Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Topthemen

Deutsche Wirtschaft schlägt Alarm: Sorgen vor Chaos-Brexit

Großbritannien ist einer der wichtigsten deutschen Handelspartner. Seit Jahresbeginn aber sind die Exporte deutlich gesunken. Bei deutschen Firmen steigt die Unsicherheit über den Brexit von Tag zu Tag. Industriepräsident Kempf sagt: «Die Situation ist dramatisch.»



Container im Hafen
Container-Lagerplatz am Containerterminal Burchardkai im Hamburger Hafen. Großbritannien ist der fünftgrößte Exportmarkt Deutschlands.   Foto: Christian Charisius » zu den Bildern

Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft haben vor drastischen Folgen eines chaotischen Brexits ohne Abkommen mit der EU gewarnt.

«Beim Brexit drohen auch massive Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft», sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. «Das kann zum Verlust von Jobs und von Wohlstand führen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Industriepräsident Dieter Kempf sprach von einer «dramatischen» Situation: «Jede Verzögerungstaktik ist brandgefährlich. Die Wirtschaft braucht endlich Klarheit.»

Die britische Premierministerin Theresa May kämpft derzeit darum, dass der mit der EU ausgehandelte Austrittsvertrag eine Mehrheit im britischen Parlament findet und ein chaotischer Brexit Ende März 2019 vermieden wird. May hatte der Europäischen Union am Freitag zwar neue Zusicherungen zur irischen Frage abgerungen, sie erhielt beim EU-Gipfel aber weniger als erhofft. May will weiter verhandeln.

Kempf sagte, die EU dürfe das Austrittsabkommen nicht aufschnüren. «Die Politik im Vereinigten Königreich muss endlich den Ernst der Lage erkennen», sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Es gehe um fundamentale Weichenstellungen für die Zukunft des Landes und der nachfolgenden Generationen. «Wir haben nur noch knapp drei Monate Zeit, da darf sich niemand Spielchen erlauben. Ohne Abkommen gibt es auch keine Übergangsphase, die unsere Unternehmen dringend benötigen.» Ein ungeordnetes Ausscheiden des Vereinigten Königreichs riskiere ein Außenhandelsvolumen Deutschlands von über 100 Milliarden Euro: «Es droht eine unmittelbar durchschlagende Rezession in der britischen Wirtschaft, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde.»

Deutsche Unternehmen seien mit rund 120 Milliarden Euro und weit über 2000 Beteiligungen im Vereinigten Königreich engagiert, sagte Kempf. «Sie bereiten sich intensiv auf das Szenario eines harten Brexits vor. Für ihre jeweiligen Branchen haben die Unternehmen eine umfangreiche Folgenabschätzung getroffen. Dabei geht es natürlich auch um mögliche Produktionsverlagerungen.»

Die Unternehmen warteten mit Investitionsentscheidungen in Großbritannien erst einmal ab. Die Opportunitätskosten - also entgangene Erlöse - gingen mit Sicherheit in die Milliarden. Einige Unternehmen hätten bereits Umstrukturierungen vorgenommen. Kempf: «Die Investitionsbremse in Großbritannien könnte sich schlagartig lösen, wenn das Austrittsabkommen endlich unterschrieben wird.»

DIHK-Präsident Schweitzer sagte: «Man muss sich klarmachen, worum es geht: Großbritannien ist der fünftgrößte Exportmarkt Deutschlands. Mehr als 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Export nach Großbritannien ab. Unser Exportvolumen mit Großbritannien ist seit dem Brexit-Entscheid schon um mehr als fünf Prozent zurückgegangen.»

Der DIHK rechne bei einem no-deal-Brexit für deutsche Unternehmen insgesamt mit bis zu 10 Millionen zusätzlichen Zollanmeldungen pro Jahr und mehr als 200 Millionen Euro zusätzlichen Kosten nur durch diese Zollbürokratie. «Die eigentlichen Zölle könnten noch dazu kommen: Allein für die deutschen Autoexporte drohen dann Mehrbelastungen von rund zwei Milliarden Euro im Jahr.»

Die Zollbehörden im Vereinigten Königreich seien kaum darauf vorbereitet, ein Chaos in Dover zu verhindern, wenn Zollanmeldungen und -kontrollen nötig wären. «Just-in-Time-Produktions- und Lieferketten stehen auf dem Spiel», sagte Schweitzer.

Die unklare Lage beim Brexit führe zu einer massiven Verunsicherung bei den Unternehmen - in einem derzeit ohnehin zunehmend instabilen Konjunkturumfeld. «Das hat also konkrete Auswirkungen. Weil es keine Klarheit gibt, können sich die Firmen nicht wirklich auf den Brexit vorbereiten. Da hängen ganze Wertschöpfungsketten dran.»

Je länger es bis zum Ende der britischen EU-Mitgliedschaft am 29. März 2019 keine Lösung gebe, umso schwieriger werde die Situation für die Wirtschaft, sagte Schweitzer: «Umso höher wird der Rückgang bei den Exporten und umso mehr belastet das den Wohlstand - und das schon vor dem eigentlichen Brexit. Mir fehlt aber derzeit die Fantasie, wie es im Unterhaus für das Austrittsabkommen eine Mehrheit geben kann. Der ausgehandelte Vertrag mit der EU begrenzt die negativen Auswirkungen des Brexit auf die Wirtschaft. Ihn von britischer Seite wieder aufschnüren zu wollen, erscheint mir allein schon angesichts des komplexen Gesamtpakets als nicht gangbar.»

Veröffentlicht am:
15. 12. 2018
09:23 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alarme BDI Brexit Britisches Parlament Deutsche Industrie Deutsche Presseagentur Deutscher Industrie- und Handelskammertag Firmen und Firmengruppen in Deutschland Theresa May Wohlstand
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
John Bercow

31.10.2019

John Bercow verlässt britisches Parlament

Schrille Krawatten, wortgewaltig und von hohem Unterhaltungswert: John Bercow gibt sein Amt als Präsident des britischen Unterhauses auf. Im Streit um den Brexit hat er eine gewichtige Rolle gespielt. » mehr

Anti-Brexit-Schild in Irland

17.10.2019

Brexit an Halloween - kann das jetzt doch noch klappen?

Nach dem Durchbruch von Brüssel ist vor dem Showdown in London. Boris Johnson hat sich mit der EU auf einen Brexit geeinigt. Aber ob der Austritt zum 31. Oktober wirklich kommt, ist völlig unsicher. » mehr

Kabinettssitzung

06.11.2019

Zwischenzeugnis für die GroKo - so fallen die Reaktionen aus

Die Halbzeitbilanz der Bundesregierung kommt recht nüchtern daher. Man habe sie «zur Kenntnis genommen», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. So bewerten Parteien, Verbände und Organisationen d... » mehr

Für den Brexit

11.04.2019

Brexit aufgeschoben: EU lässt Briten länger bleiben

Die zerstrittenen britischen Politiker bekommen ein halbes Jahr mehr Zeit, einen Brexit-Kompromiss zu schmieden. Ob sie es dieses Mal schaffen? Schon kurz nach dem EU-Sondergipfel gibt es wieder Streit. » mehr

EU-Gipfel

22.03.2019

Brexit: Viele Optionen, keine Klarheit

Ein chaotischer Brexit nächste Woche fällt aus - so viel ist nach dem Brüsseler EU-Gipfel wohl ausgemacht. Aber sonst bleibt alles beim Alten: Es kommt, wie es kommt - oder vielleicht auch anders. » mehr

Britisches Parlament

14.03.2019

Brexit: Ende des Chaos oder Chaos ohne Ende?

Was tun mit einem Mitglied, das gehen will, aber partout nicht weiß wie? Die EU ist nach fast drei Jahren Streit über den britischen Austritt entnervt. Aber noch ist die letzte Etappe nicht geschafft. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall zwei Verletzte Schleusingen 19.11.19 Schleusingen/Hildburghausen

Unfall Schleusingen/Hildburghausen | 19.11.2019 Schleusingen/Hildburghausen
» 12 Bilder ansehen

Ilmenauer IKK-Klimawandel Ilmenau

Ilmenauer IKK-Klimawandel | 16.11.2019 Ilmenau
» 12 Bilder ansehen

Goldene Ziege Kids 2019 Suhl

Goldene Ziege für Kinder | 16.11.2019 Suhl
» 100 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
15. 12. 2018
09:23 Uhr



^