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Honecker-Enkel: DDR für ihn erst jetzt vorbei

Oma Margot und Opa Erich. Die Honeckers bestimmten als DDR-Spitzenfunktionäre das Leben ihres Lieblingsenkels Roberto maßgeblich. Der heute in Chile lebende Maler, Musiker und Dichter berichtet nun in einem Buch über sein zerrissenes Leben.



Honecker-Enkel Roberto Yanez
Roberto Yanez, Enkel von Erich Honecker, dem ehemaligen Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, kommt in einer Galerie in Berlin zur Lesung aus seinem Gedichtband «Frühlingsregen». Der heute in Chile lebende Maler, Musiker und Dichter berichtet nun in einem Buch über sein zerrissenes Leben.   Foto: Bernd von Jutrczenka

Berlin - Die weise und böse Oma. Sie wusste immer alles besser und sagte, ein Kommunist kämpft, bis er stirbt. Es ist Margot Honecker, frühere DDR-Volksbildungsministerin, über die ihr Enkel Roberto Yañez so schreibt. Erst mit dem Tod seiner Großmutter am 6. Mai 2016 sei für ihn die Mauer gefallen, resümiert der 44-Jährige in dem jetzt erschienenen Buch «Ich war der letzte Bürger der DDR». Der schwer kranke Erich Honecker starb in Chile bereits Ende Mai 1994.

Eine verwöhnte Kindheit in Ost-Berlin, Privilegien in der abgeschotteten Funktionärssiedlung Wandlitz, die Ausreise in die chilenische Heimat seines Vaters nach dem Mauerfall, die Verhaftung seines Opas Erich Honecker wegen der Toten an der Mauer, der Zerfall der Familie, Alpträume, Drogen, psychiatrische Kliniken - Yañez blättert einen Abschnitt deutscher Geschichte aus seinem persönlichen Erleben auf.

Offen zeigt der Deutsch-Chilene seine Zerrissenheit und versucht zugleich aus heutiger Sicht einen differenzierten Blick auf das Ende der DDR vor fast 30 Jahren. Damals war er noch ein Teenager. Filmemacher Thomas Grimm hat als Mitautor viele Passagen auf rund 230 Seiten zusammengefügt und mit historischen Recherchen ergänzt. In dem Buch sind auch bislang nicht veröffentlichte Fotos der Honeckers.

2013 kam Yañez erstmals wieder nach Berlin, er stellte ein Buch und surrealistische Bilder vor. Er sei als junger Mann krank geworden von dem politischen Bruch, hatte er damals gesagt. Es sei an der Zeit, nach vorn zu gucken und nicht weiter auf der Vergangenheit herumzukauen. Das Buch als Bewältigung der eigenen Vergangenheit? Die Frage konnte nicht gestellt werden. Ein Interview in Berlin war abgesagt worden, der Künstler reiste aus Gesundheitsgründen nicht an.

Er ist der Sohn der Honecker-Tochter Sonja, die in der DDR einen Exil-Chilenen heiratete. Das Verhältnis seiner Oma zu seiner Mutter habe zwischen Zerwürfnis und Duldung geschwankt. Die Ministerin und Oma sei die große Bestimmerin gewesen. Sie habe auch darüber entschieden, wie der Enkel die Ferien verbringt, ist zu lesen.

Nach dem Tod von Erich Honecker und der Trennung seiner eigenen Eltern zog Roberto Yañez in das Haus seiner Großmutter in Santiago de Chile im Distrikt La Reina. Die Honeckers hatten Zuflucht in Chile gesucht, nachdem der Prozess gegen ihn in Berlin aus gesundheitlichen Gründen Anfang 1993 eingestellt worden war, Ehefrau Margot war schon zuvor zu ihrer Tochter geflogen.

Der Enkel sieht seine Oma ambivalent, sie half ihm auch mit Geld und Essen, andererseits beklagt er ihre lebenslange ideologische Zwanghaftigkeit. «Oma machte sich in ihrem Haus in La Reina eine kleine DDR zurecht, und es galt die Moralskala des untergegangenen Staates. So wurde ich wieder von der DDR eingefangen, ich - ihr letzter Bürger.» Sie habe niemals ihre revolutionäre Gesinnung mit Selbstkritik verbinden können.

«Ich will mich abtrennen, gesund werden und das Kreuz, das ich getragen habe, endgültig ins Museum der Geschichte legen», schreibt Yañez etwas pathetisch. Wie wohl einst politisch Verfolgte das mit dem Kreuz sehen? Co-Autor Grimm stellt noch eine andere Frage: Wofür solle sich Roberto rechtfertigen? «Er hat die Berliner Mauer nicht gebaut und auch keinen Wehrkundeunterricht eingeführt. Dafür, dass die Großeltern an der Errichtung einer kommunistischen Diktatur mitwirkten?»

An seinen Opa hat der Enkel milde Erinnerungen. Erich Honecker habe ihm Angelknoten beigebracht, sie seien schwimmen gewesen, einmal habe er einen Hirsch schießen dürfen, Hund Klecks wurde angeschafft. Yañez wohnte in Berlin-Mitte, aber viele Wochenenden verbrachte er in Wandlitz. Er habe schon das Gefühl gehabt, etwas Besonderes zu sein, dem nichts passieren könne, erinnert er sich. Und auf einmal sagt ein Mitschüler im Herbst 89: «Dein Opa ist ein Arschloch.»

Heute reflektiert der Honecker-Enkel, in Wandlitz sei der Einblick in den Alltag der Gesellschaft mit der Zeit verloren gegangen. Man habe vieles für selbstverständlich genommen, was aber Privilegien waren. Auch die Funktionärskinder samt Anhang seien dort versorgt worden, Tankfüllungen habe es kostenlos gegeben. Im dortigen Ladenkombinat galt der Kurs von einer D-Mark zu 1,7 DDR-Mark für Westwaren. Für 23 Funktionärs-Familien stehen 600 Angestellte rund um die Uhr bereit, wird im Buch erläutert.

Es sei ein stilles Gesetz in der Familie gewesen, dass in Gegenwart von Erich Honecker keine politischen Gespräche geführt werden - selbst dann noch, als Forderungen nach demokratischen Reformen nicht mehr zu überhören waren, ist zu lesen. Honecker habe dafür keinen Bedarf gesehen. Er wurde im Oktober 1989 von seinen eigenen Genossen zum Rücktritt gezwungen, für den er dann diszipliniert noch selbst stimmte. Oma habe über die «Verräter» gewettert und sei wenig später selbst zurückgetreten, schreibt der Enkel. Ab dem Sturz sei in der Familie nichts mehr besprochen worden, «die Familie war zerstört».

Für Roberto Yañez ist noch eine Frage offen. Die Asche seiner Großeltern im Pazifik verstreuen, so wie es seine Mutter möchte? Oder eine Ruhestätte auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin? Beide Urnen stehen noch bei einem guten Freund, schreibt der Lieblingsenkel. Er wäre für eine Beisetzung in der deutschen Hauptstadt, die Honeckers seien ein Teil deutscher Geschichte. Doch Befürworter dafür sind nicht in Sicht.

Veröffentlicht am:
14. 09. 2018
10:43 Uhr

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dpa

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14. 09. 2018
10:43 Uhr



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