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Wissenschaft

Kleines Mädchen als großes Wunder

Die kleine Melina wiegt weniger als ein Pfund, als sie nach kurzer Schwangerschaft als Rekord-Frühchen auf die Welt kommt. Dem Klinikum Fulda gelingt es, das Leben des Mädchens zu retten. Doch Experten beäugen die Entwicklung in der Neugeborenen-Medizin auch kritisch.



Klinikum Fulda
Das medizinische Experten-Team des Klinikums Fulda kämpfte monatelang um das Leben und die Gesundheit des bei ihrer Geburt nur 450 Gramm schweren Mädchens.   Foto: picture alliance / dpa

Rund 13 Monate nach seiner Geburt konnte das Frühchen Melina aus dem Krankenhaus entlassen werden. Das Mädchen ist nach Angaben des Klinikums Fulda zusammen mit einem im Jahr 2014 in den USA geborenen Kind das jüngste Frühchen der Welt.

Das Krankenhaus stellte am Donnerstag Details zu dem Kind vor. Am Morgen des 5. März 2019 kam die kleine Melina zusammen mit ihrem Zwillingsbruder überraschend bei einer Notgeburt daheim im hessischen Lauterbach zur Welt. Mit einem Rettungswagen wurden die Säuglinge eilends ins Klinikum Fulda gebracht. Dass sie dort lebend ankamen, sei schon mal das erste «Wunder» gewesen. «Unglaublich» nannte dies der Direktor der Kinderklinik, Reinald Repp, im Rückblick. Denn die Schwangerschaft der Frau, die vorerst mit ihrem Mann anonym bleiben möchte, währte nur kurz. Sehr kurz. 21 Wochen und vier Tage, hieß es von Seiten des Klinikums. Normal sind 40 Wochen.

Im Klinikum Fulda kämpfte das medizinische Experten-Team monatelang um das Leben und die Gesundheit des bei ihrer Geburt nur 450 Gramm schweren 25,5 Zentimeter langen Mädchens. Am 22. April durfte es nach gut 13 Monaten Behandlung nach Hause. Ihr Zustand sei den Umständen entsprechend gut, sagte Repp. Doch eine sorgenfreie Entwicklungsperspektive kann er ihr nicht zusichern.

Melinas Zwillingsbruder schaffte es nicht. Er starb noch am ersten Tag. Mädchen haben nach übereinstimmender Expertise als extrem junge Frühchen bessere Überlebenschancen - warum weiß man nicht. In Fulda haben sie große Erfahrung und erzielen sehr gute Behandlungsergebnisse mit Frühchen. Bereits im Jahr 2010 kam dort Frühchen Frieda zur Welt. Nach 21 Wochen und fünf Tagen.

Seit einigen Jahren kommen immer häufiger extrem unreife Kinder zur Welt. Aufgrund des medizinischen Fortschritts kann ihnen der Weg ins Leben geebnet werden, etwa durch bessere Beatmungsmethoden. Doch nicht wenige der extrem unreifen Kinder tragen Auffälligkeiten, Gesundheitsprobleme, Schäden oder gar schwere Behinderungen davon. Deswegen warnt auch eine Fachgesellschaft vor einem Wettbewerb von Medizinern und Kliniken. «Ich halte nichts von der Diskussion um Rekord-Frühchen», sagte die Präsidentin der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI), Ursula Felderhoff-Müser, der Deutschen Presse-Agentur.

Die Professorin der Universität Essen erläutert: «Die Leistung ist nicht nur, dass die extrem unreif geborenen Kinder überleben, sondern auch wie danach die Lebensqualität ist. Bei vielen sehr jungen Frühchen werden erst im Laufe der Zeit die Folgeschäden sichtbar.»

Der Vorstandssprecher des Klinikums Fulda, Thomas Menzel, versicherte, es gehe ihnen nicht um einen Wettkampf oder eine Tabelle, wer das jüngste Frühchen behandelt habe. Der Leiter der Fuldaer Kinderklinik, Reinald Repp, betonte auch, man habe nicht gewusst, wie alt die Kinder waren, als sie mit dem Notarztwagen in die Klinik gekommen seien. Mit Blick auf die Behandlungserfolge der vergangenen Jahre hätten sie im Klinikum aber Zuversicht gehabt, Melina zu behandeln: «Wir versuchen, die medizinischen Möglichkeiten mit dem Mut, sich zum Leben zu bekennen, zu verbinden.» Im Zweifel müsse man sich immer fürs Leben entscheiden.

Deutschen Leitlinien zufolge müssen Frühchen, die vor der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, nicht lebenserhaltend behandelt werden. Doch die Eltern wollten, dass Melina eine Chance bekommt. Nun sind sie überglücklich und dankbar für die Arbeit von Medizinern und Schwestern, wie sie laut Angaben des Klinikums mitteilen ließen.

Bei derart unreif geborenen Kindern wie Melina bestehen große Risiken. Sie haben häufig Probleme mit Lunge, Hirn, Darm und Augen, die bis zum Erblinden führen können. Melina musste rund zweieinhalb Monate künstlich beatmet werden. Und ganz ohne Hilfe geht es immer noch nicht. «Wir hoffen, dass Melina in ein paar Monaten ganz ohne Atemunterstützung und ohne zusätzlichen Sauerstoff auskommen wird.» Dagegen spricht sie schon recht gut für ihr Alter. «Mama und Papa sagt sie schon», berichtete Repp glücklich.

Veröffentlicht am:
04. 06. 2020
16:26 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
04. 06. 2020
16:26 Uhr



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