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Wissenschaft

Die Lehre nach dem Tod

Was kommt nach dem Tod? Waltraud Leucht weiß zumindest, was dann mit ihrem Körper geschieht: Sie spendet ihn der Anatomie. Künftige Ärzte können sich so auf den Beruf vorbereiten.



Körperspenderin Waltraud Leucht
Waltraud Leucht mit ihrem Körperspendeausweis. Nach ihrem Tod will sie ihren Körper dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen zur Verfügung stellen.   Foto: Marijan Murat/dpa

Beim Gedanken an den Tisch ist Waltraud Leucht kurz schlecht geworden. Ihr Körper wird nach ihrem Tod auf einem liegen. Medizinstudenten werden ihn mit Skalpell und Pinzette bearbeiten und Hautschnitte setzen. 

Sie werden Schlüsselbein, Schilddrüse und Gehirn betrachten und anfassen, damit sie sich auskennen, wenn sie einmal Menschen operieren müssen. Aber dann verfliegt Leuchts Übelkeit bei dieser Vorstellung. Die 71-Jährige hat sich am Institut für Anatomie der Universität Tübingen als Körperspenderin eintragen lassen. «Es ist doch wunderbar, wenn ich etwas für die Wissenschaft tun kann», sagt die Rentnerin.

Rund 4000 künftige Körperspender stehen auf der Liste des Instituts. Etwa 80 von ihnen sterben pro Jahr. Ihre Leichname werden benötigt für chirurgische Fortbildungen und vor allem für die Präparationskurse, die Medizinstudenten ab dem zweiten Semester besuchen. Zehn Wochen lang beschäftigen sie sich gruppenweise mit je einem Körper. Mit jedem Nerv, jeder Arterie, jedem Muskel. 6000 anatomische Fachbegriffe verbinden sich mit einem Wunderwerk der Natur. «Die Beziehungen der Strukturen untereinander lassen sich nicht nur in einem Buch erlernen», sagt Institutsdirektor Bernhard Hirt. «Das muss man in der Hand halten.» Nach dem Kurs ist ein Körper vollständig zergliedert. Seine einzelnen Teile werden in einen Sarg gelegt.

Laut Hirt sind Universitätsprofessoren ebenso unter den Körperspendern wie Angestellte. Viele haben zu Lebzeiten von der Medizin profitiert und wollen etwas zurückgeben. Bei sehr dickleibigen Menschen, nach einem Unfall, einer meldepflichtigen Infektionskrankheit oder einer Tumorerkrankung mit vielen Metastasen kommt eine Spende nicht infrage - oder wenn es nur darum geht, Geld zu sparen. Die Bestattung der Spender bezahlt das Institut. Bei finanziellen Motiven lehnt es Spenden ab.

Das Ausfüllen eines Körperspende-Ausweises ist keine Entscheidung, die nur einen Menschen trifft. Ihre Tragweite spüren jene, die zurückbleiben. «Das Wichtigste ist, dass sich die Körperspender sehr gut mit ihren Angehörigen absprechen», sagt Hirt. Für die Hinterbliebenen verschieben sich die gesellschaftlichen Trauerkonventionen. Eine Beerdigung gibt es nicht. Vergehen in der Regel zwei Wochen vom Todesfall bis zum ritualisierten Abschied, dauert es bei Körperspendern zwei Jahre bis zur Trauerfeier und Urnenlegung.

Waltraud Leuchts einzige Verwandten sind ihre 80 Jahre alte Schwester und zwei Nichten. Sie stammt aus Stuttgart, nun lebt sie in Bad Liebenzell, vor ihrem Fenster bewegen sich Schwarzwaldwipfel im Wind. Ihr Hinterkopf ist rasiert, das silberne Deckhaar lang, an den Ohren baumeln Ringe, auf dem Shirt blinkt ein Peace-Zeichen aus Pailletten. In ihrer Wohnung reihen sich antiquarische Möbel an Collagen von pinken Vögeln und Janis-Joplin-Plattencover, alles ist quietschbunt, auch der Tod: An der Wand hängt das Bild eines farbigen Skeletts, das an den «Dia de Muertos», den mexikanischen Totengedenktag, erinnert.

So unverkrampft konnte Leucht nicht immer mit dem Thema umgehen. Ihr Vater starb, da war sie 20, ihre Mutter ist tot, ihr bester Freund erlag einem Lymphom, mit 48 bekam sie selbst Krebs. Kinder hat sie nicht. Partner? «Alle gestorben.» Der Tod hat der früheren Journalistin viel Beschäftigung mit sich aufgezwungen. «Das hat dazu geführt, dass ich fürchterliche Angst vor ihm hatte», sagt Leucht. Sie litt an Panikattacken. Waltraud Leucht wurde nicht religiös erzogen, an ein Leben nach dem Tod glaubt sie nicht.

Stirbt ein Körperspender, nehmen zunächst Präparatoren die sogenannte Fixierung vor: Sie injizieren eine Lösung ins Gefäßsystem, die den Körper haltbar macht. Sein Aussehen verändert sich, Falten werden geglättet, Haare entfernt, die individuellen Züge verschwinden. Der Name des Toten wird durch eine Nummer ersetzt, der menschliche Leichnam zum Lehrmaterial. Rund sechs Monate dauert der Konservierungsprozess, bis die Studenten im Präparationskurs an einem Körper arbeiten können.

An der Tübinger Universität ist der Kurs fester Bestandteil der Ausbildung - schon im 15. Jahrhundert holte sich der Gründungsdekan die päpstliche Erlaubnis dafür. Das ist nicht überall so. An anderen Hochschulen üben die Nachwuchsmediziner an Plastikmodellen. An manchen Standorten wird Hirt zufolge überlegt, den Kurs einzusparen und durch eine Schulung an Touchpads zu ersetzen. Hirt fürchtet um den Lerneffekt eines echten Körpers, der echte OP-Bedingungen schaffen soll. «Ich sehe das als Riesenproblem auf uns zukommen, dass wir uns gegenüber digitalen Möglichkeiten verteidigen müssen», sagt er.

Nach Ende des Kurses, vor der Feuerbestattung, organisieren die Studenten eine Aussegnungsfeier in der Tübinger Stiftskirche. Sie wählen Lieder und Texte aus, singen im Chor, musizieren im Orchester, gestalten einen Lichterweg mit Kerzen. Die Angehörigen aller Spender werden eingeladen, meist kommen um die 800. Die Namen der Körperspender werden vorgetragen, aus den Nummern werden wieder Menschen.

Waltraud Leucht war dabei. Eine Freundin ihrer Mutter war Körperspenderin. «Diese Feier hat mich dermaßen beeindruckt», sagt Leucht. Die Studenten seien so dankbar gewesen. Sie zerriss ihren Organspende-Ausweis und unterschrieb als Körperspenderin. Andere reagieren oft schockiert, wenn sie davon erzählt. Leucht selbst hat sich ihr Urnengrab auf dem Tübinger Waldfriedhof schon angesehen. Im Alltag denkt sie nicht daran. Die Panikattacken sind weg. «Jetzt hab ich Klarheit», sagt sie. Nur Krimis könne sie im Fernsehen nicht mehr so gut schauen.

© dpa-infocom, dpa:200802-99-12139/2

Veröffentlicht am:
02. 08. 2020
09:41 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
02. 08. 2020
09:41 Uhr



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