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Hintergründe

Die Revolution hat den Sudan erreicht

Drei Jahrzehnte schien Al-Baschir unantastbar. Nun haben Massenproteste im Sudan zu einer Revolution geführt. Das Militär hat den Präsidenten gestürzt. Doch die Zukunft ist ungewiss.



Situation im Sudan
Sudanesen gehen gegen Al-Baschir auf die Straße.   Foto: AP/Archiv

Stundenlang warteten die Sudanesen gebannt auf die Erklärung des Militärs. Dann endlich trat er vor die Kameras: Verteidigungsminister Awad Ibn Auf, der Vize des Langzeitmachthabers Omar al-Baschir. In Militäruniform.

Der Präsident sei festgenommen und an einem «sicheren Ort», erklärte er. Eine Militärführung solle nun das Land für zwei Jahre leiten, um den Weg für Wahlen zu ebnen. Ibn Auf verhängte auch einen Ausnahmezustand für drei Monate. Und so endete die Ära Al-Baschir, wie sie begann: mit einem Militärputsch.

Fast drei Jahrzehnte schien Al-Baschir unantastbar: Weder die Opposition, bewaffnete Rebellionen noch die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs konnten dem autoritären Herrscher etwas anhaben. Doch eine Wirtschaftskrise brachte das Fass zum Überlaufen. Steigende Brotpreise trieben Hunderttausende zu Protesten auf die Straßen. Monatelang füllten sie die Straßen Khartums und anderer Städte mit Gesängen und Parolen, die Menschen trotzten Tränengas, Kugeln und Festnahmen. Immer und immer machten sie ihrem Ärger Luft.

Jetzt haben ihn seine engsten Weggefährten abgesetzt. Mit dem Putsch folgt der Sudan etlichen anderen Ländern der arabischen Welt, in denen autoritäre Machthaber Massenprotesten weichen mussten, wie zuletzt in Algerien. Doch ist dies der langersehnte Befreiungsschlag für den Sudan - oder folgt nun eine Militärdiktatur?

Noch im Morgengrauen am Donnerstag erklärten die staatlichen Radio- und TV-Sender, dass das Militär eine «wichtige» Ankündigung machen werde. Das war genug, um auf den Straßen von Khartum Euphorie auszulösen. Tausende Menschen jubelten und feierten, hielten stolz die sudanesische Flagge in die Höhe. Viele riefen Parolen wie «Endlich werden wir das Al-Baschir-Regime los». Zehntausende strömten auf den Platz vor der Militärzentrale, auf dem seit Tagen eine Sitzblockade andauerte, der Tahrir-Platz von Khartum.

Nun ist das Militär an der Macht. Doch sieht so der Anfang eines demokratischen Sudan aus? «Es sind die alten Gesichter minus Al-Baschir, das ist kein Neubeginn», sagt Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik. «Aber es ist auch kein Ausbruch eines Bürgerkriegs.» Also erstmal Stabilität.

Viele Sudanesen zeigen sich enttäuscht. «Dies ist ein schockierender Moment für die Sudanesen, die gegen das korrupte Regime protestiert haben», sagt etwa der 22-jährige Student Marwan Abdu. «Als wir auf die Straße gegangen sind, wollten wir wahre Veränderungen, keine künstlichen.» Für den Analysten Mohamed Taha ist klar: Man müsse weiter protestieren, damit «alle Gesichter des alten Regimes» verschwinden.

Einen autoritären Führer durch einen anderen ersetzen - das ist wohl nicht im Sinne der Menschen, die so viel riskierten, um sich gegen das Regime zu stellen. Man werde weiter protestieren, bis eine «zivile Übergangsregierung» an der Macht sei, erklärten die gewerkschaftsähnliche Interessensvertretung SPA, eine treibende Kraft hinter den Protesten, und weitere Oppositionsgruppen.

Al-Baschir war selbst durch einen Militärputsch 1989 an die Macht gekommen. Er hielt sich mit einer Mischung aus autoritärer Führung und Populismus an der Macht. Er überstand interne Opposition, blutige Konflikte in den Provinzen Süd-Kordofan und Darfur sowie die Abspaltung des Südsudans 2011. Auch Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag gegen ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schienen ihm nichts anzuhaben, einzig internationale Reisen wurden für ihn dadurch schwieriger. Der Sudan wurde zum Paria-Staat, doch Al-Baschir blieb.

Letztlich überschätzte er aber die Geduld der Menschen. Der Sudan mit seinen 41 Millionen Einwohnern steckt seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise, vor allem weil das Öl fehlt, auf das sich die Wirtschaft gestützt hatte und das nun zum Großteil im Südsudan liegt. Ende vergangenen Jahres kürzte die Regierung dann Brot- und Benzinsubventionen, die Preise schossen in die Höhe, die Inflation nahm rasant zu - die Stimmung kippte. Die ersten Demonstrationen richteten sich noch gegen die Wirtschaftspolitik. Doch schon bald ging es um Al-Baschir selbst.

Falls die Menschen nun weiter protestieren für eine zivile Regierung, wie wird sich dann das Militär verhalten? Der Anführer der neuen Militärregierung zeigte zumindest Verständnis für die Klagen der Menschen. «Trotz all des Leids, trotz all der Lügen, trotz all der falschen Versprechen (der Regierung) waren die Sudanesen geduldig, waren Sudanesen großzügig», sagte Ibn Auf. Er entschuldigte sich dafür, dass Menschen während der Proteste getötet wurden - einem Ärzteverband zufolge mindestens 21. Doch könnten sich Demonstranten und Militärs bald doch gegenüberstehen?

Dass die Streitkräfte ihre Waffen auf die Demonstranten richten werden, glaubt Sudan-Expertin Weber nicht. Die neue Führung wird sich etwas überlegen müssen. Womöglich werden doch zivile Kräfte in die Übergangsregierung geholt, um die Demonstranten zu befriedigen, wie sie meint. «Um den Druck der Straße erstmal weg zu haben.» So steht der Sudan nicht am Ende, sondern erst am Anfang eines Wandels.

Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
20:06 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
11. 04. 2019
20:06 Uhr



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