Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

Hintergründe

Tödliche Schüsse im Wirtshaus

Ein blutiges Verbrechen erschüttert eine Kleinstadt im Norden Baden-Württembergs. Sechs Menschen kommen ums Leben. Es handelt sich um eine Tat im familiären Umfeld.



Spurensicherung
Spurensicherung im Wirtshaus: Hier wurden zwei der sechs erschossenen Menschen gefunden.   Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Um 12.48 Uhr geht am Freitag ein Anruf ein bei der Polizei. Ein junger Mann aus der kleinen Gemeinde Rot am See ist am Telefon. Er gibt an, mehrere Menschen erschossen zu haben. Die Beamten halten den Mann in der Leitung - und machen sich auf den Weg.

Neun Minuten später erreichen sie die Bahnhofstraße in dem Ort. Der Anrufer wartet bereits vor dem Haus, in dem er wohnt, ein zweistöckiges Sandsteingebäude. Er lässt sich ohne Widerstand festnehmen. Hinter dem Haus liegen vier Leichen. Im Gebäude liegen noch zwei weitere - und eine halbautomatische Kurzwaffe, neun Millimeter.

Rot am See liegt zwischen Crailsheim (Baden-Württemberg) und Rothenburg ob der Tauber (Bayern) und hat gerade mal knapp 5400 Einwohner. Jährlich im Oktober findet dort die «Muswiese» statt, einer der ältesten und größten Jahrmärkte in Hohenlohe. Ein blutiges Verbrechen reißt den Alltag in der idyllischen Gemeinde im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs am Freitag aus den Fugen. Sechs Menschen sterben in Rot am See durch Schüsse. Zwei weitere werden verletzt - ein Opfer schwebte am Abend noch in Lebensgefahr.

«Zum Motiv können wir bis dato nichts sagen», sagte der Aalener Polizeipräsident Reiner Möller am Nachmittag bei einer spontan anberaumten Pressekonferenz im Rathaus. In schwäbischem Stakkato trägt er den bisherigen Kenntnisstand zum Verbrechen vor. Der mutmaßliche Täter ist offenbar Sohn der Wirtsfamilie, 26 Jahre alt, deutsch, hat eine Waffenbesitzkarte, soll nach aktuellem Stand Sportschütze sein. Sehr viel mehr können die Beamten noch nicht sagen. Er war offenbar gefasst bei seinem Anruf. Der Polizeipräsident spricht von einem «geordneten Gespräch».

Der Mann wohnte in dem Gebäude, ebenso wie ein Teil der Familie. Die Opfer sind drei Frauen im Alter von 36, 56 und 62 Jahren und drei Männer im Alter von 36, 65 und 69 Jahren. Alle Opfer und der mutmaßliche Täter waren den Angaben zufolge verwandt. Der Mann hat noch zwei Jugendliche im Alter von 12 und 14 Jahren bedroht, die sich im Gebäude befanden und auch zur Verwandtschaft gehören sollen.

Am Freitagnachmittag bestimmt der Anblick von Polizeiwagen den kleinen Ort. Mehr als hundert Beamte sind im Einsatz. In der Bahnhofstraße ist es nach den Schüssen zunächst ganz ruhig, fast gespenstisch still. Es ist klirrend kalt, die Wintersonne scheint freundlich auf die Wohnhäuser. In der Mitte der Straße hängt ein rot-weißes Absperrband.

Vor der Gaststätte stehen rund ein Dutzend uniformierte Polizisten und pusten sich die Kälte aus den Händen. Spurensicherer in weißen Anzügen gehen in die Kneipe. Vor dem Haus sprühen Beamte gelbe Striche auf die Straße. Auf einem Fenstersims der Gaststätte liegt ein Telefon, das ab und an laut klingelt. Das Telefon des mutmaßlichen Schützen?

Ein Nachbar sagt, er habe beim Lesen im Wohnzimmer drei Schüsse gehört. «Dann sind nach einer Weile viele weitere Schüsse gefallen.» Er habe die Familie flüchtig gekannt. «Wir haben uns auf der Straße gegrüßt.» Das Gasthaus sei eine Zeit lang geschlossen gewesen und habe nach der Renovierung der Kegelbahn wieder geöffnet. Die Tat sei ihm unbegreiflich.

Auch die Verkäuferin einer Metzgerei im Ort sagt, sie habe den Gastwirt gekannt. Das Gasthaus sei ein alteingesessenes Wirtshaus, habe aber inzwischen nur gelegentlich geöffnet und sei vor allem eine Stammkneipe der Spieler des örtlichen Fußballvereins. Die Wirtsleute hätten zusammen einen gemeinsamen Sohn gehabt, die Frau noch weitere Kinder aus einer ersten Ehe. «Ich kann das noch gar nicht glauben», sagt die Verkäuferin.

Ein 19-Jähriger kommt am Freitag extra aus einer Nachbargemeinde an den Tatort, um den Einsatz zu verfolgen. «Hier sind eigentlich alle cool drauf. Und eigentlich leben hier viele ältere Menschen. Vielleicht gab es Streitigkeiten in der Familie.» Eine Frau, die schon lange in der Gemeinde lebt, sagt: «Jetzt wird Rot am See bekannt - aber auf scheußliche Art.»

Die Beamten erhoffen sich nun von der Aussage des 26-Jährigen mehr Erkenntnisse. Bis Freitagabend mussten sie allerdings noch auf den Anwalt des Mannes warten, um mit der Befragung zu beginnen. Am Samstag soll der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden.

Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
20:29 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Familien Familiäres Umfeld Gaststätten und Restaurants Gastwirte Polizei Polizeipräsidentinnen und Polizeipräsidenten Polizistinnen und Polizisten Schüsse Söhne Tödliche Schüsse Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Connewitz

03.01.2020

Was geschah in der Silvesternacht in Leipzig?

In der Silvesternacht wird bei Ausschreitungen in Leipzig ein Polizist schwer verletzt. Wie der Abend genau ablief, wird die Justiz klären müssen. » mehr

Kobe Bryant

27.01.2020

Kobe Bryant - ein besessener Arbeiter

Kobe. Wie Ali, Pele, Magic. Nur ein Name reicht, um bei Sportfans weltweit Bilder und Erinnerungen für die Ewigkeit hervorzurufen. Kobe Bryant hinterlässt nicht nur im Basketball tiefe Spuren. Dabei hatte seine Bilderbuc... » mehr

Neujahr in Leipzig

02.01.2020

Linksextremismus hält Leipzig in Atem

Immer wieder gerät Leipzig wegen linksextremer Gewalt in die Schlagzeilen. Auch nach der Silvesternacht. » mehr

Feuerwehrleute und Polizisten vor der Schlosspark-Klinik

20.11.2019

Arzt in Klinik attackiert - Fritz von Weizsäcker erstochen

Tödlicher Angriff auf den Arzt Fritz von Weizsäcker: Der Sohn des früheren Bundespräsidenten wird während eines Vortrags in einer Berliner Klinik erstochen. Am Tag danach ist der Schock groß. Handelte der Angreifer im Wa... » mehr

Kerzen und Blumen

10.10.2019

«Trauer, Bestürzung und ein bisschen Wut»

Während in der Provinz Sachsen-Anhalts die Polizei noch im Großeinsatz ist, kehrt in Halle langsam Ruhe ein - und Trauer. Am Marktplatz gedenken einige der Toten. In der Heimat des mutmaßlichen Täters kann man nicht glau... » mehr

Trauer nach Schüssen in Halle

09.10.2019

Angriff in Halle: Was wir wissen - und was nicht

Beim Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss hat ein mutmaßlicher Rechtsextremist in Halle/Saale zwei Menschen erschossen. Viele Fragen zu der Gewalttat sind noch ungeklärt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sperrung vor Neustadt am Rennsteig Neustadt am Rennsteig

Sperrung Neustadt am Rennsteig | 23.03.2020 Neustadt am Rennsteig
» 4 Bilder ansehen

Brand in Katzhütte Katzhütte

Brand Katzhütte | 23.03.2020 Katzhütte
» 4 Bilder ansehen

inbound3887575027251749210

#Ichbleibdaheim |
» 8 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 01. 2020
20:29 Uhr



^