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Hintergründe

Eskalation an der türkischen Grenze

Es schlagen Geschosse ein, Rauchwolken steigen zum Himmel - nach dem türkischen Einmarsch in Syrien beschießt die Kurdenmiliz YPG immer wieder Grenzorte. Auf beiden Seiten fliehen Menschen.



Rauchschwaden
Rauchschwaden steigen nach der Bombardierung durch türkische Streitkräfte über dem syrischen Teil des Stadtgebietes von Tall Abjad auf.   Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Es donnert und kracht, irgendwas explodiert in Syrien oder schlägt ein Geschoss in der Türkei ein? Kader zuckt kurz zusammen und winkt dann mit einem etwas angestrengten Lächeln ab.

«Das ist unsere Artillerie», sagt sie und meint damit die türkische. «Wir haben uns schon daran gewöhnt». Und weiter: «Selbst wenn wir gehen wollten, wo sollten wir denn hin?»

Die 30-Jährige arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft in der türkischen Grenzstadt Akcakale wenige Kilometer entfernt vom syrischen Tall Abjad, das gegenüber liegt. Eine Grenzmauer trennt die beiden Städte. Auf der syrischen Seite steigen Rauchwolken auf. Kader wollte sich wie alle Menschen in der Geschichte nicht fotografieren lassen, weil sie gegenüber Journalisten sehr misstrauisch ist.

Am Mittwoch hat die Türkei ihren dritten Einsatz in Nordsyrien begonnen, mit dem Ziel, die Kurdenmiliz YPG von der Grenze zu vertreiben. Die türkische Regierung will eine sogenannte Sicherheitszone unter ihrer alleinigen Kontrolle einrichten, aus der sich alle Kurdenmilizen zurückziehen sollen. Sie will dort auch Millionen syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben. Die Türkei führt unter anderem Selbstverteidigung als Rechtfertigung für ihren Einsatz auf.

Das Militär beschoss zunächst Tall Abjad und die weiter östlich gelegene Stadt Ras al-Ain. Am Donnerstag wurde dann erstmals auch das türkische Akcakale von Mörsergranaten getroffen, es gibt die ersten Toten und Verletzten. 

Es dürfte kein Zufall sein, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Offensive hier begonnen hat. Akcakale ist wie ursprünglich Tall Abjad arabisch geprägt. Trotz der Einschläge aus Syrien unterstützen die Einwohner Akcakales die Offensive und sehen die YPG - wie Erdogan - als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als Terrororganisation.

Wie um den Zusammenhalt in der Bevölkerung noch zu beschwören, scheppert nationalistische Musik aus den Lautsprechern vor dem Bürgermeisteramt. Hin und wieder werden Warnungen vor Granaten und Raketen verlesen.

Der Händler Abdulhadi (31) ist der Meinung, dass der Einsatz richtig ist. Er habe Angst, dass die PKK das Gebiet in Nordsyrien als Rückzugsraum nutzen und wieder mehr Anschläge in der Türkei durchführen könnte, sagt er. Für ihn sind PKK und YPG gleichermaßen Terrororganisationen so wie die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die beherrschte die Grenze zu Akcakale, bevor die YPG den IS im Jahr 2015 vertrieb. 

Kasim (28) hat derweil Warnungen vor Beschuss ignoriert und auf dem Markt in Akcakale seinen Stand aufgebaut. Er verkauft alles Mögliche, vom Nähgarn bis zur Strumpfhose. Er wolle keinen «Terrorstaat» auf der anderen Seite, sagt er. Auch Erdogans Ziel, eine sogenannte Sicherheitszone einzurichten, um syrische Flüchtlinge anzusiedeln, unterstützt er. In Akcakale leben Zehntausende Syrer. «Sie haben uns die Arbeit weggenommen», sagt Kasim. Auf den Baumwollfeldern, die Akcakale umgeben, würden Syrer etwa bevorzugt, weil sie für weniger Geld arbeiteten. Dass Europa gegen die Offensive protestiere, statt sie zu unterstützen, hält er daher für völlig unverständlich. «Ihr seid weit entfernt, das könnt Ihr nicht verstehen», klagt er.

Erdogan will mit dem Einmarsch offenbar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Flüchtlinge loswerden, wegen denen er innenpolitisch unter Druck steht und verhindern, dass die YPG in Nordsyrien dauerhaft ein zusammenhängendes Gebiet beherrscht. Zugleich kann er das Einflussgebiet der Türkei in Syrien ausweiten. Wie nebenbei sät er mit dem Einsatz auch noch Zwist in der Opposition. Denn alle Parteien stehen hinter dem Militäreinsatz, außer die pro-kurdische HDP, die Erdogan wieder isolieren kann.

Doch nach wenigen Tagen wird deutlich, wie brandgefährlich das Vorhaben ist. «Zehntausende» sind nach UN-Angaben angesichts der neuen Eskalation auf der Flucht. Die US-Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) warnt, dass in Syrien bis zu 300 000 Menschen vertrieben werden könnten. Darunter seien viele, die schon mehrfach vertrieben worden seien und die auch unter der brutalen Herrschaft des IS gelitten hätten.

Schon in den ersten 36 Stunden seit Beginn der Offensive seien mindestens 60 000 Zivilisten geflüchtet, schätzt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Orte Ras al-Ain und Al-Darbasija seien fast komplett verlassen. Eine Bestätigung aus einer unabhängigen Quelle gibt es für diese Schätzung nicht.

Abdalla Usman, der im syrischen Tall Abjad lebt, sagt am Telefon: «Unser Hauptziel war, in unserer Stadt zu bleiben und in Frieden zu leben, aber mit dieser Offensive stehen wir vor einer ungewissen Zukunft.» Ein kurdischer Aktivist namens Ahmed, der seinen Nachnamen nicht nennen will, beschreibt die türkischen Angriffe als «brutal und voller Hass gegen das kurdische Volk».

Auch im türkischen Akcakale geht der Beschuss weiter. Als erneut Mörsergranaten aus YPG-Gebiet einschlagen, bricht Panik aus. Vor dem Krankenhaus liegen die Nerven blank: Menschen schreien durcheinander, die Polizei versucht, die Menge im Zaum zu halten. Zahlreiche Einwohner packen ihre Sachen und fliehen in Richtung der etwa 50 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Sanliurfa. In den nächsten Tagen werden wohl noch mehr Menschen ihre Häuser verlassen und fliehen müssen - auf beiden Seiten der Grenze.

Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
11:22 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
11. 10. 2019
11:22 Uhr



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