrahieren, in den Kinderschuhen. Doch in Anklam entsteht ein Versuchslabor.



Löwenzahnwurzeln
Der Reifenhersteller Continental erforscht in Anklam den russischen Löwenzahn zur Gewinnung von Naturkautschuk für die Reifenherstellung.   Foto: Stefan Sauer/Illustration

Die weiße Pflanzenmilch im Löwenzahn klebt: Sie enthält Kautschuk. Der Reifenhersteller Continental will sich dies zunutze machen und künftig Kautschuk für Autoreifen aus Löwenzahnwurzeln statt ausschließlich aus tropischen Kautschukbäumen gewinnen.

Versuche dazu gab es schon in den 1930er Jahren unter anderem in der Sowjetunion sowie während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch es haperte an geeigneten Pflanzen und einer vernünftigen Extraktionstechnik, wie Professor Dirk Prüfer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sagt. Er ist Leiter eines Teams, das gemeinsam mit dem Reifenproduzenten nach Möglichkeiten suchte, den Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln zu extrahieren. Am Donnerstag eröffnete Continental im mecklenburg-vorpommerschen Anklam ein Forschungs- und Versuchslabor zur Kautschukgewinnung. Naturkautschuk ist heute noch für Lkw-Reifen sowie für Winterreifen für Pkw unerlässlich.

Die Investition betrug nach Unternehmensangaben 35 Millionen Euro, das Land steuerte 11,6 Millionen bei. Mittelfristig sollen auf dem 30 000 Quadratmeter großen Areal 20 Jobs entstehen. «Als erster Reifenhersteller weltweit investieren wir einen derart signifikanten Betrag in die Industrialisierung des Löwenzahnkautschuks», sagt Continental-Vorstandsmitglied Nikolai Setzer zur Eröffnung. Das Unternehmen sehe Russischen Löwenzahn als Alternative und Ergänzung zu dem Rohstoff aus dem Kautschukbaum (Hevea brasiliensis), um den global steigenden Bedarf umweltverträglich und verlässlich zu decken.

Bei positiven Versuchsergebnissen will Continental den Rohstoff binnen zehn Jahren in der Serienproduktion einsetzen. Das erste Muster eines Winterreifens mit einem Laufstreifen aus reinem Löwenzahnkautschuk kam laut Continental schon 2014 auf die Straße. 2016 folgte der erste Lkw-Reifen mit einem Laufstreifen aus sogenanntem Taraxagum-Kautschuk.

An dem Projekt haben Wissenschaftler der Universität Münster und des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME, das Julius-Kühn-Institut Quedlinburg und Continental sowie Pflanzenzüchter jahrelang gearbeitet. Als Rohstoff dient Russischer Löwenzahn, der kleiner ist, aber einen viel höheren Kautschukgehalt besitzt als die einheimische Pflanze, wie Prüfer erläutert. Die Wurzel bestehe zu etwa 15 Prozent aus Kautschuk. «Schon bei den ersten Experimenten zeigte sich, dass der Kautschuk so gut ist wie vom Kautschukbaum», sagt der Wissenschaftler. Inzwischen sei der Löwenzahn züchterisch so optimiert worden, dass der Gehalt an Inhaltsstoffen stabil ist.

Bei der Standortwahl für das Versuchslabor, das «Taraxagum Lab» nach dem lateinischen Namen Taraxacum für Löwenzahn, half der Zufall mit. Prüfer stellte die Idee 2013 in Anklam auf Biotechnologietagen vor und stieß in der Stadt auf Interesse. Alles weitere ergab sich: Geeignete Böden und große Flächen in der Umgebung, Landwirte, die zum Anbau des «Unkrauts» bereit waren, sowie Erfahrungen in der Stadt mit der Verarbeitung von Wurzeln - von Zuckerrüben. In Anklam produziert die einzige Zuckerfabrik Mecklenburg-Vorpommerns.

2017 bauten Landwirte von vier Unternehmen rund um das nahe gelegene Ducherow erstmals in größerem Umfang Löwenzahn an, auf etwa 30 Hektar. Anfang der Woche erntete die Ducherower Agrar GmbH ihre 12 Hektar große Fläche ab, wie ein Mitarbeiter sagt. Das Blattgrün bleibe auf dem Acker, die Wurzeln würden nach Anklam gebracht. Sorgen, dass der Löwenzahn sich in der Region jetzt überall verbreitet, gebe es in der Bevölkerung nicht. Der Russische Löwenzahn wildert nicht aus, wie Prüfer versichert.

Ziel seien größere Wurzeln und ein Ertrag von einer Tonne Kautschuk pro Hektar. Das entspräche dem Ertrag auf Kautschukplantagen, vergleicht Prüfer. Geerntet werden die Wurzeln vorläufig mit einer Möhrenerntemaschine. «Es muss aber eine spezielle Erntemaschine gebaut werden», sagt er.

Im Labor werden die Wurzeln in Mühlen mit Wasser zerquetscht, wobei der Kautschuk ausgewaschen wird, ohne dass giftige Lösungsmittel nötig seien. Die Rückstände können in die Biogasanlage gehen oder zu Bioethanol verarbeitet werden. Auch das ist Prüfer zufolge ähnlich wie bei der Zuckerrübenverarbeitung.

Veröffentlicht am:
06. 12. 2018
16:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Autoreifen Bioethanol Continental Fraunhofer-Gesellschaft Landwirte und Bauern Molekularbiologie Naturstoffe und Naturmaterialien als Wirtschaftsgüter Reifenhersteller Tropen Winterreifen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Insekten auf der Wiese

15.07.2019

Forscher wollen insektenfreundlichere Kuhweiden entwickeln

Beim Futteranbau für Kühe achten Landwirte in der Regel nicht darauf, ob ihre Wiesen insektenfreundlich sind. Forscher aus Oldenburg wollen das ändern und zudem zeigen, wie Naturschutz ohne Ertragseinbußen funktioniert. » mehr

«Ocean-Cleanup»

13.12.2019

«Ocean-Cleanup» will Plastik aus Ozeanen weiterverarbeiten

Berge von Plastikmüll verschmutzen die Ozeane. Mit dem Projekt «Ocean-Cleanup» will ein junger Niederländer dagegen angehen. Jetzt stellt er neue Pläne vor, darunter Recycling und Vermarktung des Mülls. » mehr

Karnevalsumzug bei Nacht

15.02.2020

An Karneval nicht dauerhaft die Nacht zum Tag machen

«Wir machen durch bis morgen früh», heißt ein beliebtes Partylied. Mit wenig Schlaf komme der Mensch zwar aus, meint ein Forscher. Zum Exzess sollte das aber nicht werden - auch nicht an Fastnacht. » mehr

Nasen-Chamäleon

05.02.2020

Neue Nasen-Chamäleonarten auf Madagaskar identifiziert

Forscher haben vier neue Chamäleon-Arten identifiziert. Der Gruppe der Nasenchamäleons seien zuletzt 12 Arten zugezählt worden, nun seien es 16, schreiben die Forscher aus Deutschland und Madagaskar im Fachjournal «Verte... » mehr

Roboter kann fliegen

17.01.2020

Roboter mit echten Taubenfedern kann fliegen

Durch die Lüfte gleiten wie eine Taube. Das kann auch ein Roboter, wenn sich deren Erbauer viel von den Vögeln abgeschaut haben. » mehr

Exoplanet TOI 700 d

08.01.2020

Teleskop «Tess» sichtet seinen ersten erdgroßen Exoplaneten

Das Weltraumteleskop «Tess» hat einen etwa erdgroßen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Gefahrgut Ammoniak Suhl Suhl

Amoniak-Austritt in Suhler Firma | 17.02.2020 Suhl
» 36 Bilder ansehen

14. Kristalmarathon

14. Kristallmarathon Merkers |
» 90 Bilder ansehen

Karneval Umzug Dietzhausen 2020 Dietzhausen

Karnevalsumzug Dietzhausen | 16.02.2020 Dietzhausen
» 136 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 12. 2018
16:23 Uhr



^