Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Wirtschaft

Fälschungen kosten EU-Branchen 60 Milliarden Euro pro Jahr

Die Uhr oder die Tasche einer Luxusmarke kann man auch für relativ wenig Geld kaufen - wenn es sich um gefälschte Waren handelt. Die Piraterie-Mafia produziert immer mehr und geht immer gewiefter vor. Der Schaden für Deutschland und die EU wächst.



Gefälschte Handtasche
Flughafen Düsseldorf: Ein Zollbeamter hält eine gefälschte Louis-Vuitton-Handtasche in der Hand.   Foto: Matthias Balk » zu den Bildern

Stephanie öffnet die Brieftasche ohne Gewissensbisse. «Dadurch gehen Arbeitsplätze auch bei uns in Deutschland verloren? Na ja, mir ist mein knappes Geld wichtiger», sagte die 52-Jährige aus Bayern Ende Mai an der Strandpromenade des Badeortes Sitges im Nordosten Spaniens.

Stephanie (Name auf ihren Wunsch geändert) kauft bei einem afrikanischen Straßenhändler gefälschte Turnschuhe eines deutschen Markenherstellers für einen Bruchteil des Originalpreises.

Nur wenige Tage nach dem Schnäppchen der Touristin teilt das Amt der Europäischen Union für Geistiges Eigentum (EUIPO) mit, dass es allein in Deutschland aufgrund von Produktfälschungen mehr als 64.000 Jobs weniger gibt. In elf untersuchten Branchen summiere sich der jährliche Schaden für die deutsche Wirtschaft auf rund 7,16 Milliarden Euro, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Das entspricht etwa 5,4 Prozent der Umsätze.

In elf «bedeutenden Wirtschaftszweigen» entstehen demnach EU-weit jährliche Verluste von bis zu 60 Milliarden Euro. In allen Ländern der Union vernichte die Fälschermafia direkt bis zu 468 000 Arbeitsplätze, ließ die Behörde wissen. Rechtmäßige Hersteller produzierten weniger, als wenn keine Fälschungen auf dem Markt wären, und beschäftigten demzufolge weniger Mitarbeiter.

Die Branche mit den höchsten Umsatzverlusten in Deutschland ist laut dem EUIPO der Sektor Bekleidung, Schuhe und Accessoires, der jedes Jahr knapp vier Milliarden Euro verliere. Dahinter folgen die Branchen Kosmetika und Körperpflegeprodukte (knapp 1,1 Mrd), Arznei (knapp 710 Mio), Smartphones (684 Mio) und Spielzeug und Spiele (gut 220 Mio). Untersucht wurden unter auch Sportartikel, Schmuck und Uhren, Taschen und Koffer, bespielte Tonträger, Spirituosen und Wein.

Das Problem habe sich trotz aller Bemühungen zur Bekämpfung der Fälscherbanden in den vergangenen Jahren zugespitzt, hieß es. Die Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums mache nach Schätzungen bis zu 3,3 Prozent des Welthandels aus. Bis zu 6,8 Prozent der EU-Einfuhren bestünden aus gefälschten Waren. Das seien 121 Milliarden Euro pro Jahr. 2016 betrug der Wert der Importe von «Fake goods» noch 85 Milliarden.

«Was gefälscht werden kann, wird gefälscht», heißt es in dem EUIPO-Bericht. Es gibt kein Produkt, das gern gekauft wird und das nicht auch als Fälschung angeboten wird, sagen die Experten. Plagiate kann man nicht nur von Luxus-Handtaschen, Uhren oder Parfums zu Spottpreisen bekommen, sondern seit wenigen Jahren auch herkömmlichen Produkten wie Waschmittel oder Zahnpasta, aber auch von Medikamenten, Maschinen und Auto-Ersatzteilen. Nicht selten zahlen Kunden aber auch viel Geld und merken nicht, dass sie eine Fälschung erworben haben.

Die Fälschungen sind von den Originalen oft kaum zu unterschieden. Kunden wie Stephanie sparen aber nicht nur, sie gehen auch Risiken ein. Die tolle Designersonnenbrille etwa, die es beim Senegalesen in Sitges spottbillig gibt, bietet wahrscheinlich keinen optimalen Schutz für die Augen.

Besonders gefährlich sind gefälschte Arzneien. Diese hätten nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, warnte EUIPO schon vor einiger Zeit. «Die Fälschungen können giftig sein und stellen eine große Gefahr für die Gesundheit dar», hieß es.

Die Produkt-«Piraten» sind nach Angaben der Experten vor allem in China, aber auch in Indien und der Türkei aktiv. Der übermäßig hohe Wert, milde Urteile und hohe Kapitalrenditen seien große Anreize für diese kriminellen Banden, stellt EUIPO fest. «Die Vorgehensweise dieser Banden wird im Zuge der Entwicklung von Technologien und Vertriebskanälen zunehmend komplexer, und auch die Bandbreite der Produkte, die gefälscht werden, wird immer größer.»

Früher wurden die gefälschten Produkte fast ausschließlich in großen Schiffscontainern nach Europa gebracht. Seit kurzem sind Fälscher dazu übergegangen, deutlich kleinere Packungen, dafür aber in wesentlich höherer Zahl zu verschicken. Den Zollbehörden wird so die Arbeit erschwert, da sie keine größeren Ladungen auf einen Schlag sicherstellen und zerstören können.

Weitere relativ neue Strategien: Die Fälscher benutzen für den Transport zunehmend Bahnverbindungen zwischen Europa und Ostasien. Außerdem werden die gefälschten Waren inzwischen häufig als No-Name-Artikel in die EU gebracht. Die Kennzeichnung der Produkte mit den separat verschickten Logos und Trademarks erfolgt erst, sobald die Güter sich innerhalb des Binnenmarktes befinden.

Dass Menschen wie Stephanie und Zehntausende mehr zu Kunden der «Piraten» werden, habe nicht nur mit den niedrigeren Preisen und der leichten Zugänglichkeit zu tun, so EUIPO - sondern auch mit dem immer noch «geringen Grad an sozialer Stigmatisierung». Daher fordert die Behörde neben mehr grenzübergreifenden Ermittlungen und besserem Training für die Beamten auch Kampagnen, um das öffentliche Bewusstsein zu schärfen.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
06. 06. 2019
13:10 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Europäische Union Kleidung Kosmetikartikel Kunden Luxusmarken Parfüm Produkte zur Körperpflege und Kosmetik Produktionsunternehmen und Zulieferer Produktpiraterie Sportartikel
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Gefälschte Turnschuhe

27.08.2020

Sand im Getriebe: Wie der Zoll gegen Produktpiraterie kämpft

Es gibt wohl nichts, was sich nicht auch fälschen lässt. 2019 zog der Zoll in Deutschland mehr als fünf Millionen Waren aus dem Verkehr, bei denen der gewerbliche Rechtsschutz verletzt war. Dabei werden die Plagiate imme... » mehr

Gefälschte Waren

10.06.2020

EU-Studie: Fälschungsmafia reißt Milliardenlöcher

Das Treiben der Fälschungsmafia nimmt nach Experten-Warnungen «alarmierende Ausmaße» an. Es reißt in der EU empfindliche Löcher in die Kassen von Ländern und Firmen. Hunderttausende Jobs werden vernichtet. Aber die Gefah... » mehr

Produktion bei MAN

11.09.2020

VW will bei MAN bis zu 9500 Stellen streichen

Seit Längerem steht bei der VW-Tochter MAN ein großer Stellenabbau im Raum, weil die Kosten schon vor der Corona-Krise zu hoch waren. Nun legen die Münchner Zahlen vor - und sie sind höher als erwartet. » mehr

VW nennt Fahrplan für zweites neues Elektroauto ID.4

17.09.2020

VW will mit ID.4 bis Jahresende E-Flotte ausbauen

Schon bald nach dem ID.3 kommt der ID.4, so der Plan von Volkswagen zur Erweiterung der Elektro-Strategie. Auch beim Kompakt-SUV steht für den Konzern viel auf dem Spiel. Die Führung hofft, dass der Marktanlauf gelingt -... » mehr

Weniger Nachfrage nach Make-up

01.06.2020

Weniger Nachfrage nach Make-up in Corona-Krise

Viele Leute sparen gerade beim Make-up. Im Homeoffice und unter der Schutzmaske sieht es keiner. Und schöne Dinge zu kaufen, macht zurzeit auch keinen Spaß. Die Branche bekommt das deutlich zu spüren. » mehr

Europas Textilindustrie

25.07.2020

Corona bedroht 158 000 Jobs in Europas Textilindustrie

Der Kreditversicherer Euler Hermes befürchtet, die Pandemie könnte das Aus für rund 13.000 Textilfirmen in Europa bedeuten. Deutschland dürfte noch vergleichsweise glimpflich davonkommen. Doch sehen die Experten in der K... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Hildburghausen leuchtet Hildburghausen

Hildburghausen leuchtet | 25.09.2020 Hildburghausen
» 26 Bilder ansehen

Unfall ICE Schafe Schalkau Tunnel Müß

ICE rammt Schafherde | 23.09.2020 Schalkau Tunnel Müß
» 14 Bilder ansehen

2020-09-22

Feuerwehr-Übung Ilmenau | 22.09.2020
» 17 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
06. 06. 2019
13:10 Uhr



^