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Hintergründe

SPD liebäugelt mit Führungsduo

Am Montag entscheidet die SPD, ob sie künftig von einer Doppelspitze geführt wird. Damit hat die Konkurrenz zuletzt gute Erfahrungen gemacht - doch nicht nur.



Rednerpulte
Leere Pulte vor Beginn einer SPD-Konferenz.   Foto: Peer Grim

Die Stellenbeschreibung ist wahrlich anspruchsvoll: Herz und Bauch der Wähler ansprechen - aber den Kopf nicht vergessen. Jung und unverbraucht sein. Zugleich erfahren genug, nicht in Fettnäpfchen zu treten. Radikal verändern, aber nicht verschrecken.

Eine tief gesunkene Partei aus dem Dreck ziehen. Was die SPD von ihrer neuen Führung verlangt, scheint für eine Person viel zu viel. Am Montag wollen die Genossen entscheiden, ob sie künftig auf eine Doppelspitze setzen. Nach dem Motto «Doppelt hält besser». Oder vielleicht eher «Geteiltes Leid ist halbes Leid»?

Doppelspitzen scheinen in Mode - in der Wirtschaft wie in der Politik. Doch ein automatisches Patentrezept sind sie nicht - auch wenn die Erfolge der Grünen aktuell anderes vermuten lassen. Da muss man nur auf die Deutsche Bank blicken, wo das Führungsduo Jürgen Fitschen und Anshu Jain den Umbruch bringen sollte, sich aber vorzeitig trennte. Was also macht den Erfolg aus?

Annalena Baerbock ist eine, die das wissen könnte. Im Duo mit Robert Habeck räumt die Grünen-Chefin gerade in den Umfragen ab. «Doppelspitze heißt für mich doppelt stark», sagte Baerbock neulich der «Welt am Sonntag» - fügte jedoch sofort eine Bedingung hinzu: Wenn man nicht untereinander wetteifere, «wer der Schönste und Beste im Raum ist», sondern die doppelte Kraft für die Sache einsetze. 

Das hört sich simpel an, ist jedoch auch bei den Grünen kein Automatismus. Zwar gehören Doppelspitzen quasi zur DNA der Ökopartei. Mindestens eine Frau muss dabei sein, genau wie beide Parteiflügel, die Linken und die Realos. Doch dass Partnerschaft mühsam sein kann, demonstrierten bis Anfang 2018 Cem Özdemir und Simone Peter. Immer wieder gab es Kompetenzgerangel. Nicht abgesprochene Vorstöße wurden vom anderen mit Augenrollen oder Widerspruch quittiert.

Habeck ist trotzdem sicher: Rückblickend sei die Doppelspitze das Erfolgsgeheimnis seiner Partei. Baerbock und er haben sogar die Büros zusammengelegt. Mit Interviews und Talkshow-Auftritten wechseln sie sich ab. Parteikollegen loben Effizienz und Harmonie, auch bei inhaltlichen Differenzen. Derzeit scheint das Hauptproblem: Was tun, wenn man einen Kanzlerkandidaten braucht? Denn für eine Doppelspitze im Kanzleramt müsste das Grundgesetz geändert werden.

Auch AfD und Linke haben Doppelspitzen, eine Frage der Ideologie sind sie also nicht. Viel eher wohl der Versuch, konkurrierende Strömungen unter einen Hut zu bringen, eine größere Zielgruppe anzusprechen. Die Doppelspitze fördere, «dass gleich auf der Führungsebene auf Ausgleich und Vermittlung geachtet wird», sagt Linken-Chefin Katja Kipping. «Besonders gut funktioniert das, wenn es den beiden in der Doppelspitze nicht nur um einen rein machttaktischen Ausgleich geht, sondern das Bestreben vorhanden ist, gemeinsam Neues zu entwickeln und zusammen Erkenntnisse zu gewinnen.» Auch für das Privatleben sei sie gut: «Das erhöht die Chance, auch mal ein politikfreies Wochenende zu haben.»

Die Doppelspitze ist also mehr als eine Notlösung, wenn eine starke Führungspersönlichkeit fehlt. Zugleich birgt sie Gefahren, denn Politik lebt viel von Personalisierung. Die öffentliche Zuspitzung auf einzelne Personen wird schwieriger, wenn sie die Harmonie einer Doppelspitze gefährdet. Außerdem mögen Wähler nicht, wenn sich eine streitende Parteispitze mehr mit sich selbst als mit Inhalten befasst. 

Bei der SPD scheint trotzdem alles auf ein Führungsduo hinauszulaufen. In einer parteiinternen Umfrage mit mehr als 23 000 Teilnehmern habe es Hinweise gegeben, «dass eine Doppelspitze eine gute Alternative ist», sagt der kommissarische Parteichef Thorsten Schäfer-Gümbel. Auch SPD-Vordenker Erhard Eppler legte seiner Partei eine solche Lösung nahe - «wenn beide harmonieren und sich nicht gegenseitig im Weg stehen». 

Und wer könnte es machen? Eppler nennt Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig - doch die hat bereits abgewunken. Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann hält Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil für geeignet, oder Arbeitsminister Hubertus Heil. Beide haben Ambitionen bestritten - doch sollte der Beschluss für eine Doppelspitze fallen, könnten die Karten neu gemischt werden. 

Immer wieder fällt auch der Name von Familienministerin Franziska Giffey. Zwar könnte die Plagiatsprüfung ihrer Doktorarbeit einen Strich durch diese Rechnung machen. Berlins SPD-Fraktionschef Raed Saleh meint aber, die 41-Jährige hätte das Zeug zur Parteivorsitzenden. «Franziska Giffey ist ein Talent», sagt er. «Ihre Stärke ist, dass sie nicht ihren Kurs permanent wechselt, je nachdem wie es gerade im Mainstream passt, sondern sie hat eine Linie.»

Giffey scheint sich schon vorsichtig warmzulaufen. «Es ist extrem wichtig, dass im Vorsitz jemand ist, der Bauch und Herz erreicht», sagte sie der «Süddeutschen Zeitung». Genau dafür ist sie selbst bekannt. Zugleich spricht sich die Familienministerin indirekt für ein Führungsduo aus: «Wenn Sie eine schwere Aufgabe haben, arbeiten Sie doch lieber zusammen mit anderen Menschen, oder?»

Ein solcher Mensch könnte Weil sein. Der 60-jährige Ministerpräsident könnte mit seiner Erfahrung der Gegenpart zu Giffeys Unverbrauchtheit sein. Ein Mann aus den Bundesländern neben der Frau aus Berlin. Er ist in der Wirtschaftspolitik zu Hause, sie im Sozialen. Doch der Ruf nach Berlin, so hört man, müsste für Weil schon sehr laut sein. Eher zusagen würde womöglich Generalsekretär Lars Klingbeil. Der ist genauso jung wie Giffey, es wäre ein starkes Zeichen für einen SPD-Neuanfang. 

Wie stellt man sicher, dass ein Führungsduo funktioniert? So richtig weiß man auch in der Wissenschaft nicht, wann und warum zwei Leute miteinander können. «Gleich und gleich gesellt sich gern», lautet die eine Theorie, «Gegensätze ziehen sich an» die andere. Bestimmte Charaktere schließt der Frankfurter Personalberater Heiner Thorborg aus: «Leute mit Ego-Problemen und mangelndem Teamgefühl, Mimosen, Kontrollfreaks, Geldgierige, Spielernaturen, Diven und vermeintliche Charismatiker eignen sich einfach nicht für Doppelspitzen», schrieb er mal im «Manager Magazin».

Veröffentlicht am:
24. 06. 2019
09:55 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
24. 06. 2019
09:55 Uhr



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