Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

Wirtschaft

Continental-Beschäftigte protestieren gegen Stellenabbau

Bei Continental hängt der Haussegen schief, seitdem das Management einen Konzernumbau samt Stellenstreichungen verkündet hat. Etliche Mitarbeiter stellen sich quer - aber gibt es Alternativen?



Demonstration gegen Stellenabbau bei Continental
Die IG Metall spricht von rund 870 Demonstrations-Teilnehmern. Sie waren von Standorten aus ganz Deutschland angereist.   Foto: Peter Steffen/dpa

Tröten, Rasseln, Trillerpfeifen. Dazu Dutzende Transparente und ein stilisierter Sarg, der den Verlust von 340 Arbeitsplätzen im fernen Oppenweiler betrauert.

«Rest in Peace» («Ruhe in Frieden») haben die Kollegen aus dem bei Stuttgart gelegenen Städtchen auf eine schwarze Holzplatte geschrieben. Für die Leitungstechnik, die sie daheim in Baden-Württemberg produzieren, sieht das Management von Continental keine Zukunft mehr.

Hasan Allak kennt solche Klagen aus dem ganzen Land. Nachdem die Führungsspitze des zweitgrößten Autozulieferers einen tiefgreifenden Umbau ankündigte, haben etliche der weltweit gut 244.000 Mitarbeiter Angst um ihren Arbeitsplatz.

Der Conti-Betriebsratschef spricht vor einigen Hundert Beschäftigten, die vor der Zentrale des Dax-Konzerns in Hannover lautstark gegen geplante Kürzungen und Schließungen demonstrieren. «Veränderungen dürfen nicht dazu führen, dass über die Köpfe der Belegschaft entschieden wird», ruft Allak.

Doch dies ist nur ein Teil der Kritik. Der Ausstieg aus dem Hydraulik-Geschäft und Bereichen, die Technik für Verbrennungsmotoren herstellen, sei keine hinreichende Strategie, um im beginnenden Zeitalter der E-Mobilität konkurrenzfähig zu bleiben. «Wer in tollen Zeiten glänzen konnte, muss sich jetzt der Verantwortung stellen», fordert der Betriebsratsvorsitzende. In der anschließenden Aufsichtsratssitzung stellt sich die Arbeitnehmerseite denn auch offen gegen das Management, das mehrere Werke dichtmachen will.

«Uns ist bewusst: Ein Teil unserer Schritte wird Schmerzen verursachen», räumt Personalvorständin Ariane Reinhart ein. Durch Weiterbildung, interne Versetzungen und Kontakte in andere Firmen werde man versuchen, die Job-Auswirkungen möglichst gering zu halten. Dass Continental umsteuern muss, ist auch unter vielen Beschäftigten unumstritten. Strittig ist, wie und in welchem Tempo das geschieht.

Die künftige Ausrichtung auf Elektroantriebe, Software, Elektronik, Sensorik, automatisiertes Fahren, Reifen und das Endkunden-Geschäft geht manchem zu schnell. Der laut Konzern «beschleunigte, disruptive Umstieg der Autoindustrie auf Elektromobilität» ist eine Tatsache - auch der große Rivale Bosch muss derzeit Personal abbauen. Christiane Benner, Vizechefin der IG Metall und des Conti-Aufsichtsrats, betont aber: «Wir brauchen mehr Zeit.» Das bisherige Konzept des Vorstands ist ihr zu unkonkret - dabei gebe es große Veränderungsbereitschaft.

Das Kind werde nach ihrem Eindruck mit dem Bade ausgeschüttet. «2030 wird es noch 45 Prozent Verbrenner geben», sagt die Gewerkschafterin. «Es wird ja nicht alles sofort elektrisch.» Sie vermutet auch reine Rendite-Interessen hinter dem raschen Umbau, denn gleichzeitig taste man so manches Werk in günstigeren Ländern nicht an. «Globalisierung - ja, bitte. Lohndumping - nein, danke», kritisiert Benner. Ein Mitarbeiter aus Hannover-Stöcken, der seinen Namen nicht nennen will, glaubt: «Anderswo wurden künstlich Kapazitäten aufgebaut. Jetzt wird das - von langer Hand geplant - in der Krise ausgenutzt.»

Derlei Motive spielen nach Darstellung des Konzerns bei den jüngsten Entscheidungen keine Rolle. Vorstandschef Elmar Degenhart sieht schlicht keine Alternative. «Mit den heutigen Beschlüssen unterstützt der Aufsichtsrat unseren dringend erforderlichen Technologieumstieg und die Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit», erklärt er nach den Beratungen mit den Kontrolleuren. Die laufenden Gespräche mit den Betriebsräten seien «intensiv und konstruktiv».

Vor allem dort, wo Hydraulik-Teile gefertigt werden, sieht es bald düster aus. In Deutschland trifft es etwa das bayerische Roding, wo die Produktion von Hochdruckpumpen 2024 eingestellt wird. Das Werk wird geschlossen, rund 520 Jobs fallen weg. In Limbach-Oberfrohna (Sachsen) ist vier Jahre später für 850 Mitarbeiter Schluss.

In Babenhausen (Hessen) gibt Conti bis Ende 2025 schrittweise die analogen Anzeige- und Bedienelemente für Autos auf - der Standort als solcher immerhin soll erhalten werden. In Newport News (USA) und im italienischen Pisa werden zusammen mehr als 1400 Jobs gestrichen. Weltweit könnten laut Conti bis 2023 rund 15.000 Stellen von «Veränderungen» betroffen sein, davon 5000 in Deutschland.

IG Metall und IG BCE überzeugt, dass auch Managementfehler eine Ursache für die Entwicklung sind. Der Aufsichtsrat solle daher zu einer externen Überprüfung Stellung nehmen, fordert Benner. Bis Ende Januar sollen die Ergebnisse auf dem Tisch liegen.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
20. 11. 2019
16:01 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitsstellen Autobranche Bedienelemente Betriebsratsvorsitzende Dax-Konzerne Elektro-Antrieb Firmenmitarbeiter Gewerkschafter IG BCE IG Metall Mitarbeiter und Personal Personalabbau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Hauptversammlung

14.07.2020

Conti will Corona-Talsohle mit Einsparungen überbrücken

Der Doppelschlag aus Viruskrise und Branchenumbruch trifft die Autoindustrie weltweit. Continental muss seine Kostenziele wegen des Corona-Konjunkturknicks jetzt nachschärfen. Für die Mitarbeiter dürften die Risiken stei... » mehr

Am Boden

16.07.2020

25.000 Jobs bei American Airlines in Gefahr

Die Infektionszahlen in den USA steigen rasant. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Nachfrage nach Flugreisen. Vielen Angestellten einer Fluggesellschaft droht nun der Jobverlust. » mehr

Motorenhersteller MAN

22.07.2020

Motorenhersteller MAN will 3000 Jobs in Deutschland abbauen

Kreuzfahrten sind in der Corona-Krise gerade nicht gefragt. Darunter leidet auch der Schiffsdieselhersteller MAN Energy Solutions. Das bedeutet für viele Mitarbeiter nun, dass sie ihren Job verlieren. » mehr

Linde

24.10.2019

Linde will Jobs in Deutschland abbauen und umziehen

Entscheidungen des Gasekonzerns Linde befeuern die Diskussion um die Folgen der Fusion mit Praxair im vergangenen Jahr. Gewerkschaften zeigen sich entsetzt. » mehr

Tuifly-Maschine

06.06.2020

Tuifly-Belegschaft attackiert Management

Der angekündigte harte Sparkurs bei der Fluggesellschaft Tuifly macht die Belegschaft wütend. Sie gibt dem Management eine Mitschuld an der jetzigen Situation und will um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen. » mehr

BMW

29.05.2020

BMW verhandelt über raschen Stellenabbau ohne Kündigungen

BMW will Jobs streichen und auch an anderer Stelle beim Personal sparen. Das soll ohne Kündigungen funktionieren. Der Betriebsrat kündigt Widerstand gegen einzelne Maßnahmen an. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Tödlicher Unfall Streufdorf Streufdorf

Tödlicher Unfall Streufdorf | 07.08.2020 Streufdorf
» 12 Bilder ansehen

Ilmenau

Radprofis | 06.08.2020 Ilmenau
» 53 Bilder ansehen

Nena Erfurt Steigerwaldstadion Erfurt

Nena live in Erfurt | 04.08.2020 Steigerwaldstadion Erfurt
» 14 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
20. 11. 2019
16:01 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.