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Wissenschaft

Alarm im Feld: Hamster sind überall vom Aussterben bedroht

Einst als Plage verschrien ist der oft gejagte und vergiftete Feldhamster nun offiziell vom Aussterben bedroht. Problem sind aber nun weniger Flinte und Köder, sondern womöglich eine Errungenschaft der Zivilisation.



Feldhamster
Der vom Elsass bis nach Sibirien einst millionenfach verbreitete Feldhamster ist jetzt offiziell in seinem gesamten Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht.   Foto: Uwe Anspach/dpa

Der in Deutschland sehr rar gewordene Feldhamster ist jetzt offiziell in seinem gesamten Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht.

Das geht aus der neuen Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten der Weltnaturschutzunion (IUCN) hervor. Auch Lemurenarten und ein Glattwal im Atlantik sind neu vom Aussterben bedroht, wie die IUCN am Donnerstag in Gland bei Genf berichtete.

In der Europäischen Union wird der Feldhamster (Cricetus cricetus) schon streng geschützt, aber bei der IUCN galt er bislang mangels Erhebungen gar nicht als gefährdet. Naturschützer hatten gedacht, es gebe noch jede Menge der putzig aussehenden Nager in Osteuropa und Russland. Das war ein Trugschluss. «Wenn sich nichts ändert, wird der Feldhamster in den nächsten 30 Jahren aussterben», warnt die IUCN jetzt. «Wie sich herausgestellt hat, reicht die Katastrophe bis nach Sibirien», sagt Feldhamster-Expertin Stefanie Monecke vom Institut für Medizinische Psychologie an der Universität München der Deutschen Presse-Agentur.

Zwischen dem Elsass und dem Fluss Jenissei in Sibirien waren die Feldhamster einst millionenfach zu Hause. Für Bauern waren die «Architekten unter dem Acker» eine Pest, weil sie Felder untertunnelten und Ernten auffraßen. Für jeden erlegten Hamster wurden Prämien gezahlt, um der Plage Herr zu werden. Allein im Landkreis Halle wurden in den 50er Jahren im Jahr Zehntausende tote Tiere abgeliefert, sagt Monecke. «Es gibt Schätzungen, dass die Population seit den 50er Jahren um 99 Prozent zurückgegangen ist und es nur noch 10 000 Exemplare in ganz Deutschland gibt.»

Vermutet wird, dass den Tieren die riesigen Monokulturen auf den Feldern nicht gut tun. Auch wird anders als früher schneller geerntet und den Hamstern damit innerhalb von Stunden ihr Lebensraum genommen. Zwar seien viele deutsche Bauern längst hamsterfreundlich geworden, sagt Monecke. Seit 20 Jahren würden Streifen mit Wildpflanzen zwischen Feldern gelassen oder es werde später geerntet. Das habe den Rückgang zwar verlangsamt, konnte ihn aber bislang nicht stoppen.

Die Spezialistin, die sich mit Chronobiologie, also den zeitlichen Abläufen physiologischer Prozesse und wiederholten Verhaltensmustern befasst, vermutet andere Probleme. Sie hat festgestellt, dass die Feldhamster seit den 50er Jahren immer weniger Junge bekommen. Es gibt weniger Würfe im Jahr mit weniger Jungtieren. 1954 seien es im Schnitt noch neun Jungtiere pro Wurf gewesen, 2015 noch 3,4.

Lichtverschmutzung könnte eine Ursache sein, glaubt Monecke. Hamster hätten eine innere Uhr, die steuert, wann sie mit der Reproduktion im Sommer aufhören und wann sie aus dem Winterschlaf aufwachen. Diese Uhr wird im Sommer justiert, und dafür sei die präzise Wahrnehmung des Sonnenuntergangs nötig. Künstliche Lichtquellen könnten das verwischen. Auch zu wenig Licht könnte ein falsches Signal erzeugen.

«Wenn der Mähdrescher kommt und das Feld innerhalb von wenigen Stunden kahl ist, verkrümelt sich der Hamster in seinen Bau und sitzt dann im Dauerdunkel», sagt sie. Für die innere Uhr des Hamsters heiße das, weil teils wegen des Klimawandels schon im Juni oder Juli gemäht werde: jetzt ist Winter. Es gebe ein Paradox: je früher der Hamster auf Winter umschalte, desto später fange er im Folgejahr mit der Reproduktion an und bekomme weniger Junge.

Der Goldhamster (Mesocricetus auratus) im Käfig trägt übrigens nicht zum Erhalt des Feldhamsters bei. Es handelt sich dabei um eine andere Art, die ursprünglich aus Syrien stammt.

Warum braucht die Welt Feldhamster? «Sie sind in eine riesige Nahrungskette eingebunden», sagt Monecke. Raubvögel, die keine Hamster mehr finden, müssten kleinere Nager jagen, dafür öfter rausfliegen, was auch ihr Leben dann durcheinanderbringe. Mit der neuen IUCN-Einstufung hofft Monecke auf neue Forschungsgelder, um den Ursachen für ihr Verschwinden und vor allem dem rätselhaften Rückgang der Reproduktionsrate systematisch auf den Grund gehen zu können.

Der Europäische Gerichtshof hat das Recht von Feldhamstern auf ihren Lebensraum Anfang Juli erst gestärkt. Ihre Bauten dürften auch dann nicht zerstört werden, wenn die Tiere diese zwar gerade nicht nutzen, aber womöglich dorthin zurückkehren. Hintergrund war ein Fall in Österreich, wo Hamsterbauten für eine Straße zerstört worden waren. Im Mai hat der Umweltverband Bund Naturschutz Bayern Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt, weil Bayern seiner Ansicht nach keine wirksamen Maßnahmen ergriffen hat, um ein Aussterben zu verhindern.

Die IUCN stufte auch 13 Lemuren-Arten als stärker gefährdet ein. 103 der 107 Lemuren-Arten sind jetzt wegen Abholzung und Jagd in Madagaskar vom Aussterben bedroht. Dazu gehört Madame Berthes Mausmaki (Microcebus berthae), die kleinste Affenart der Welt mit einer Körperlänge von nur rund zehn Zentimetern. Auch der Glattwal Atlantischer Nordkaper (Eubalaena glacialis) ist neu vom Aussterben bedroht. 2018 gab es nach Schätzungen nur noch 250 Exemplare. Die Wale folgten Beutetieren, die wegen höherer Ozeantemperaturen Richtung Norden zögen. Dort verhedderten sie sich öfter in Fischernetzen oder würden von Booten verletzt.

Insgesamt sind in der seit 1964 geführten Roten Liste inzwischen gut 120 000 Tier- und Pflanzenarten (vorher: gut 116 000) erfasst. Die Liste wird jedes Jahr mindestens einmal aktualisiert. Vom Aussterben bedroht sind heute mehr als 32 000 Arten. Das sind Arten, die nach Meinung der IUCN ohne Schutzmaßnahmen nicht überleben werden. Unterteilt sind sie in drei Stufen: «gefährdet», «stark gefährdet» und «vom Aussterben bedroht». In dieser höchsten Kategorie sind einschließlich Feldhamster jetzt 6 811 Arten (vorher 6 523).

© dpa-infocom, dpa:200709-99-731015/3

Veröffentlicht am:
09. 07. 2020
15:08 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
09. 07. 2020
15:08 Uhr



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