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Hintergründe

Die Windkraft-Krise: Wut bei Bürgern, Alarm in der Branche

Deutschland verabschiedet sich von Atomenergie und Kohle. Damit das gut geht, sollen Anlagen aus Wind und Sonne viel mehr Strom liefern. Doch die Energiewende ist ins Stocken geraten. Der Ausbau von Windrädern an Land ist eingebrochen. Ein Lagebericht.



Protest gegen Windkraftanlagen
Rainer Ebeling, Sprecher der Bürgerinitiative in Crussow, einem Ortsteil von Angermünde in der Uckermark, steht mit einem Protestplakat auf einem Feld mit Windrädern.   Foto: Patrick Pleul

Eigentlich ist es eine Idylle. Ein helles, freundliches Haus in einem kleinen Dorf, ein großer Garten mit freiem Blick auf die Felder. Wenn da nicht die Windräder wären. «Von den Dingern gehen viele gesundheitliche Gefahren aus - abgesehen davon, dass sie die Landschaft verschandeln», schimpft Stefan Hellert. «Die machen uns den Frieden und die Ruhe kaputt. Und die Gesundheit», sagt seine Frau Katrin Stoll-Hellert.

«Die» - das ist die Windbranche mit einem aus Sicht der Gegner hoch subventionierten und rentablen Geschäft. Das ist die Politik, die den Ausbau der Windkraft vorantreibe, koste es was es wolle. Stefan Hellert (45) ist Sprecher einer Bürgerinitiative in Carzig, einem Ortsteil der Gemeinde Fichtenhof im Brandenburger Landkreis Märkisch-Oderland. Mehr als 1000 solcher Initiativen gibt es bundesweit.

Als die Hellerts vor drei Jahren nach Carzig zogen, standen in der Nähe einige kleinere Windräder, 166 Meter hoch, die nächsten sind 800 Meter entfernt von ihrem Haus. Doch inzwischen sind einige bereits ersetzt worden - gegen Anlagen mit einer Höhe von 229 Metern. Und es seien bereits Baugenehmigungen beantragt für neue Anlagen, 250 Meter hoch, sagt Hellert. «Unsere Grundstücke werden von Windrädern entwertet, das ist eine schleichende Enteignung. Landeigentümer bekommen horrende Pachten. Uns entschädigt kein Mensch», sagt Katrin Stoll-Hellert.

Knapp 85 Kilometer entfernt von Carzig steht Rainer Ebeling auf einem Feld vor Windrädern. Der 58-Jährige ist Sprecher der Bürgerinitiative in Crussow, einem Ortsteil von Angermünde in der Uckermark. «Angermünde ist schon mit Windkraftanlagen umzingelt, auf einer Fläche von 160 Hektar im Umkreis von fünf Kilometern. Und nun sollen noch mal 200 Hektar draufgepackt werden.»

Nach Zahlen der Marktberatungsfirma Deutsche Windguard stehen in Brandenburg nach Niedersachsen die meisten Windräder in Deutschland. Insgesamt gibt es derzeit rund 30 000 Windenergieanlagen, in Brandenburg sind es rund 3800. Viel zu viele, finden die Bürgerinitiativen. «Windkraftanlagen sind ökologisch, ökonomisch und sozial unsinnig», sagt Stefan Hellert. Die Windkraft sei volatil und nicht grundlastfähig. Der Ausbau aber sei politisch gewollt. «Deswegen wird gebaut.»

Das politische Ziel lautet: weg von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas, hin zu erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne und Biomasse. Bis Ende 2022 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden, bis 2038 soll Deutschland raus der klimaschädlichen Kohleverstromung. Doch der teure Großumbau ist ins Stocken geraten. Vor Ort gibt es viele Proteste und Klagen. Die Strompreise sind hoch. Der Ausbau der Stromnetze verzögert sich. Der Ausbau der Windkraft an Land kam im ersten Halbjahr fast zum Erliegen.

Bei der Windkraftlobby herrscht Alarmstimmung. Es gebe zu wenig genehmigte Flächen, Genehmigungsverfahren dauerten oft Jahre, klagt der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien seien in Gefahr.

Die Vorwürfe der Windkraftgegner weist der Verband zurück. Ein BWE-Sprecher sagt: «Allen Unkenrufen um die Systemstabilität und die fehlenden Netze oder die fehlende Grundlastfähigkeit der Erneuerbaren zum Trotz haben wir nicht jede Woche Blackouts, sondern eines der sichersten Stromnetze der Welt.» Auch die Kritik, Windanlagen seien gesundheitsgefährdend, weist die Branche zurück.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat nun ein Krisentreffen zur Windkraft angekündigt. Er will sich voraussichtlich im September mit Vertretern der Branche, von Ländern und Bürgerinitiativen zusammensetzen.

Was dabei herauskommt, ist offen. Die Bürgerinitiativen jedenfalls dürften weiterkämpfen gegen neue Windräder. Und Rainer Ebeling wird weiter seinen «Kopfschmerzkalender» füllen, den er seit Jahren führt: «Die Kopfschmerzen haben zugenommen. Wenn das so weitergeht mit den Windrädern, überlegen wir hier wegzuziehen.»

Veröffentlicht am:
08. 08. 2019
10:08 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
08. 08. 2019
10:08 Uhr



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