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Wirtschaft

Harte Zeiten für die Innenstädte: Eine Pleitewelle droht

Geschlossene Warenhäuser, verrammelte Boutiquen: Die Corona-Krise könnte zur Verödung etlicher Einkaufsstraßen in Deutschland führen. Fieberhaft suchen viele Kommunen deshalb zurzeit nach Rezepten gegen den Niedergang.



Harte Zeiten für die Innenstädte
Eine Frau geht auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil an einem Geschäft vorbei, an dem noch das Rollgitter heruntergelassen ist. Durch die Corona-Krise droht vielen innerstädtischen Geschäften das Aus.   Foto: Arne Dedert/dpa

Noch sieht es in den meisten deutschen Innenstädten auf den ersten Blick nicht viel anders aus als vor der Corona-Krise. Vielleicht sind etwas weniger Leute unterwegs.

Doch die meisten Geschäfte sind wieder geöffnet, und die Zahl der Geschäftsaufgaben hält sich in Grenzen. Doch das könnte sich bald ändern. Denn in vielen deutschen Innenstädten droht vom Herbst an eine Pleitewelle.

Schlagzeilen macht im Moment vor allem die geplante Schließung von bundesweit 50 oder mehr Warenhäusern von Galeria Karstadt Kaufhof. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch bei vielen anderen Läden in den Fußgängerzonen könnte schon bald ein Räumungsverkauf anstehen. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt, dass die Corona-Krise das Aus für rund 50 000 Geschäfte bedeuten könnte.

«Die Innenstädte haben es mit einem dreifachen Tsunami zu tun: dem Strukturwandel im Einzelhandel, der Digitalisierung und der Corona-Pandemie. Zusammen ist das für den Handel eine Herausforderung, wie er sie vielleicht noch nie erlebt hat», betont der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), Boris Hedde.

Und auch der Immobilienexperte des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, Marco Atzberger, warnt: «Der Abschmelzungsprozess, den wir seit Jahren im stationären Handel und besonders im Textilhandel beobachten, wird durch die Corona-Krise noch einmal beschleunigt. Handel, Kommunen und Vermieter müssen hier zusammenarbeiten, um dem schleichenden Tod vieler Einkaufsstraßen entgegenzuwirken.»

Für Unruhe in vielen Kommunen sorgen aktuell vor allem die Schließungspläne von Galeria Karstadt Kaufhof. Denn die Kaufhäuser gelten in vielen Fußgängerzonen noch immer als Kundenmagneten, ohne die das Überleben auch für die Händler in der Nachbarschaft schwierig wird. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass es oft mühsam ist, eine neue Nutzung für ehemalige Warenhäuser zu finden. Sie sind zu groß und häufig auch zu sehr in die Jahre gekommen, um ohne Weiteres für einen neuen Mieter attraktiv zu sein.

So stand im hessischen Rüsselsheim das im Jahr 2000 geschlossene Karstadt-Warenhaus 19 Jahre lang leer, bevor der Betonklotz in diesem Frühjahr abgerissen wurde. Am ehemaligen Warenhausstandort sollen nun Wohnungen und ein Bürgerbüro entstehen. Im niedersächsischen Delmenhorst steht das einstige Karstadt-Warenhaus seit nunmehr elf Jahren leer.

Oft bedarf es einiger Fantasie, eine neue Nutzung für einen Warenhausstandort zu finden. In Oberhausen dauerte es acht Jahre, bis in dem 2012 geschlossenen Kaufhof-Gebäude vor wenigen Wochen nach umfangreichen Umbauarbeiten das Arthotel Ana eröffnete. Im schleswig-holsteinischen Rendsburg wird das ehemalige Hertie-Haus gerade zu einem Seniorenheim mit 110 Betten umgebaut.

Dennoch: Wäre Galeria Karstadt Kaufhof ein Einzelfall - die Sorgen vieler Städte wären wohl geringer. Aber der Warenhauskonzern ist nicht allein. Gerade in der Modebranche häufen sich aktuell die Problemfälle: Von Appelrath Cüpper über Hallhuber bis zu Sinn, von Esprit bis Tom Tailor. Allein Esprit will im Zuge seiner Sanierungsbemühungen rund die Hälfte der Filialen in Deutschland - insgesamt rund 50 Geschäfte - schließen.

Vielen Unternehmen gerade aus der Modebranche ging es schon vor der Pandemie nicht gut. Dem Siegeszug des Onlinehandels und dem Erfolg von Fast-Fashion Anbietern wie Primark oder Zara hatten sie nur wenig entgegenzusetzen. Das Coronavirus traf bei den Händlern sozusagen auf vorgeschädigte Opfer.

In den nächsten Jahren könnte sich deshalb das Bild vieler Innenstädte dramatisch verändern. Der Modehandel dürfte dort künftig weniger stark dominieren. «Handwerk, Dienstleistungen, Möbel- oder Baumärkte und Lebensmitteldiscounter werden wieder in die Innenstädte zurückkehren», prognostiziert Handelsexperte Hedde. Der Präsident des Deutschen Städtetages, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), will außerdem «wieder mehr Wohnen und Arbeiten» in der Innenstadt ermöglichen, um Geschäfte vor dem Kollaps zu bewahren.

Die Neuerfindung der Innenstadt kann für viele Kommunen durchaus eine Chance sein. Denn auch vor der Corona-Krise sorgten die Einkaufsstraßen in den deutschen Innenstädten bei den meisten Verbrauchern allenfalls für lauwarme Begeisterung. Bei einer im vergangenen Jahr veröffentlichten IFH-Befragung von mehr als 59 000 Innenstadtbesuchern in 116 Städten gaben die Verbraucher den Stadtzentren im Durchschnitt nur die Schulnote «Drei plus».

Und für manche Einkaufsstraße abseits der Stadtzentren könnte die Corona-Krise sogar neue Perspektiven eröffnen, glaubt Hedde. «Die Bereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten, beim Einkaufen lange Wege in Kauf zu nehmen, sinkt. Die Bequemlichkeit und der Wunsch nach einem wohnortnahen Einkauf nimmt zu.» Der Experte betont: «Wenn durch die Corona-Krise das Homeoffice auf Dauer an Bedeutung gewinnt, kann das auch Standorten abseits der Stadtzentren, die keine Perspektive mehr zu haben schienen, wieder neues Leben einhauchen.»

© dpa-infocom, dpa:200724-99-906696/2

Veröffentlicht am:
24. 07. 2020
07:56 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
24. 07. 2020
07:56 Uhr



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