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Wirtschaft

Luftverkehrswirtschaft fliegt in ausgewachsenen Sturm

Coronavirus-Ausbruch in China, Boeing-Krise und schließlich der Einreisestopp in die USA: Über der europäischen Luftfahrt hat sich ein Sturm zusammengebraut, der die Branche erheblich durchschütteln wird.



Lufthansa
Lufthansa-Maschinen mit dem Kranich-Logo stehen am Frankfurter Flughafen.   Foto: Arne Dedert/dpa/Archivbild

Neuer Schock aus Washington: Europas Fluggesellschaften bereiten sich wegen des Einreisestopps in die USA auf noch mehr Flugstreichungen vor.

Unter anderem hat die Lufthansa nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur Kurzarbeit für Mitarbeiter am Boden und in der Kabine beantragt. Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die gesamte Branche werden damit noch härter. Experten erwarten einen Ausleseprozess, den längst nicht alle Fluggesellschaften überleben werden.

«Die kapitalstarken Marktführer werden in diesem sehr schwierigen Jahr ihre Ziele zwar nicht erreichen. Sie sind aber gewappnet, eine solche Krise durchzustehen und werden letztendlich davon profitieren, die Verkehre der schwächeren Gesellschaften zu übernehmen», sagt beispielsweise Gerd Pontius von der Beratungsgesellschaft Prologis.

Der Lufthansa-Konzern bietet trotz des überraschend verkündeten Einreisestopps für Europäer zwar weiterhin Flüge in die USA an - allerdings wird das Angebot ausgedünnt. Einige Verbindungen aus Frankfurt, Wien, Zürich und Brüssel würden beibehalten, teilte die Lufthansa am Donnerstag mit. Erreichbar seien so die Ziele Chicago, New York und Washington.

Flüge mit anderem Ziel in den USA werden bis auf Weiteres gestrichen. Das gelte auch für alle Abflüge mit Ziel USA von München, Düsseldorf und Genf aus. Wie lange die Einschränkungen im Flugplan gelten, sei im Moment nicht absehbar, sagte ein Lufthansa-Sprecher in Frankfurt.

In der vom Präsidenten genannten 30-Tages-Frist hatten die europäischen Airlines mehr als 7200 Flüge in die USA geplant, wie eine Auswertung des Portals «austrianaviation.net» zeigt. 1600 sind es allein im Lufthansa-Konzern. Bernstein-Analyst Daniel Roeska rechnet analog zum USA-China-Verkehr mit bis zu 90 Prozent Absagen. Das würde besonders die Lufthansa hart treffen, die mit ihren Partnern United und Air Canada mit 36 Prozent den größten Marktanteil über dem Nordatlantik beherrscht und hier regelmäßig hohe Gewinnanteile erwirtschaftet.

Im Lufthansa Aviation Center am Frankfurter Flughafen tagt der Krisenstab permanent mit dem vorrangigen Ziel, die Fixkosten zu drücken. Eine dreistellige Zahl an Flugzeugen steht dem Vernehmen nach bereits am Boden, Kurzarbeit für die Mitarbeiter am Boden und in der Kabine sind bereits beantragt. Experte Pontius begrüßt den Verzicht auf Entlassungen: «Grundsätzlich leidet die Branche unter einem Expertenmangel. Es ist also sinnvoll, die Leute zu halten.»

Bereits am Vortag hatte der Konzern 23.000 Flüge für die Zeit bis zum 24. April gestrichen. Üblicherweise fliegen die Gesellschaften des größten Luftverkehrskonzerns Europas im Schnitt gut 3200 Flüge pro Tag. Bislang hat der Konzern angekündigt, sein Programm für Lufthansa, Swiss, Austrian, Eurowings und Brussels bis zur Hälfte zusammenzustreichen, wobei es nun wohl nicht bleiben wird.

Als hilfreich erweist sich die Ansage der Europäischen Union, die Regeln für Start- und Landerechte an stark frequentierten Flughäfen auszusetzen. Die Airlines müssen daher in Europa nicht um ihre Slots fürchten, auch wenn diese nicht bedient werden. International ist das noch ungeklärt, berichtet Experte Pontius. Die Gesellschaften versuchten natürlich, sich gegen das Risiko abzusichern, was aber vielerorts nicht möglich sei. «Letztlich müssen sie das Slot-Risiko abwägen gegen die großen Verluste aufgrund leerer Flüge. Vor allem auf der Langstrecke kann der Verlust pro Flug durchaus eine sechsstellige Höhe erreichen.»

Für die Aktien der Flug- und Reisebranche gibt es seit Ausbruch des Virus nur noch den Weg nach unten. Seit Jahreswechsel sind die Kurse von Lufthansa und der British-Airways-Mutter IAG bereits um mehr als 40 Prozent abgesackt, die von Air France-KLM und dem Reisekonzern Tui sogar um mehr als die Hälfte. Die Papiere von Ryanair hielten sich ein ganzes Stück besser, auch weil die Airline Fernziele wie China und die USA ohnehin nicht anfliegt. Rund 45 Prozent im Minus lag auch der Flughafenbetreiber Fraport, bei dem es zu heftigen Gebühren- und Umsatzausfällen kommt.

Die Aktien von Airbus und Boeing mussten mit Abschlägen von rund 50 Prozent ebenfalls kräftig Federn lassen. So denkt der europäische Airbus-Konzern nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg darüber nach, die Produktion des modernisierten Langstreckenjets A330neo zu drosseln.

Zuvor hatte die malaysische Großkundin Air Asia X angekündigt, die Abnahme weiterer Jets der Reihe wegen der Coronavirus-Krise aufzuschieben. Zu den A330neo-Großkunden gehören auch der chinesische HNA-Konzern und die iranische Fluglinie Iran Air, deren Länder von dem Virus besonders stark betroffen sind.

Das Virus hatte die Asien-Pazifik-Region zuerst erfasst, wo der Flugverkehr seit Jahren besonders stark wächst. Ein Großteil der Bestellungen in den Büchern bei Airbus und Boeing stammt von Airlines aus der Region. Den US-Konzern trifft die Krise noch aus anderen Gründen zur Unzeit. Für seinen meistgefragten Flugzeugtyp Boeing 737 Max gilt seit nun einem Jahr wegen zwei Abstürzen mit etwa 350 Toten ein weltweites Flugverbot.

Den Hersteller kostet das Desaster bereits Milliardensummen. Schon 2019 kassierte Boeing mehr Stornierungen als Neuaufträge für Passagier- und Frachtjets. Im Januar und Februar setzte sich die Misere fort.

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dpa

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12. 03. 2020
19:17 Uhr

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