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Wirtschaft

Zu wenig «Bruderhähne» für einen Stopp des Kükentötens

Gut 45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr getötet, weil sie sich nicht für die Mast eignen. Auch Forscher aus Hannover suchen nach einer Alternative. Aber eine Lösung für die breite Masse sind diese Projekte nicht.



Küken
Rund 45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr getötet, weil sie sich nicht für die Mast eignen.   Foto: Jens Büttner/zb/dpa

Was früher üblich war, soll es wieder geben: Projekte wie die «Bruderhahn»-Initiative oder die so genannten Zweinutzungshühner können zum Teil das Töten männlicher Eintages-Küken verzichtbar machen.

Rund 45 Millionen frisch geschlüpfte Küken werden bislang alljährlich getötet, weil sie das falsche Geschlecht haben: Sie gehören zu einer Geflügellinie, die auf das Legen von Eiern hin optimiert wurde. Während die Weibchen als Legehennen begehrte Nutztiere sind, hat die auf höchste Effizienz getrimmte Geflügelbranche für die männlichen Tiere keine rechte Verwendung.

«Bruderhahn» und «Zweinutzungshuhn» sollen das praktizieren, was vor der Industrialisierung der Landwirtschaft üblich war: Für die Mast und die Eierproduktion wird ein und dieselbe Hühnerrasse verwendet. Während man unter «Bruderhähnen» Tiere aus den heute gebräuchlichen Legehennenlinien versteht, sind «Zweinutzungshühner» eigens gezüchtete Rassen, die sich sowohl fürs Eierlegen als auch für die Mast eignen.

Vor etwa einem Jahr stellte die Tierärztliche Hochschule Hannover Forschungsergebnisse zu einem neu gezüchteten «Zweinutzungshuhn» vor. Nach wie vor gebe es viele offene Fragen und Bedarf an weiteren Züchtungen, sagt Forschungsleiterin Silke Rautenschlein. Im Vergleich zu den konventionellen Hühnern legen die Weibchen der «Zweinutzungshühner» weniger Eier - statt rund 300 im Jahr sind es nur 250. Unterschiede gibt es auch bei den Hähnchen: Die «Zweinutzungshähne» müssen etwa doppelt so lange gehalten werden wie konventionelle Masthähnchen, um mit einem Gewicht von zwei Kilo geschlachtet werden zu können.

Für die konventionelle Hühner- und Hähnchenhaltung sind das ernüchternde Werte. «Das Futter ist der größte Kostenfaktor in der Geflügelhaltung», sagt Rautenschlein. Auch das Fleisch ist schwer an die Kunden zu bringen. Ein «Zweinutzungshähnchen» sehe deutlich anders aus und sei unattraktiver als das gewohnte Masthähnchen, sagt Hans-Wilhelm Windhorst, Leiter des Wissenschafts- und Informationszentrums Nachhaltige Geflügelwirtschaft in Vechta.

In der konventionellen Landwirtschaft spielen also «Bruder- und Zweinutzungshuhn» aus wirtschaftlichen Gründen keine große Rolle. Umso wichtiger sind sie aber für den Bio-Markt. Aber auch hier mache die Fleischvermarktung Sorgen, sagt Lisa Minkmar von der Bruderhahn-Initiative Deutschland. Biokunden seien überwiegend eben keine expliziten Fleischkunden. «Was unser Problem ist, weil auch das Fleisch verkauft werden soll, sonst funktioniert das ganze Prinzip nicht.» Mit anderen Worten: Wo Eier sind, gibt es auch Mastfleisch, das ebenfalls verwertet werden muss.

Für das Problem des Kükentötens sind «Bruderhahn» und «Zweinutzungshuhn» auch keine grundsätzliche Lösung. Die Bruderhahnmast habe zuletzt zwar deutlich zugenommen, sagt der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Friedrich-Otto Ripke: «Der Anteil an dem grundsätzlichen Ausstieg aus dem Kükentöten liegt in einer ganz kleinen Zahl, nicht im Bereich von Millionen, sondern eher im Bereich von mehreren Hunderttausend.»

Genaue Zahlen, wie viele «Bruderhähne» gemästet werden und wie sich «Zweinutzungshühner» auf dem Markt entwickeln, gibt es derzeit nicht. Statistisch werde das noch nicht ausgewertet, heißt es beim ZDG. Auch beim Deutschen Tierschutzbund gibt es dazu keine genaue Übersicht. 2017 seien im Ökolandbau etwa 6 Prozent der 4,4 Millionen «Bruderhähne» aufgezogen worden, was etwa 200 000 Tiere seien, sagte eine Sprecherin. Die Bruderhahninitiative Deutschland (BID) ziehe jährlich ca. 70.000 Hähne groß.

Die konventionelle Geflügelbranche setzt auf eine frühe Geschlechtererkennung vor dem Schlüpfen. Erste entsprechende Eier sind zwar schon im Handel, aber es wird noch dauern, bis eine ausreichend große Zahl an Eiern getestet werden kann. Wenn es gut laufe, sind es bis 2025 zehn Millionen Eier, schätzt Ripke. Es gibt bei einigen Verfahren auch noch Bedenken seitens des Tierschutzes, weil nicht bewiesen sei, dass die Embryos in den Eiern bei den Tests nicht doch Schmerzen empfänden. Es ist also noch ein weiter Weg.

Die Biobranche hingegen will diese so genannten Selektionsverfahren nicht einsetzen, sondern auf «Bruderhahn» und «Zweinutzungshuhn» setzen. Im Vergleich mit konventionellen Hochleistungshühnern seien die Zweinutzungstiere sehr viel ruhiger, sagt Forscherin Rautenschlein. «Kannibalismus und Federpicken haben wir bei ihnen seltener oder gar nicht beobachtet.»

Veröffentlicht am:
24. 04. 2020
08:48 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
24. 04. 2020
08:48 Uhr



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