Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Hintergründe

Generation Merkel: Was in 18 Jahren noch geschah

Das Ende der Amtszeit von Angela Merkel ist in Sicht - ihr Rückzug vom CDU-Vorsitz ist der erste Schritt. Junge Deutsche kennen aber gar niemand anderen im Kanzleramt. Für sie ist Merkel so etwas wie eine Klammer im eigenen Leben: Es ist viel passiert in den 18 Jahren.



Leutheusser-Schnarrenberger und Merkel
Kleinkariert: Die damaligen Ministerinnen Angela Merkel (CDU) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vergleichen in Bonn ihre doch sehr ähnlichen Jacken.   Foto: Martin Gerten

Wenn man die Regierungszeit von Angela Merkel mit einer Serie vergleicht, kann man sagen: Es läuft die finale Staffel. Am Freitag gibt Merkel den CDU-Vorsitz ab, bei der nächsten Bundestagswahl will sie nicht mehr antreten. Die Ära Merkel klingt aus, das steht fest. Es ist ein Abschied auf Raten.

Für viele Deutsche ist das ein ungewohnter Zustand, vor allem für die jungen. Wer in den späteren 80ern geboren wurde, verbindet den allergrößten Teil seiner politischen Erinnerungen mit Merkel im Kanzleramt. Man sollte den Vergleich nicht zu sehr bemühen, aber: Es war eine verdammt lange Serie, mit vielen Staffeln und wechselnden Nebendarstellern. Aber immer mit derselben Hauptdarstellerin. Merkel war immer da, höchstens mal kurz im Urlaub in Südtirol.

Passenderweise gehören der «Generation Merkel» viele Leute an, die sich mit Serien bestens auskennen. In die Ära Merkel fällt - ohne ihr Zutun - der Aufstieg des Streamingdienstes Netflix, der Hype um Serien wie «Game of Thrones». Als Merkel 2000 CDU-Chefin wurde, surrten dagegen in weiten Landesteilen noch klobige Röhrenfernseher. Als sie 2005 Kanzlerin wurde, gab es noch kein iPhone.

Das verdeutlicht, dass sich in der Ära Merkel vielleicht nichts an der Spitze von CDU und Bundesregierung verändert hat - drumherum im Land aber schon. Was hat die «Generation Merkel» erlebt? Es ist eine Frage, die man jetzt stellen kann.

Ein Blick zurück. Im Jahr 2000, in dem Merkel zur CDU-Chefin aufsteigt, sieht das Leben für Teenager in Deutschland anders aus als heute. Es gibt noch die D-Mark, die Wehrpflicht ist noch nicht ausgesetzt. Junge Männer tragen statt knöchelfrei bevorzugt betont sackige Hosen, genannt Baggy Pants. Im Fernsehen läuft eine als große Neuerung geltende Show, weil dort eine Band gecastet wird: «Popstars». In den Charts regiert derweil DJ Ötzi, der über einen «Anton aus Tirol» singt. Und die Fußball-Nationalmannschaft vergurkt auf kolossale Weise eine EM in Belgien und den Niederlanden. Gut, bei diesem Punkt mag man Parallelen zu 2018 sehen.

Vor allem aber gibt es noch kein schnelles Internet. «Auf gesellschaftlicher Ebene betreffen die Veränderungen vor allem die Digitalisierung und die Geschlechterverhältnisse», sagt Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Uni Mainz, wenn man ihn nach den großen Umbrüchen seit 2000 fragt. Durch die Digitalisierung hätten sich Takt und Menge von Kommunikation massiv verändert. «Sie hat zu einer enormen Beschleunigung geführt - aber auch zu einer größeren Aufgeregtheit.» Interessanterweise unter einer Kanzlerin, die als recht unaufgeregt wahrgenommen wird.

Was das Geschlechterverhältnis betrifft, sind die Debatten noch frisch im Gedächtnis - #aufschrei und #MeToo. Rödder nennt sie «Aufgipfelungen». Es ist etwas in Bewegung gekommen. «Das Gender-Mainstreaming, also die Gleichstellung von Mann und Frau, ist ein Prozess, der sich geradezu exponentiell verstärkt», sagt er.

Ein weiterer roter Faden: Die Generation, die in Merkel-Land aufwächst, erlebt, wie wieder anders über die ökonomische Stärke Deutschlands gesprochen wird. Nämlich gar nicht so schlecht. Dabei hatten Wirtschaftsexperten die Zukunft zuvor in Talkshows wie «Sabine Christiansen» noch in trübsten Farben ausgemalt.

All das darf dürfte auf die eine oder andere Weise abgefärbt haben. Mitunter führt es auch zu Zerrissenheiten. Es gibt eine Sehnsucht nach Althergebrachtem. Viele Gespräche werden heute zackig im Digitalen abgewickelt - gerade die Jüngeren wollten aber auch mal wieder wie früher in der Kneipe quatschen, beobachtet der Forscher Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen.

Zum Schluss muss man sich natürlich fragen, ob auch Merkel selbst auf diese Generation abgefärbt hat. Naja, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Zumindest lasse sich ein gewisser Gleichklang erkennen. Merkels Politikstil sei moderierend, vorsichtig, tastend. Mit Entscheidungen warte sie, bis es kaum mehr anders gehe.

«Das entspricht voll dem Entscheidungsverhalten der meisten jungen Leute», sagt Hurrelmann. Denn die hätten so viele Optionen für die eigene Lebensgestaltung, dass das Entscheiden schwer falle. Man überstürze nichts und versuche, möglichst keine unangenehmen Fehler zu machen. «Diese Komponente ist eine, die bei den jungen Leuten auf Resonanz stößt», sagt er. Es spiegele das eigene Lebensgefühl.

Veröffentlicht am:
05. 12. 2018
13:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bundeskanzleramt Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU DJ Ötzi Digitalisierung Game of Thrones Gleichstellungspolitik Kanzler Klammern Klaus Hurrelmann MeToo Sabine Christiansen Talkshows Ötzi
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Koalitionsvertrag

03.06.2019

Merkels Koalition wackelt schon wieder

Es ist das dritte Mal, dass die von der Kanzlerin mühevoll zusammengeführte GroKo wackelt - diesmal wegen der SPD. Kommt es nun doch zu einer raschen Neuwahl? » mehr

Bundeskanzlerin Merkel

31.05.2019

Merkels Abrechnung mit Trump

In Deutschland wird diskutiert, wie lange Angela Merkel noch Kanzlerin bleiben soll. An der Universität Harvard wird Merkel bei ihrem Auftritt wie ein Popstar gefeiert. In ihrer Rede erwähnt sie US-Präsident Trump kein e... » mehr

Andrea Nahles

26.05.2019

Was nun, Frau Nahles? Die GroKo muss schwer einstecken

Die schwarz-rote Regierung muss 14 Monate nach ihrem Start schon wieder Zittern. Übersteht die Koalition die massiven Verluste in Europa? Oder verliert die SPD die Nerven? » mehr

John McCain

11.07.2019

Staatsgeheimnis Gesundheit: Nicht nur Merkel ist schweigsam

Die Kanzlerin verrät auch nach insgesamt vier Zitteranfällen nicht viel über ihre Gesundheit. Auch in anderen Ländern wird der Gesundheitszustand der Staats- und Regierungschefs wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Es gibt a... » mehr

Selenskyj und Merkel

10.07.2019

Wie krank ist die Kanzlerin?

In einer Woche wird Angela Merkel 65. Nachdem ihre Zitteranfälle in der Öffentlichkeit sich häufen, muss sich die Kanzlerin unangenehmen Fragen stellen. » mehr

Klausurtagung des Bundeskabinetts

14.11.2018

Die GroKo und die Digitalisierung

Jetzt aber! Die Bundesregierung sendet mit ihrer Klausur die Botschaft: Es geht endlich voran in Sachen Digitalisierung. Doch wie steht es wirklich in Bereichen, die die Bürger im Alltag spüren? Eine Bestandsaufnahme. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Schlafsack auf der Empore - Pilgern in Thüringen Paulinzella

n | 02.07.2019 Meiningen
» 1 Bilder ansehen

Kleintransporter kracht ungebremst auf Lkw Bucha

Unfall Kleintransporter A4 | 16.07.2019 Bucha
» 21 Bilder ansehen

Mondfinsternis Sternwarte Suhl

Mondfinsternis Suhl | 16.07.2019 Sternwarte Suhl
» 16 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
05. 12. 2018
13:47 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".