Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Wirtschaft

Auf den Dächern der Discounter: Aufstocken gegen Wohnungsnot

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp - dabei wäre in den Innenstädten noch Platz, meinen Experten. Sie haben die «hässlichen Wunden der Stadt» im Blick: Parkhäuser, Discounter und Bürogebäude.



Wohnungen über Lidl-Filiale
Oben wohnen, unten einkaufen: Auf dem Dach der Lidl-Filiale an der Bornholmer Straße in Berlin sind Wohnungen enstanden.   Foto: Wolfgang Kumm

Direkt neben dem Pfandautomaten geht es hoch, oben drei Zimmer, Parkett, Terrasse - und wenn der Kühlschrank mal leer ist, muss man zum Einkaufen nicht mal die Jacke anziehen. Auf den Dächern von Supermärkten könnten nach Ansicht von Experten bundesweit Hunderttausende Wohnungen entstehen.

Sie sagen: Wenn man auch Bürogebäude und Parkhäuser aufstocken und Parkplätze klug nutzen würde, könnte sich der gerade in Großstädten so enge Wohnungsmarkt deutlich entspannen.

Bundesweit fehlen nach Schätzungen des Pestel-Instituts aktuell etwa eine Million Wohnungen. Eigentlich müssten jährlich rund 400.000 gebaut werden - im vergangenen Jahr seien es immerhin 300.000 Wohnungen gewesen, sagt Institutsleiter Matthias Günther. Doch vor allem im Rhein-Main-Gebiet, rund um Düsseldorf und Köln, Münster und Paderborn, nördlich von Hamburg, rund um Berlin, München, Stuttgart und Freiburg würden viele neue Wohnungen gebraucht.

Gerade in den Städten ist günstiges Bauland inzwischen aber eine Seltenheit. Oft ist zwar das Geld da, Kredite sind noch immer günstig, aber es fehlen die Flächen. Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt haben sich für ein Bündnis von Wohnungs- und Bauverbänden deshalb Luftbilder der größeren Städte angeschaut und nach Platz für Wohnungen gesucht.

Gefunden haben sie die «Narben der Stadtentwicklung», wie Studienleiter Karsten Tichelmann sagt: Einstöckige Supermärkte mit großen, asphaltierten Parkplätzen, pragmatisch gestaltete, «spröde» Parkhäuser mitten in der Innenstadt, anspruchslose Zweckbauten mit Büros und Geschäften. Wenn man sie klug aufstocken, leere Gebäude und Parkplätze besser nutzen würde, könnten mehr als 1,2 Millionen Wohnungen gebaut werden, sagt Tichelmann - ohne einen Quadratmeter neues, teures Bauland.

Oben wohnen, unten einkaufen oder parken: Ganz neu ist die Idee nicht. Der Berliner Senat hat nachgerechnet und an 330 Standorten mit eingeschossigen Lebensmittelmärkten ein Potenzial für 14.000 bis 36.000 Wohnungen ausgemacht. Eine Filiale mit Dach-Wohnungen hat der Discounter Lidl in der Nähe des berühmten früheren Grenzübergangs Bornholmer Straße gebaut. Mehrere ähnliche Projekte seien geplant, auch in München, Frankfurt und Hamburg, heißt es. Auch Aldi Nord will in Berlin rund 2000 Wohnungen bauen, die ersten sollen im Frühjahr 2020 fertig sein, an 15 weiteren Standorten sei man in der Planung.

Einfach Stockwerke auf alte Flachbauten aufsetzen, das geht nach Einschätzung der Bundesarchitektenkammer aber nicht. «Die Discounter wird man nicht überbauen können», sagt Referatsleiter Paul Lichtenthäler. Zum einen sei das Gebäude dafür nicht ausgelegt, zum anderen aber nutze man das Grundstück mit dem oft großen Parkplatz dann auch nicht optimal aus.

Doch natürlich sei es gut, wenn diese «hässlichen Wunden der Stadt» verschwänden. «Im Prinzip muss man abreißen und von vorne anfangen», sagt er - mit Tiefgaragen und Einfahrten für Lieferwagen, damit es morgens nicht zu laut werde. «Gegen Lärm kann man zwar mit Fenstern viel hinkriegen», sagt er. «Aber die Leute werden trotzdem merken, dass sie über einem Markt wohnen.»

Auch Beispiele für Wohnen auf dem Parkhaus gibt es schon. In Köln setzten Architekten einem alten Parkhaus weiß verputzte Häuschen aufs Dach, zwischen ihnen eine geschwungene Dorfgasse, die an südeuropäische Fischerdörfer erinnern soll. Allerdings dauerte es Jahre, bis sie eine Baugenehmigung bekamen. Das Planungsrecht müsse flexibler werden, fordern Bauverbände.

Oft lägen Supermärkte und Parkhäuser sehr attraktiv mitten in der Stadt, sagt Tichelmann. «Warum werden diese kostbaren Flächen freigehalten?», fragt er. In der Regel könne man die Wohnungen darauf relativ teuer vermieten: Guter Ausblick, Sonne, moderne Ausstattung. Zudem ließen sich gerade Parkhausdächer gut begrünen, da sie viel Last aushielten - hier könnten etwa Kindertagesstätten entstehen.

Doch sind die Supermärkte-Klötze mit ihren großen Parkplätzen damit überall Vergangenheit? Nein, heißt es bei Lidl. Filialen mit Wohnbebauung eigneten sich nicht für jeden Standort. «Auf dem Land, in kleineren Städten und am Stadtrand benötigen wir eingeschossige Filialen mit großzügigen und kundenfreundlichen Parkflächen.» Und auch in den Großstädten wollten die Leute sicher nicht in Industriegebieten oder an viel befahrenen Bahnstrecken leben.

Veröffentlicht am:
27. 02. 2019
15:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aldi Gruppe Aldi Nord Bauland Bürogebäude Großstädte Innenstädte Lebensmittelmarkt Lidl Parkhäuser Senat von Berlin Technische Universität Darmstadt Wohnungsknappheit Wunden
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Aldi-Filiale in China

07.06.2019

Aldi eröffnet seine ersten zwei Filialen in China

China überholt die USA bald als weltgrößten Lebensmittelmarkt. Mit zwei Filialen erkundet Aldi Süd erstmals den Massenmarkt: Hochwertige Waren, trendige Produkte und Fertigmahlzeiten. Bezahlt wird mobil. » mehr

Nährwert-Logo

23.10.2019

Aldi und Lidl wollen Nutri-Score auf Eigenmarken einführen

Das neue farbige Logo Nutri-Score für Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln bekommt einen kräftigen Schub im deutschen Lebensmittelhandel. Die großen Discounter Aldi und Lidl kündigten an, die freiwillige Kennzeichnung ... » mehr

Aldi zieht aus Essener Stammhaus aus

20.09.2019

Aldi zieht aus Essener Stammhaus aus

Lebensmittelhändler weiten das Angebot aus und benötigen dafür mehr Platz. Der Trend macht auch um das Aldi-Stammhaus keinen Bogen. » mehr

Deutschlands Discounter erobern Musikfestivals

27.08.2019

Musikfestival und Reality-Show: Aldi und Co. sind überall

Sonderangebote allein reichen längst nicht mehr, um die Herzen der Kunden zu gewinnen. Deshalb kämpfen Deutschlands Discounter inzwischen immer öfter mit ungewöhnlichen Filialen um die Sympathie junger Verbraucher. » mehr

Lidl und Aldi

26.09.2019

Duell der Discounter: Aldi und Lidl kämpfen um Kunden

Ob am Stadtrand oder in der Innenstadt: Die beiden größten deutschen Discounter machen sich überall die Kunden streitig. Auf der Königsallee in Düsseldorf ist Lidl dem Rivalen Aldi jetzt ganz nah auf die Pelle gerückt. » mehr

Aldi eröffnet erste Filialen in China

31.05.2019

Aldi eröffnet erstmals zwei Filialen in China

Mit dem Discount-Konzept Aldi haben Karl und Theo Albrecht eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Die Unternehmen stiegen zu großen Lebensmittelhändlern auf. Können sie auch in China erfolgreich sein? » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Meiningen Mallorca Party

Meiningen Mallorca Party | 08.12.2019 Meiningen
» 138 Bilder ansehen

Weihnachtsmarkt in Eisfeld Eisfeld

Weihnachtsmarkt Eisfeld | 08.12.2019 Eisfeld
» 53 Bilder ansehen

Weihnachtsgala Ilmenau

Weihnachtsgala In Takt | 08.12.2019 Ilmenau
» 9 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
27. 02. 2019
15:48 Uhr



^