Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Topthemen

Empörung über Polizei in Atlanta

Minutenlang verläuft eine Polizeikontrolle ruhig ab, dann überschlagen sich die Ereignisse. Am Ende schießt ein Polizist einem Schwarzen in den Rücken. Details über den Hergang heizen die Debatte über Polizeigewalt und Rassismus in den USA weiter an.



In Atlanta
Rayshard Brooks starb am Freitag nach einer Konfrontation mit Polizisten in diesem Fast-Food-Restaurant in Atlanta.   Foto: Steve Schaefer/Atlanta Journal-Constitution/AP/dpa » zu den Bildern

Knapp drei Wochen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd sorgt ein erneuter tödlicher Polizeieinsatz gegen einen Schwarzen in den USA für Proteste.

Beim Tod von Rayshard Brooks bei einer Polizeikontrolle in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia gab es erhebliche Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Gewalt. Die Obduktion ergab, dass der 27-Jährige an Organschäden und Blutverlust durch zwei Schussverletzungen im Rücken starb, wie der TV-Sender CNN unter Berufung auf die Gerichtsmedizin berichtete.

Der Vorfall in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia heizt die Debatte um Polizeigewalt, Rassismus und Reformen der Sicherheitskräfte weiter an. Die Staatsanwaltschaft kündigte am Sonntag an, diese Woche über eine Anklage gegen die beiden beteiligten Polizisten entscheiden zu wollen. Videoaufnahmen der Ereignisse in Atlanta am Freitagabend zeigen die Interaktion zwischen zwei weißen Polizisten und Brooks, an dessen Ende einer der Beamten Schüsse auf ihn abgab. Brooks starb nach einer Operation im Krankenhaus.

Der 27-Jährige war am Steuer seines Wagens eingeschlafen, als er in der Schlange an einem Schnellrestaurant wartete. Die Bodycam des eintreffenden Polizisten hielt fest, was dann passierte: Brooks wurde aufgeweckt und angewiesen, sein Auto außerhalb der Schlange zu parken. Er gab an, etwas getrunken zu haben. Die Unterhaltung lief in ruhigem Ton ab - und das länger als 20 Minuten, wie US-Medien berichteten. Brooks verneinte die Frage, ob er eine Waffe bei sich trage, und willigte ein, abgetastet zu werden. Der Beamte bestellte einen Kollegen hinzu, um einen Alkoholtest durchzuführen.

Die Polizisten stellten fest, dass Brooks zu viel getrunken hatte, um Auto zu fahren, und wollten dem Mann Handschellen anlegen. Dann ging alles ganz schnell: Brooks wollte sich der Festnahme entziehen, die drei Männer fielen auf den Boden. In der Auseinandersetzung gelang es ihm, die Elektroschockpistole (Taser) des Beamten zu greifen und sich zu befreien. Es folgte eine kurze Verfolgungsjagd - vorbei an mehreren Autos, die in der Schlange des Restaurants warteten. Brooks drehte sich im Laufen um und aktivierte den Taser, woraufhin der Beamte hinter ihm seine Dienstwaffe zog und schoss.

Der Anwalt von Brooks Familie, Chris Stewart, forderte einen Mentalitätswechsel bei der Polizei in den USA. Es gehe nicht nur um neue Gesetze und Vorschriften, es brauche Veränderungen in den Köpfen, sagte Stewart. Der Familienvater Brooks sei auf einem Parkplatz eingeschlafen und habe keine Gefahr für die Gesellschaft dargestellt.

Brooks Fall dürfe nicht kleingeredet werden, nur weil er bei der Festnahme Widerstand geleistet habe, forderte Stewart. «Sie haben George Floyd Handschellen angelegt und danach wurde er getötet. Wenn man Afroamerikaner ist, heißt Handschellen angelegt zu bekommen nicht, dass man nett auf den Rücksitz eines Polizeiwagens geführt wird», sagte der Anwalt weiter. Jeder afroamerikanische Mann in den USA habe seit Kindertagen Angst vor der Behandlung durch die Polizei, sagte ein weiterer Anwalt.

Brooks starb weniger als drei Wochen, nachdem der Afroamerikaner George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz im Bundesstaat Minnesota ums Leben gekommen war. Floyds Schicksal hat anhaltende Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus ausgelöst.

Auch Brooks Tod löste neue Proteste aus. Seine Witwe Tomika Miller dankte den Demonstranten und Unterstützern. «Worte können nicht ausdrücken, wie dankbar ich bin für alles», sagte sie. Es gebe allerdings keine Gerechtigkeit, die ihren Mann für sie und ihre Kinder zurückbringen könne, sagte Miller schluchzend vor Journalisten. Im Arm hielt sie dabei ihre zweijährige Tochter Memory. «Es wird lange dauern, bis das für mich verheilt, es wird lange dauern, bis das für unsere Familie verheilt.»

Zentrale Frage in dem Fall ist, ob die Reaktion des Polizisten angemessen war. «Laut Gesetz ist ein Taser keine tödliche Waffe», sagte der Anwalt von Brooks Familie, Chris Stewart. In dem Video der Polizei sei zu sehen, dass Brooks höflich gewesen sei. Brooks hätte einfach angewiesen werden können, ein Uber nach Hause zu nehmen. «Das hätte niemals in seinen Tod münden dürfen», meinte Stewart.

Schon am Tag nach der Tat hatte die Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottoms, offen Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Gewalt angemeldet. Die Polizeichefin Erika Shields trat zurück. Der Beamte, der die Schüsse abgegeben hat, wurde entlassen. Sein Kollege wurde vorläufig suspendiert.

Die Staatsanwaltschaft will diese Woche über die Anklage entscheiden. Zuvor sollten noch zwei Zeugen gehört werden, teilte der Bezirksstaatsanwalt Paul Howard mit. Howard sagte dem TV-Sender CNN, Brooks scheine für niemanden eine Bedrohung dargestellt zu haben. «Die Tatsache, dass es bis zu seinem Tod eskaliert ist, erscheint einfach unangemessen», sagte Howard den Angaben des Senders zufolge. Möglich sei eine Anklage wegen Mordes oder fahrlässiger Tötung.

Neben Atlanta gab es am Wochenende erneut an vielen anderen Orten in den USA Proteste. In Washington wurde auch der Geburtstag von US-Präsident Donald Trump als Anlass genutzt, um den Protest vor dem Weißen Haus weiterzuführen. In Los Angeles streckte sich die Menschenmenge über mehrere Kilometer. Teils begleitet von Trommlern oder Fahrzeugen mit Lautsprechern und Musik wurde vor allem unter dem Motto «All Black Lives Matter» («Alle schwarzen Leben zählen») friedlich demonstriert.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 06. 2020
20:53 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
CNN Chris Stewart Donald Trump Festnahmen Gewalt Mordanklage New York Times Polizei Polizistinnen und Polizisten Schussverletzungen Staatsanwaltschaft Staatsanwälte Twitter Tötung UN-Menschenrechtsrat Uber Zeugen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Abschied von Floyd

05.06.2020

Bürgerrechtler verklagen Trump - «Marsch auf Washington»

Mit einer Klage gegen die Regierung machen Bürgerrechtler in der USA nun auch vor Gericht gegen Polizeigewalt und Rassismus mobil. Der Druck auf der Straße nach dem Tod von George Floyd soll aber beibehalten werden - auc... » mehr

Protest mit Megafon

31.05.2020

Die USA in Aufruhr: Proteste und Gewalt in vielen Städten

In den USA reißen Proteste gegen Polizeigewalt nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd nicht ab. Wieder kommt es zu Ausschreitungen. US-Präsident Trump sieht die Schuld für die Eskalation bei Linksextremen und will... » mehr

Minneapolis

30.05.2020

Welle von Protesten und Gewalt erschüttert die USA

Die USA kommen nach dem Tod des Afroamerikaners Floyd nicht zur Ruhe. Viele protestieren erneut gegen Rassismus, aber es kommt auch zu Gewalt und Vandalismus. In Minnesota mobilisiert der Gouverneur massiv Sicherheitskrä... » mehr

Twitter-Faktencheck

27.05.2020

Twitter unterzieht Trump erstmals Faktencheck: durchgefallen

Donald Trump wird ein freimütiger Umgang mit der Wahrheit nachgesagt. Nun wird er in seinem Lieblingsmedium Twitter zum ersten Mal mit einem Faktencheck konfrontiert. Der US-Präsident empört sich - natürlich auf Twitter.... » mehr

Polizisten

04.06.2020

US-Minister gegen Militäreinsatz zum Stopp von Unruhen

US-Präsident Trump hat gedroht, Ausschreitungen im Land notfalls mit Militärgewalt zu stoppen. Sein Verteidigungsminister macht klar, dass er davon nichts hält. Hat der Pentagon-Chef es sich nun mit Trump verscherzt? » mehr

Chuck Schumer

22.01.2020

Amtsenthebungsverfahren gegen Trump: Die wichtigsten Akteure

Im Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump sollen in den kommenden Tagen die Ankläger und die Verteidiger des US-Präsidenten zum Zug kommen. Darunter sind bekannte Namen - einer auch aus einem früheren Amtsenthebungsver... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Verkehrsunfall Hildburghausen Hildburghausen

Verkehrsunfall Hildburghausen | 07.07.2020 Hildburghausen
» 11 Bilder ansehen

Motorradunfall Streufdorf Streufdorf

Motorradunfall Streufdorf | 04.07.2020 Streufdorf
» 7 Bilder ansehen

Kellerbrand Benshausen Benshausen

Kellerbrand Benshausen | 03.07.2020 Benshausen
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
15. 06. 2020
20:53 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.