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Hintergründe

Lungenkrankheit macht Wuhan zur «Geisterstadt»

Millionenstädte in Quarantäne: Im Kampf gegen die Lungenkrankheit ergreift China harsche Maßnahmen. Die Zahl der Patienten steigt. Krankenhäuser sind überfordert. Drohen mehr als 6000 Infektionen?



Gesperrter Bahnhof in Wuhan
Gesperrter Bahnhof in Wuhan: Die chinesische Millionenmetropole steht praktisch unter Quarantäne.   Foto: -/Thepaper/AP/dpa

Das Virus hat die Elf-Millionen-Metropole Wuhan in eine Sperrzone verwandelt. Es fahren keine Busse, keine Bahnen. Der Flugbetrieb ist eingestellt. An den Ausfallstraßen errichtet die Polizei Straßenblockaden.

Millionen Menschen stecken fest, dürfen nicht raus. Sollen am besten nicht vor die Tür gehen - und wenn, dann nur mit Mundschutz. Sonst droht Strafe. Die drastischen Maßnahmen sollen eine weitere Ausbreitung der Lungenkrankheit verhindern. Die Straßen sind entvölkert, Märkte und Einkaufszentren wie leergefegt.

Die Abschottung ist eine beispiellose Maßnahme. «Das ist einmalig in der neueren Geschichte, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Auch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist nach Angaben eines Sprechers kein vergleichbarer Fall bekannt.

Von einer «Geisterstadt» ist die Rede - ein Szenario wie in einem Science-Fiction-Film, der in Wuhan plötzlich Realität wird. In den Krankenhäusern gibt es einen Ansturm von Patienten mit Fieber und Atemwegserkrankungen. Die verzweifelte Frage: Was ist eine normale Erkältung oder die saisonale Grippe, was die neue Lungenkrankheit? Ärzte und Schwestern, vermummt in weißen Schutzanzügen, sind überfordert, müssen Kranke heimschicken, weil sie nicht genug Betten haben.

«Die Lage ist sehr bedrohlich», schildert Wu Chao, Manager einer Spirituosenkette in Wuhan, der sich große Sorgen macht. «Ein Freund, der im Krankenhaus arbeitet, rief mich gestern Abend an und riet mir, ganz schnell die Stadt zu verlassen, weil es wirklich sehr ernst werde.» Sein Freund habe ihn gewarnt, dass sich die Krankheit jetzt erst so richtig ausbreite. «Die Hospitäler schaffen es nicht mehr.»

Die Stadtregierung habe anfangs Informationen verschwiegen, bis es nicht mehr ging, glaubt der Manager. Krankenhäuser hätten zu Beginn des Ausbruchs auch Kranke mit Fieber und Husten abgewiesen. «Solange sich der Patient noch bewegen konnte, wurde er nicht aufgenommen oder isoliert. Er wurde einfach nach Hause geschickt, wo er sich ausruhen sollte», weiß Wu Chao zu berichten. Heute gehe in den Hospitälern die Angst um. «Es ist jetzt sehr ernst.»

Die ersten Infektionen Mitte Dezember werden auf einen Markt in Wuhan zurückgeführt, auf dem neben Fischen auch Wildtiere verkauft werden. Auch das Sars-Virus bei der Pandemie 2002/2003 kam aus der Tierwelt, wohl von wilden Schleichkatzen, die heute immer noch auf solchen Märkten als exotische Delikatesse verkauft werden. Als wenn die damalige Pandemie nie passiert wäre. Damals wurden 8000 Menschen infiziert, fast 800 starben.

Nun verbreitet wieder ein neuartiges Virus - in ganz China und mit Flugreisen auch ins Ausland. Mehr als 600 Infektionen sind chinaweit bereits erfasst, mehr als 15 Menschen starben - zumeist ältere mit schweren Vorerkrankungen. Wie vor gut 17 Jahren werden in der Not ungewöhnliche Mittel ergriffen. Über Nacht verkündet die Stadtregierung, dass Wuhan - ein großes Industriezentrum und ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Herzen Chinas - abgeriegelt wird. Am Donnerstag folgen die benachbarten Metropolen Huanggang und Ezhou. Zusammen sind fast 20 Millionen Menschen betroffen.

«Ich sah es um fünf Uhr früh, und war überrascht», sagt Zhang Lin, Professorin der Wuhan Universität. «Das Reiseverbot hat mich etwas geschockt.» Ihre Eltern waren eigentlich nach Wuhan gekommen, um in der Provinzhauptstadt Arztbesuche zu machen. «Aber Krankenhäuser sind jetzt gefährliche Orte.» Einfach flüchten und zurück nach Hause in die Nachbarprovinz Henan fahren könnten sie jetzt auch nicht mehr.

«Wir stecken in Wuhan fest und können die Stadt nicht verlassen», sagt die Professorin. «Ich verstehe die Entscheidung, aber ich persönlich habe etwas Panik», räumt Zhang Lin ein. Die Stimmung in der Familie sei schlecht - und das ausgerechnet vor dem chinesischen Neujahrsfest, dem wichtigsten Familienfest in China, das von Samstag an praktisch zwei Wochen lang gefeiert wird.

Wie die Behörden mit dem Ausbruch umgegangen sind, wird kontrovers diskutiert. Bei allem Misstrauen herrscht weitgehend Einigkeit, dass es besser ist als bei der Sars-Pandemie 2002/2003, die zunächst über Wochen vertuscht worden war. Diesmal fließen die Informationen schneller, herrscht mehr Transparenz. Aber ob gerade auf lokaler Ebene immer die ganze Wahrheit gesagt wurde, wird hinterfragt - gerade was die Gefahr einer Ansteckung von Mensch zu Mensch angeht.

Ärzte großer Krankenhäuser in Wuhan berichten dem renommierten Magazin «Caixin», dass die Zahl der Infizierten nach ihren Schätzungen auf mehr als 6000 klettern könnte. Von offizieller Seite sagt keiner was dazu. Im Volk herrscht Verwirrung. «Ich weiß nicht, was richtig und was falsch ist», sagt Professoring Zhang Lin zur Informationspolitik. «Einige Leute sind zufrieden, andere finden, dass Wuhans Stadtregierung ein bisschen hinterherhinkte.»

Einige wissen offenbar aber auch mehr als andere. «Ein paar Verwandte von mir sind Beamte und wussten schon Tage vor der offiziellen Ankündigung, dass die Stadt abgeriegelt würde», zitierte die Hongkonger «South China Morning Post» einen Alex Wang aus Wuhan. «So haben meine Cousins schon am Montag die Stadt verlassen.»

Veröffentlicht am:
23. 01. 2020
12:32 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
23. 01. 2020
12:32 Uhr



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