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Wissenschaft

70 Jahre nach Kinsey-Report: Große deutsche Sex-Studie

Der Kinsey-Report beschrieb vor 70 Jahren das Liebesleben in den USA. Deutsche Forscher interessierten sich bislang mehr für den Sex von Studenten und Arbeitern. Eine neue Studie soll nun die sexuelle Gesundheit der Bevölkerung insgesamt erkunden.



Paar im Bett
Ein Paar liegt im Bett. Das Liebesleben der Deutschen ist Teil einer großangelegten Studie.   Foto: Christophe Gateau

Wie oft hatten Sie in den letzten vier Wochen Sex? Welche sexuellen Wünsche haben Sie? Wissen Sie, was Chlamydien sind? Fragen dieser Art sollen 5000 repräsentativ ausgewählte Männer und Frauen in ganz Deutschland in den nächsten Monaten beantworten.

Hamburger Forscher wollen in der Studie das Sexualverhalten der Bevölkerung ergründen. Ein Schwerpunkt soll dabei das Wissen über sexuell übertragbare Krankheiten sein.

«Die Ergebnisse sollen dabei helfen, Präventions-, Vorsorge- und Versorgungsmaßnahmen im Bereich der sexuellen Gesundheit zu entwickeln», sagt der Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Uniklinikum Eppendorf, Peer Briken. Das Risiko, sich mit Chlamydien-Bakterien oder anderen Erregern von Geschlechtskrankheiten zu infizieren, sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Das dreijährige Forschungsprojekt zur Gesundheit und Sexualität in Deutschland (GeSiD) wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefördert. «Für eine passgenaue und gelingende Prävention sind wissenschaftliche Daten unerlässlich», sagt deren Leiterin Heidrun Thaiss.

Im Unterschied zu fast allen anderen westlichen Ländern gebe es in Deutschland bislang keine breite Studie zum Sexualverhalten. «Man muss sich klarmachen, dass wir so viele Jahre nach Kinsey, der Ende der 1940er Jahre seine Untersuchungen in den USA durchführte, für Deutschland nach wie vor keinen repräsentativen Sex-Survey haben», sagt Briken. Die Studien des US-Zoologen und Sexualforschers Alfred Kinsey über die männliche und weibliche Sexualität hatten weltweit für Aufsehen gesorgt.

In Deutschland seien in den vergangenen Jahrzehnten zwar zahlreiche Studien zur Sexualität gemacht worden, doch dabei sei immer nur ein Teil der Bevölkerung berücksichtigt worden, etwa Studenten. «Es gab in den frühen 70er Jahren auch eine Untersuchung zur sogenannten Arbeiter-Sexualität, was uns als Kategorie heute selbstverständlich merkwürdig anmutet», sagt Briken. Das Robert Koch-Institut (RKI) habe in mehreren Studien Daten zu bestimmten Erkrankungen gesammelt. Bei der jetzt beginnenenden Befragung gehe es um ein breites Konzept von sexueller Gesundheit, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert habe.

Laut WHO-Definition setzt sexuelle Gesundheit voraus, dass es eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen gibt sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen - frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Die sexuellen Rechte aller Menschen müssten geachtet, geschützt und erfüllt werden, fordert die Organisation. Briken und Kollegen verfolgen einen entsprechend breiten Ansatz. Zu den Themen des Fragenkatalogs gehören neben sexuellen Funktionsstörungen auch Traumatisierung und Gewalt, sexuelle Orientierung, Diskriminierung und Pornografie. «Aus unserer Sicht ist es ein Meilenstein in der deutschen Forschung», sagt Briken über das Projekt.

Doch wer erzählt einem Fremden, wie er bei einem One-Night-Stand ein Kondom benutzt oder ob er schon mal Analverkehr hatte? «Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung, der wir uns qualifiziert stellen wollen und können», sagt der Sexualforscher. Sein Institut hat darum im vergangenen Jahr bereits eine Pilotstudie gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass Menschen in direkten Interviews eher zu Auskünften bereit sind als nach dem Versand von Fragebögen. Die Rückläuferquote betrug in den Interviews 18 Prozent. Nun hoffen die Forscher auf eine Quote von 35 Prozent.

Das Sozialforschungsinstitut Kantar Emnid hat dafür 200 Interviewer ausgewählt und geschult. Sie sollen nach einer schriftlichen Vorankündigung die Studienteilnehmer zu Hause aufsuchen und im Zweiergespräch befragen. Frauen werden von Frauen interviewt, Männer von Männern. Wird einem Teilnehmer eine Frage zu intim, könne er die Antwort auch in das Laptop des Interviewers tippen, ohne das der den Text lesen könne, heißt es. Die Forscher versichern, dass streng auf Datenschutz und Vertraulichkeit geachtet werde. Die Ergebnisse sollen nur anonymisiert ausgewertet werden.

Befragt werden Menschen zwischen 18 und 75 Jahren - egal, ob sie sexuell aktiv sind oder nicht. Den Forschern ist klar, dass sie nicht die gesamte Bevölkerung erreichen werden. Wer etwa kein Deutsch versteht, chronisch krank ist oder im Gefängnis sitzt, fällt raus. «Das ist ein Wermutstropfen», sagt Briken. Ende nächsten Jahres sollen erste Ergebnisse der Studie vorliegen.

Veröffentlicht am:
04. 11. 2018
12:57 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
04. 11. 2018
12:57 Uhr



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