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Wirtschaft

Einstellungsstopp: VW muss stärker sparen

Wie verdaut Volkswagen die Corona-Krise? Zum Nachfrageeinbruch kamen zuletzt interne Streitigkeiten um Technik und Führung. Der Nachfolger von Herbert Diess an der Spitze der Kernmarke bekommt vom Betriebsrat einen Vertrauensvorschuss - doch die kommende Zeit wird nicht leicht.



VW Markenchef Brandstätter
Laut VW-Markenchef Brandstätter muss Volkswagen trotz hoher Gewinne im vergangenen Jahr vorsichtig sein.   Foto: Christophe Gateau/dpa

Keine Neuzugänge von außen, bessere Führung nach innen: Volkswagen will beim Personal noch stärker sparen, ohne den Umbau zur E-Mobilität und Digitalisierung zu gefährden.

«Der Vorstand fährt wegen Corona und Liquiditätssicherung einen Einstellungsstopp bis mindestens Ende des Jahres», sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh der VW-Firmenzeitung «Mitbestimmen».

«Ich denke, das bringt Druck auf ein Thema, was wir dringend brauchen: Transformation. Wir müssen uns überlegen, was wesentlich ist.» Der neue Markenchef Ralf Brandstätter wies auf das schwache Geschäft hin: «Daher haben wir uns entschieden, zunächst einmal keine neuen Menschen an Bord zu holen.»

Der Manager, der Konzernchef Herbert Diess zum 1. Juli in der Leitung der VW-Hauptmarke abgelöst hatte, betonte, die Beschäftigungsgarantie gelte weiter bis zum Jahr 2029. Durch den vorläufigen Verzicht auf externe Neueinstellungen würden nun aber deutlichere Prioritäten bei den Personalressourcen angestrebt - und ebenso eine bessere Balance zwischen dem Wegfall alter und dem Aufbau neuer Jobs.

Osterloh räumte ein: «Wir haben zu wenig Zeit investiert in das Thema Transformation.» Jetzt sei VW an einem neuen Punkt: «Zu sagen, dass man nicht mehr extern einstellt, führt natürlich dazu, sich verstärkt überlegen zu müssen, wie ich Beschäftigte weiterentwickele.»

Laut Brandstätter muss der Autohersteller vorsichtig sein: «Es gilt jetzt wirklich, jeden Euro umzudrehen, bevor wir ihn ausgeben - und mit absoluter Kostendisziplin zu arbeiten. (...) Das Unternehmen ist in einer wirklich schwierigen Situation.» Dabei sei es wichtig, die Belegschaft «kontinuierlich mitzunehmen».

Ein Sprecher erklärte, es gebe keinen zusätzlichen Personalaufbau - Neueinstellungen begrenze man «auf ein absolutes Minimum». Lehrlinge seien davon ausgenommen. Gleichzeitig werde die interne Weiterqualifikation ausgebaut.

Die Autobranche ist wegen der Zurückhaltung der Verbraucher unter Druck. Die Lager sind voll, der Verkauf fertiggebauter Modelle ist schwierig. «Corona wird uns weiter viel abverlangen - dem gilt meine ganze Aufmerksamkeit», sagte Brandstätter. Diess sieht leichte Anzeichen einer Besserung, doch die finanziellen Einbußen blieben vorerst gewaltig. «Wir haben eine Erholung, die noch weit weg vom Vorkrisenniveau ist», sagte er in einer Gesprächsrunde der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

Zwar spüre VW auch im Massengeschäft einen belebten Auftragseingang. Aber die Finanzlage sei angespannt. «Wir verlieren Substanz», so Diess. Für das laufende Jahr habe man anfangs mit bis zu 10 Milliarden Euro an verbrauchten Liquiditätsreserven kalkuliert.

Nach Einschätzung Osterlohs dürfte der VW-Konzern - die größte Autogruppe der Welt - 2020 «natürlich nicht wieder auf 11 Millionen Fahrzeuge kommen und in der Marke auch spürbar verlieren». In der «Wolfsburger Allgemeinen Zeitung» und «Braunschweiger Zeitung» sprach der Betriebsratschef von einer realistischen Jahresproduktion von etwas mehr als einer halben Million Autos im Stammwerk. Ursprünglich hätten in Wolfsburg rund 700.000 Fahrzeuge gefertigt werden sollen.

Osterloh bekräftigte Forderungen, der Hauptsitz brauche ein weiteres Modell. Er sorge sich überdies um die Zulieferer. Nach dem Auslaufen der Kurzarbeit könne es «noch brutale Erkenntnisse geben»: «Wenn Schlüsselzulieferer insolvent sind und abgewickelt werden müssen, kriegen wir unter Umständen keine Teile mehr.» Brandstätter sagte zur Auslastung: «Wir wollen eine optimale Lösung für alle Werke finden.»

Jüngst hatte es heftigen Streit über die Kommunikation des Managements rund um den schleppenden Anlauf des Golf 8 gegeben. Viele Beschäftigte fühlten sich allein gelassen. Der Konflikt hatte sich so sehr hochgeschaukelt, dass sich Diess im Aufsichtsrat zu den Technik- und Softwareproblemen erklären musste. Osterloh mahnte: «Wir müssen intern ehrlicher sagen, was nicht läuft und wo wir noch nicht auf dem Stand sind, den wir eigentlich wollen. Das ist auch Führungsaufgabe.»

Die Software-Probleme bei neuen Modellen erklärte Diess mit der hohen Komplexität. Es sei einer der Gründe, warum VW mehr eigene IT-Systeme entwickle, auch in der gerade gestarteten Software-Organisation. Diese soll nun von Audi-Chef Markus Duesmann geleitet werden, der Christian Senger ablöst. Duesmann ist bereits für die übergreifende Koordination von Forschung und Entwicklung im Konzern zuständig.

Osterloh war Diess wegen dessen Management-Stils hart angegangen. Zuletzt stellte er sich bei einer Befragung durch Investoren hinter den Konzernchef. Er habe ihm «volle Unterstützung der Gewerkschaften» zugesagt und betont, dass IG Metall und Management in der Strategie übereinstimmten, hieß es in der Analyse eines Finanzdienstleisters. Zuvor hatte auch die «Wirtschaftswoche» darüber berichtet.

Brandstätter meinte zu Beratungen mit Vertrauensleuten der IG Metall: «Das war ein gutes Treffen.» Er bekannte sich zur Mitsprache der Belegschaft. «Streitpunkte müssen wir zusammen lösen im Sinne des Unternehmens und dann auch sauber an die Belegschaft kommunizieren. Die Mitbestimmung und auch der intensive Dialog mit dem Betriebsrat gehören zu Volkswagen wie der Käfer, der Golf und die VW-Currywurst.»

© dpa-infocom, dpa:200715-99-800629/5

Veröffentlicht am:
15. 07. 2020
22:44 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
15. 07. 2020
22:44 Uhr



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