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Hintergründe

«Wie im schlechten Film» - Diebe brechen in Schatzkammer ein

Diebe haben wertvolle Juwelen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden gestohlen - einer weltberühmten Schatzkammer. Der Einbruch wirft auch Fragen nach der Sicherheit auf.



Grünes Gewölbe in Dresden
Blick in ein Zimmer des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss.   Foto: Sebastian Kahnert/zb/dpa

Bestürzung, Kopfschütteln, ungläubige Gesichter: Vor den Türen des Dresdner Residenzschlosses stehen am Montagmorgen zahlreiche Besucher vor verschlossenen Türen.

Ein Schild am Eingang weist darauf hin, dass das Museum aus «organisatorischen Gründen» geschlossen bleibt. Die Nachricht dahinter ist ein Schock: Es gab einen spektakulären Kunstraub in Dresdens weltberühmter Schatzkammer - dem Grünen Gewölbe. Drei Juwelengarnituren ließen die unbekannten Diebe mitgehen. Ihr Wert lässt sich finanziell gar nicht beziffern, hieß es.

Als das ganze Ausmaß gegen Mittag bekannt wird, stehen manchem Beschäftigten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) Tränen in den Augen. «Das ist wie in einem schlechten Film. Ich hätte nie gedacht, dass sich so etwas mal erleben muss», sagt eine Mitarbeiterin. Betroffenheit auch in Gesichtern derjenigen, die wenig später das Unerklärbare erklären müssen.

«Ich brauche ihnen nicht zu sagen, wie schockiert wir sind, auch von dieser Brutalität des Einbruchs», sagt SKD-Generaldirektorin Marion Ackermann. Es handle sich um einen «unschätzbaren kunsthistorischen und kulturhistorischen Wert». August der Starke habe sich ja immer im Wettbewerb befunden mit Ludwig dem XIV. Mit solchen Garnituren habe er den Sonnenkönig hinter sich lassen wollen. Die besondere Bedeutung liege darin, dass die Garnituren als Ensembles erhalten blieben. Ackermann spricht von Sachsens Staatsschatz des 18. Jahrhunderts.

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, verortet den Wert der geraubten Kunstschätze weit über die Grenzen Sachsens hinaus und spricht von einer Art «kulturellem Welterbe». Es gebe nirgendwo in einer Sammlung in Europa eine Juwelengarnitur, die in dieser Form, dieser Qualität und dieser Quantität erhalten blieb

In vier Vitrinen waren insgesamt zehn Garnituren ausgestellt, eine Vitrine mit drei Garnituren wurden ausgeraubt. Zunächst konnten Syndram und Kollegen selbst den Schaden gar nicht in Augenschein nehmen. Erst sollte die Spurensicherung ihre Arbeit verrichten.

Ackermann, Syndram und die Spitze der Dresdner Polizei müssen sich bohrenden Fragen stellen. Normalerweise wird über das Sicherheitskonzept eines Museum schon deshalb Stillschweigen bewahrt, damit Kriminelle nicht an Details herankommen. An diesem Tag müssen die SKD dennoch Einzelheiten bekanntgeben. Nach den bisherigen Ermittlungen drangen die Täter über ein vergittertes Fenster mit Sicherheitsglas ein. Die mit Panzerglas geschützte Vitrine hielt den Werkzeugen der Räuber gleichfalls nicht stand.

Zwei Wachleute, die in der Zentrale Dienst haben, beobachten die Täter während der Tat über Monitore. Nach den Vorgaben dürfen sie nicht selbst eingreifen, sondern müssen die Polizei informieren. Die nimmt eine Minute vor 5 Uhr am Morgen den Notruf entgegen. Fünf Minuten später ist der erste Funkstreifenwagen vor Ort, die Täter aber schon auf und davon - offenkundig wieder durch das Fenster.

Die Polizei geht davon aus, dass ein Fluchtfahrzeug bereitstand. Fest steht, dass es zu diesem Zeitpunkt stockdunkel am Dresdner Schloss war. Da kurz zuvor ein Elektroverteiler nahe des Schlosses brannte, ist das Straßenlicht aus.

Die Polizei untersucht, ob es einen Zusammenhang gibt, die Täter womöglich gezielt vorgingen, um unbemerkt in das Schloss zu kommen. Und dann ist da noch die Frage, wie viel Insiderwissen die Täter hatten. Im Internetauftritt der SKD gibt es auch einen virtuellen Rundgang durch das Grüne Gewölbe.

Dessen Juwelenzimmer gilt als der prachtvollste Raum der Sammlung. Täfelungen, Spiegel, Türbekrönungen mit Kurhut und Königskrone, Pilaster und Marmorfußboden wurden nach historischen Quellen rekonstruiert. In vier Hightech-Vitrinen liegen verschiedene Kostbarkeiten mit Brillanten, Diamanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren - darunter der weltgrößte blaue Stein dieser Art. Im Juwelenzimmer befinden sich auch die «Juwelen der Königin»: Diamanten und Brillanten auf tiefdunkelblauer indischer Rohseide.

Innenminister Roland Wöller (CDU) spricht von einem bitteren Tag für das kulturelle Erbe in Sachsen, Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) sieht alle Sachsen als Opfer des Einbruchs. «Man kann die Geschichte unseres Landes, unseres Freistaates nicht verstehen, ohne das Grüne Gewölbe und die Staatlichen Kunstsammlungen Sachsens.»

Das Historische Grüne Gewölbe ist eines der weltberühmten Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ein barockes Gesamtkunstwerk. In den im Zweiten Weltkrieg zerstörten und prachtvoll rekonstruierten Räumen des Residenzschlosses sind rund 3000 Schmuckstücke und andere Meisterwerke aus Gold, Silber, Edelsteinen und Elfenbein zu sehen. Das 1723 bis 1729 eingerichtete Prunkstück der Kunstsammlung des legendären Kurfürst-Königs August der Starke (1670-1733) gilt als eine der reichsten Schatzkammern Europas.

Deshalb verwundert es, dass Diebe mit mechanischen Werkzeugen vergleichsweise ungehindert in die Räume eindringen konnten. Ackermann muss sich den Fragen stellen. «Wir sind auf dem Stand gewesen, das ist das, was man tun kann», beschreibt sie die Sicherheitsvorkehrungen. In allen Museen der Welt sei es so, dass Menschenleben vor allem anderen gehen würden. Deshalb hätten die Wachleute zuerst die Polizei informieren und nicht selbst nachsehen müssen. Wann immer auf der Welt ein Einbruch in ein Museum passiert sei, habe man intern einen Abgleich vorgenommen. Ackermann ist die Ratlosigkeit anzumerken.

Während drinnen im Schloss der Ermittlungsstand rekapituliert wird, wächst draußen vor dem Schloss die Menge der Schaulustigen. Die Polizei hat anders als noch am Vormittag größere Teile der Sophienstraße abgesperrt. Auch Gäste des Hotels, das dem Residenzschloss gegenüberliegt, sollen als mögliche Augenzeugen befragt werden. Denn bisher hat die Polizei nur zwei Zeugen - die Wachleute in der Sicherheitszentrale.

Draußen auf der Straße ist der Kunstraub das Thema Nummer 1. «Es ist bedrückend, dass man in solche Einrichtungen überhaupt einbrechen kann», sagt der 77 Jahre alter Holger Heidrich, ein Kunstliebhaber mit Jahreskarte. Er habe immer geglaubt, die Kunstschätze seien «bombensicher». So wie Ackermann treibt auch ihn die Frage um, was die Diebe mit den Schätzen machen. Durch ihre hohe Bekanntheit seien die Garnituren auf dem Kunstmarkt nicht verkäuflich, sagt die Generaldirektorin. Es wäre eine schreckliche Vorstellung, wenn sie deshalb zerstört und auseinandergerissen würden.

Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
17:07 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
25. 11. 2019
17:07 Uhr



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