Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Hintergründe

Anklage gegen Winterkorn: «Dieselgate» auf 75.000 Seiten

Volkswagens Ex-Konzernchef Winterkorn war einst Deutschlands bestbezahlter Top-Manager. Im Dieselskandal beteuerte er immer wieder seine Unschuld. Doch die Staatsanwaltschaft ist sicher: Sie hat jetzt genug gegen ihn in der Hand.



Für den früheren VW-Chef Martin Winterkorn geht es jetzt ums Ganze. Im Dieselskandal hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anklage gegen den 71-Jährigen erhoben.

Insgesamt 692 Seiten umfasst die Anklageschrift, in 300 Aktenbänden mit rund 75.000 Seiten ist der Tatverdacht der Anklagebehörde nach umfangreicher Recherche dargelegt. Auch wenn die Staatsanwaltschaft auf die Unschuldsvermutung hinweist, die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt: Allein die Vorwürfe wiegen schwer. Denn die Anklagebehörde sieht ausreichend Indizien dafür, dass Winterkorn trotz gegenteiliger Beteuerungen früh über «Dieselgate» informiert war.

Mit vier weiteren Führungskräften, gegen die ebenfalls Anklage erhoben wurde, soll er demnach Kunden und Behörden betrogen und auch gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verstoßen haben. Damit rückt der einstige Top-Manager dreieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals nun ins direkte Visier der Justiz.

Vorausgesetzt, das Landgericht Braunschweig lässt die Klage zu, droht Winterkorn bei einer Verurteilung nicht nur Gefängnis, sondern auch ein Entzug seiner Boni, die er als erfolgreicher Unternehmenslenker früher eingestrichen hat; und möglicherweise auch eine hohe Schadenersatzforderung seines früheren Arbeitgebers.

«Wiko», wie er intern genannt wurde, war einst einer der bestbezahlten Top-Manager Deutschlands. Heute kommt er durch die Justizermittlungen kaum zur Ruhe. Auch in den USA sind sie anhängig. Zwar beteuerte er immer wieder seine Unschuld. Doch die Staatsanwaltschaft verdächtigt den einst öffentlich als extrem akribisch beschriebenen obersten Qualitätsprüfer des Konzerns, sein überlegenes Wissen bewusst zur Täuschung eingesetzt zu haben.

Pedantisch listete sie nach umfangreichen Recherchen auf, dass «insgesamt 9.058.621 in Wahrheit nicht zulassungsfähige Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Seat und Skoda in den Verkehr gebracht und verbotswidrig zum Verkehr zugelassen» wurden. Schaden sei auch durch unberechtigte Steuerbefreiungen für Dieselkäufer entstanden.

Winterkorns Verteidigung deutet bereits an, dass sie sich in einem möglichen Prozess auf die Anklagebehörde einschießen will. Nach ihrer Darstellung hatte die Staatsanwaltschaft Winterkorns Anwälten zuletzt am 5. April sieben DVDs mit 300 Ordnern Material zugesandt - «davon Dutzende von Dateiordnern, die der Verteidigung bislang unbekannt waren». Die Bitte um Zeit und Gelegenheit, die Unterlagen durchsehen und schriftlich Stellung dazu nehmen zu können, sei ignoriert worden, ließ Winterkorns Anwalt Felix Dörr in einer Stellungnahme erklären. Er betont: «Die Verteidigung wird sich auf diese 'Gangart' der Staatsanwaltschaft einstellen.»

Das an Volkswagen beteiligte Land Niedersachsen reagierte eher verhalten auf die Anklage: mit dem Hinweis auf seine früheren Forderungen nach einer gründlichen Aufklärung des Skandals. «Nunmehr ist der weitere Gang des Verfahrens abzuwarten; eine inhaltliche Bewertung wird erst nach Abschluss des Strafverfahrens erfolgen können», meint Regierungssprecherin Anke Pörksen.

«Ein wichtiges erstes Signal für Gerechtigkeit» dagegen sieht die Grünen-Fraktionschefin im niedersächsischen Landtag, Anja Piel. «Die Anklage zeigt, dass in Niedersachsen auch millionenschwere Manager großer Autobauer Verbraucherrechte nicht einfach ignorieren und mit Füßen treten können.» Bei der millionenfachen Verbraucher-Täuschung gehe es eben nicht nur um «Schummelei», sondern um knallharten Betrug.

Die Anklagebehörde sparte in ihrer Erklärung nicht mit drastischen Worten. Mit Blick auf den Skandal, der den damaligen Vorstandschef Winterkorn am 23. September 2015 aus dem Amt fegte, deuten sie auch handfeste eigennützige Motive an. Die Angeschuldigten hätten in dem Bestreben gehandelt, dem Unternehmen möglichst hohe Verkaufszahlen mit einem möglichst hohen Gewinn zu verschaffen. «Von dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens hing letztlich auch das Einkommen der Angeschuldigten, insbesondere deren vertraglich vorgesehene Bonuszahlung, ab», heißt es in der Mitteilung.

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
17:05 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitgeber Audi Autofirmen Diesel-Skandal Gerichtsklagen Justizvollzugsanstalten Landgericht Braunschweig Martin Winterkorn Seat Skandale und Affären Staatsanwaltschaft Strafprozesse VW VW-Chefs Verkehr Volkswagen AG Škoda
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Volkswagen

24.09.2019

Abgasaffäre: Die wichtigsten juristischen Baustellen für VW

Vier Jahre nach seinem Beginn wirft der Abgasskandal noch immer lange Schatten - nun ist die VW-Spitze wegen Marktmanipulation angeklagt. Die bisherigen rechtlichen Folgen von «Dieselgate» im Überblick. » mehr

Hans Dieter Pötsch

24.09.2019

Hans Dieter Pötsch: Angeklagt wegen Marktmanipulation

Von der Vergangenheit eingeholter Chefkontrolleur: Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft sieht Pötsch mitverantwortlich für die VW-Abgasaffäre. » mehr

Martin Winterkorn

24.09.2019

Martin Winterkorn: «Mr. Qualität» stolperte über Abgasaffäre

Technik-Freak, «Mr. Qualität» und Ziehsohn von VW-Patriarch Ferdinand Piëch - Martin Winterkorn war lange beim Autobauer aus Wolfburg unantastbar. Bis er 2015 über «Dieselgate» stolperte. » mehr

Ferdinand Piech

27.08.2019

Patriarch mit harter Hand: Wie Piëch den VW-Konzern führte

Ferdinand Piëch hatte die Geschicke des VW-Imperiums über Jahre in seiner Hand. Mit großem wirtschaftlichen Erfolg. Doch sein strenger Führungsstil gefiel nicht jedem, der Abschied geriet zur Machtprobe. » mehr

Herbert Diess

24.09.2019

Herbert Diess: Effizienz-Experte, Kostendrücker und Stratege

Seine Rolle im Sommer 2015 ist umstrittig. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen Diess. Verdacht: Wissen brisanter Informationen und Zurückhaltung dieser. » mehr

VW

30.09.2019

VW-Musterklage angenommen: «Wer kauft so einen Wagen noch?»

Die Kunden wollen so rasch wie möglich Entschädigung, der Konzern hat «Interesse an einem zügigen Verfahren»: Die Diesel-Musterklage gegen VW ist vor Gericht gekommen. Jede Seite sieht sich im Recht - was für die Verbrau... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Hunde-Foto-Shooting mit Angelika Elendt

Hunde-Foto-Shooting Caruso |
» 12 Bilder ansehen

Kastanienkette Ilmenau

Längste Kastanien-Kette | 14.11.2019 Ilmenau
» 5 Bilder ansehen

Rauchentwicklung Tankstelle Waldau Waldau

Rauchentwicklung Tankstelle Waldau | 14.11.2019 Waldau
» 7 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
15. 04. 2019
17:05 Uhr



^