Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Wissenschaft

Baumfällungen in der EU haben stark zugenommen

In der EU werden Forschern zufolge immer mehr Waldflächen gefällt. Das könnte auch Auswirkungen auf das Klima haben. In Deutschland sieht es jedoch anders aus.



Baumfällungen in der EU haben stark zugenommen
Ein Baumstamm mit der polnischen Aufschrift «Dieser Baum war mehr als 100 Jahre alt».   Foto: Natalie Skrzypczak/dpa

Der Holzeinschlag in den Ländern der EU hat sich einer Studie zufolge drastisch erhöht: Von 2016 bis 2018 lag die Holzentnahme um 49 Prozent höher als im Zeitraum 2011 bis 2015.

Dies haben Wissenschaftler der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission im italienischen Ispra bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen entdeckt. Das Team um Guido Ceccherini macht vor allem die gestiegene Nachfrage nach Holz als nachhaltigen Roh- und Brennstoff für den Anstieg der Rodungen verantwortlich.

«Wenn die Waldernte in einem solchen Umfang weiter anhält, könnte die EU-Vision einer waldbasierten Klimaschutzminderung nach 2020 beeinträchtigt werden», schreiben die Forscher im Fachjournal «Nature».

Derzeit seien etwa 38 Prozent der Landfläche in der EU mit Wald bedeckt. Die Bäume nähmen etwa 10 Prozent des in der EU ausgestoßenen Kohlendioxids (CO2) auf. Halte der festgestellte Trend an, dann könnten die Wälder weniger CO2-Emissionen kompensieren. In diesem Fall wären zusätzliche Emissionsminderungen in anderen Sektoren notwendig, um bis 2050 die zugesagte Klimaneutralität der EU zu erreichen, mahnen die Forscher.

Ceccherini und Kollegen untersuchten die Veränderungen bei den Wäldern in 26 EU-Staaten (ohne Malta und Zypern) in den Jahren 2004 bis 2018 auf der Basis von Satellitenbildern. Die grundlegende digitale Karte hatte eine Auflösung von 30 Metern, so dass auch kleinere Rodungsflächen gut erkennbar waren. Die Forscher sehen ihre Untersuchung als eine Maßnahme zur Quantifizierung der abgeernteten Waldflächen an, die unabhängig von offiziellen Statistiken ist und einige der Einschränkungen der nationalen Bestandsaufnahmen überwindet.

Für den Anstieg der Rodungen um fast 50 Prozent sehen die Forscher drei mögliche Gründe: Da ist zum einen die Alterung der europäischen Wälder, die das Entnehmen einer größeren Anzahl von «reifen» Bäumen notwendig mache. Dieser Grund könne aber höchstens 10 Prozent des beobachteten Anstiegs erklären. Zum anderen könnten Ereignisse wie Waldbrände oder Sturmschäden zu Holzverlusten führen - diese Verluste hatten die Forscher aber schon von vornherein herausgerechnet. Damit bleibt nach ihrer Auffassung die gestiegene Nachfrage nach Holz übrig, die auch von den statistischen Organisationen der Vereinten Nationen und der EU, Faostat und Eurostat, bestätigt werde.

«Dieser bemerkenswerte Anstieg der Abholzungsfläche ist besonders in Ländern mit relevanten forstwirtschaftlichen Aktivitäten (z. B. Bioenergiesektor, Papierindustrie), zu verzeichnen», schreiben die Studienautoren. Rodungen in Schweden und Finnland machten mehr als 50 Prozent des Anstiegs aus. Auf Polen, Spanien, Frankreich, Lettland, Portugal und Estland entfielen zusammen rund 30 Prozent.

Deutschland ist im Übrigen nicht von dem Trend erfasst worden: Hier haben die Waldflächen 2016 bis 2018 im Vergleich zum Zeitraum 2004 bis 2015 sogar um 7 Prozent zugenommen. Nur Belgien (18 Prozent) und die Niederlande (9 Prozent) hatten höhere Zuwachsraten.

Die Forscher sehen in ihren Methoden zur satellitengestützten Erfassung der EU-Waldflächen wichtige Instrumente: «Solche Ansätze werden die Umsetzung der waldbezogenen Politik im Rahmen des europäischen Green Deal verbessern und die Anforderungen an die Berichterstattung und Überprüfung von Treibhausgasen im Rahmen des Pariser Übereinkommens erfüllen.» Der «Green Deal» soll die Europäische Union bis 2050 klimaneutral machen, so dass nicht mehr CO2 ausgestoßen als auf anderen Wegen wieder aufgenommen wird.

Die massive Zunahme der berechneten Holzeinschläge in Nord-Europa sei in dieser Höhe doch überraschend, sagte Marcus Lindner vom European Forest Institute (EFI) in Bonn. «Da die im Anhang gezeigten nationalen Statistiken deutlich geringere Zuwächse aufweisen, erscheinen hier detaillierte Vergleiche angezeigt, um die gefundenen Trends zu verifizieren.»

Die Studie zeige «die sehr dramatischen Verluste an Waldfläche und Biomasse, die sich durch den Wunsch, stärker auf Bioenergie zu setzen, ergeben», gibt Christine Fürst von der Universität Halle-Wittenberg zu bedenken. Kahlschläge würden sicherlich zum Teil aufgeforstet. Durch sie werde jedoch der Humus abgebaut der ein wichtiger Kohlenstoffspeicher sei.

Die Studie zeige sehr gut «den sich ändernden Holzeinschlag in den letzten Jahren in einigen Regionen Europas» kommentierte Almuth Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und verwies darauf, dass sich ein fortsetzender Trend der Abholzung mittelfristig negativ auf die CO2-Bilanz europäischer Wälder auswirken könnte. «Unabhängig davon muss man auch bei dieser Studie mal wieder darauf hinweisen, dass die Erreichung der Klimaziele nicht "dem Wald" überlassen werden kann, sondern auf einer schnellen Dekarbonisierung (der Abkehr von Kohle, Öl und Gas) der Wirtschaft fußen muss.»

© dpa-infocom, dpa:200701-99-627937/5

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
01. 07. 2020
17:17 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Europäische Kommission Europäische Union Eurostat Institute Karlsruher Institut für Technologie Kohlendioxid Treibhausgase UNO Wald und Waldgebiete Waldbrände
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Remdesivir

11.07.2020

Hersteller: Remdesivir senkt Covid-Sterberisiko

Die Corona-Pandemie hat die Aids-Konferenz ins Internet verlegt - und sich auch gleich selbst auf die Tagesordnung gesetzt. Zum Abschluss sprachen bekannte Experten - und es gibt neue Forschungsergebnisse zu Remdesivir. » mehr

Möwen fliegen über der Nordsee

30.07.2020

Alte Bohrlöcher lassen Methan aus der Nordsee entweichen

In der Nordsee werden Öl und Gas gefördert. Nicht nur die Förderung verschmutzt die Umwelt. Auch die Bohrlöcher wirken noch lange nach, wie eine neue Studie zeigt. » mehr

Treibhausgas Methan

15.07.2020

Neue Höchstwerte beim Treibhausgas Methan

Methan hat eine weitaus stärkere Treibhauswirkung als Kohlendioxid. Umso bedenklicher ist, dass durch Aktivitäten des Menschen immer größere Mengen in die Atmosphäre gelangen. Die Corona-Lockdowns bringen kaum Besserung ... » mehr

Abgeholzt

22.05.2020

UN-Report: Mit dem Verschwinden des Waldes sterben die Arten

Jedes Jahr verschwinden von der Erde rund zehn Millionen Hektar Wald - das ist eine Fläche, die fast so groß ist wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. » mehr

Roland Kaiser live in Coburg

16.08.2019

Flächenbrände schädigen Klima weniger als angenommen

Waldbrände wie in Sibirien setzen enorme Mengen CO2 frei. Nun berichten Forscher, dass solche Flächenbrände der Atmosphäre langfristig sogar Kohlenstoff entziehen können. Wie geht das? » mehr

Leere Autobahn

25.05.2020

Erdbeben-Forscher profitieren von Corona-Lockdown

Der Corona-Lockdown ließ die Menschen innehalten - und die Erde auch: Sie war deutlich ruhiger. Erdbeben-Forscher freut das. Denn plötzlich ist da etwas, das vorher nicht aufzuspüren war. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Dachstuhl geht in Flammen auf

Dachstuhlbrand in Sonneberg |
» 29 Bilder ansehen

Unwetter Meiningen 11.08.20 Meiningen

Starkregen in Meiningen | 11.08.2020 Meiningen
» 4 Bilder ansehen

Lkw mit Gülle an Bord kippt um Meiningen

Mit Gülle beladener Lkw kippt um | 11.08.2020 Meiningen
» 24 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
01. 07. 2020
17:17 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.