Lade Login-Box.
Corona Newsletter Gemeinsam handeln
Topthemen: #GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilft

Wissenschaft

DNA-Analyse 3.0: Das Täterprofil aus dem DNA-Labor

Eine neue DNA-Analysemethode könnte bislang ungeklärte Mordfälle aufklären und Ermittlern Hinweise auf das Aussehen eines Täters liefern. Doch in Deutschland ist dies - im Gegensatz zu vielen europäischen Landern - noch verboten.



DNA-Labor
Zellen für eine DNA-Probe werden in ein Reaktionsgefäß überführt.   Foto: Sven Hoppe/Archiv

Es war der Mord an Marianne V., der die Niederlande zum Umdenken brachte. Das 16-jährige Mädchen war 1999 in der Nähe eines Asylbewerberheims in Nordholland vergewaltigt und ermordet worden.

Prompt gerieten drei Asylbewerber unter Verdacht. Rechtspopulisten heizten die Stimmung an, die fast in Gewalt umschlug.

Der Mord wurde nicht aufgeklärt und blieb jahrelang ein «Cold Case» - bis ein Wissenschaftler, auf eigene Faust und ohne Rechtsgrundlage, die Spuren 2012 einer neuartigen DNA-Analyse unterzog. Dabei fand er heraus, dass die Täter-DNA einem Mittel- oder Nordeuropäer zuzurechnen ist. Die Asylbewerber waren entlastet.

Bald wurde der friesische Bauer Jasper C. festgenommen, überführt und verurteilt. Ihm wurde die neue DNA-Analyse 3.0 zum Verhängnis, die sogenannte Phänotypisierung: Sie lässt - unter bestimmten Umständen - Aussagen über Alter, Haar-, Haut- und Augenfarbe sowie die biogeographische Herkunft des Verdächtigen zu. Ein Täterprofil aus dem DNA-Labor.

Der Fall habe dafür gesorgt, dass die neue Methode in den Niederlanden inzwischen anerkannt und zugelassen ist, berichtet die Anthropologie-Professorin Amade M'charek von der Universität Amsterdam jüngst bei einer Fachtagung der NRW-Akademie der Wissenschaften in Düsseldorf. Das neue DNA-Täterprofil kann die Gruppe der Verdächtigen eingrenzen, auch wenn die DNA des Täters unbekannt und nicht in einer Datenbank gespeichert ist. Die herkömmliche DNA-Analyse läuft in solchen Fällen ins Leere.

Doch die neue Methode steht unter Diskriminierungsverdacht. Weist die DNA auf einen Täter einer ethnischen Minderheit hin, ist das zwar ein wertvoller Hinweis für die Ermittler, bringt diese Gruppe aber leicht in Verruf.

Eine Gruppe Freiburger Wissenschaftler kritisierte, der Nutzen der Methode sei nicht so groß wie behauptet. Besonders schwierig sei die Bestimmung einer Herkunft aus dem Nahen und Mittleren Osten. Außerdem handele es sich um Wahrscheinlichkeitsaussagen mit entsprechender Fehleranfälligkeit. Dem halten Molekularbiologen entgegen, dies treffe auf Zeugenaussagen in viel größerem Ausmaß zu.

Der Kölner Molekulargenetiker Prof. Peter Schneider etwa ist für den Einsatz des DNA-Täterprofils. Er führt den Fall Eva Blanco an, die 1997 in einem Ort bei Madrid einem Sexualmord zum Opfer fiel. Zwar gab es Spermaspuren, aber der Täterkreis konnte nicht eingegrenzt werden. Der Fall blieb lange ungeklärt - bis 2015 ein DNA-Täterprofil erstellt wurde. Dabei kam heraus, dass der Mörder mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Nordafrika stammt.

Das grenzte den Täterkreis auf die 300 Männer der marokkanischen Minderheit des Ortes ein. Bei einem Massen-Gentest war zwar nicht der Täter unter den Freiwilligen, die eine Speichelprobe abgaben - aber zwei seiner Brüder, wie anhand ihrer sehr ähnlichen DNA schnell klar war. Er selbst wurde daraufhin in Frankreich verhaftet, wohin er sich nach dem Mord abgesetzt hatte.

Der Koalitionsvertrag von Union und SPD sieht die Einführung der erweiterten DNA-Analyse vor, wie der Bioethiker Professor Dieter Sturma aus Bonn berichtet. Die Initiative mehrerer Bundesländer, das DNA-Täterprofil auch in Deutschland zuzulassen, sei aber derzeit irgendwo im Gesetzgebungsverfahren steckengeblieben. Außerdem fehle im Koalitionsvertrag die aus Sicht vieler Experten wichtigste Kategorie - die biogeographische Herkunft.

Veröffentlicht am:
18. 02. 2019
09:50 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Desoxyribonukleinsäure Ermittler Koalitionsvertrag Minderheiten Molekularbiologen Mord Mordfälle Peter Schneider SPD Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Friedrich-Miescher-Laboratorium

30.09.2019

Wie Friedrich Miescher die DNA entdeckte

Die Erbsubstanz DNA ist eine Grundlage des Lebens. Ihre Entdeckung ist eine schwäbische Angelegenheit. Friedrich Miescher gelang das vor 150 Jahren in Tübingen. » mehr

Fragment des Murchison Meteoriten

18.11.2019

Forscher finden biologisch bedeutenden Zucker in Meteoriten

Ein wahrer Zuckerregen könnte einst auf Erde, Mars und andere junge Planeten niedergegangen sein. Das zumindest vermuten Forscher, die einen 1969 in Australien eingeschlagenen Meteoriten näher unter die Lupe nahmen. » mehr

Heiliger Ibis

14.11.2019

Tier-Mumien: Ägypter opferten Millionen heiliger Vögel

Heilige Ibisse wurden im antiken Ägypten zu Millionen geopfert und in Kultstätten gelagert. Der Vogel verkörperte den Gott der Weisheit und Wissenschaft, Thot. Doch wie kamen die Priester vor rund 2500 Jahren an solche M... » mehr

Mord in der Altsteinzeit

04.07.2019

33.000 Jahre später: Forscher weisen Gewalttat nach

Rund 33.000 Jahre nach dem Tod eines Mannes haben Forscher nachgewiesen, dass er wohl Opfer einer Gewalttat wurde. Auch den ersten modernen Europäern lagen demnach Mord und Totschlag nicht fern, schließen die Wissenschaf... » mehr

Stau

27.06.2019

Erhitzte Gemüter - führt der Klimawandel zu mehr Gewalt?

Wenn die Sonne knallt und der Schweiß läuft, reißt einem schnell der Geduldsfaden. Das kennt jeder, der schon einmal ohne Klimaanlage im Stau stand. Aber droht deshalb mit dem Klimawandel eine Zunahme von Gewalt, wie man... » mehr

Gebrauch von E-Zigarette

07.09.2019

Lungenschäden durch E-Zigaretten? Verdachtsfälle verdoppelt

Warum werden junge und gesunde Menschen in den USA nach dem Rauchen von E-Zigaretten plötzlich reihenweise krank? Die Ermittler machen bei diesem Rätsel Fortschritte, doch die Meldungen über Tote häufen sich. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Pkw Unfall Meiningen Meiningen

Pkw Unfall Meiningen | 07.04.2020 Meiningen
» 3 Bilder ansehen

Motorradunfall Schleusingerneundorf Schleusingerneundorf

Motorradunfall Schleusingerneuendorf | 06.04.2020 Schleusingerneundorf
» 6 Bilder ansehen

Flächenbrand Sonneberg 05.04.20 Rottmar

Flächenbrand Sonneberg | 05.04.2020 Rottmar
» 11 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
18. 02. 2019
09:50 Uhr



^