Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Computer

Das Handy als Geheimwaffe im Kampf gegen das Coronavirus?

Zur Eindämmung des Coronavirus verzichten die Menschen aktuell auf vieles. Eine Lockerung der Auflagen wäre eher möglich, wenn der Staat mehr Daten über seine Bürger sammelt, meint Gesundheitsminister Spahn. Dabei steht Bewegungsfreiheit gegen Datenschutz.



Fabian Theis
Fabian Theis beschäftigt sich am Helmholtz-Zentrum mit der mathematischen Modellierung biologischer Prozesse.   Foto: -/Institute of Computational Biology ICB/Helmholtz Zentrum München/dpa

Es klingt bestechend: Das Handy soll zum Mitstreiter gegen das Coronavirus werden. Wer Kontakt hatte zu einem Infizierten, könnte über die Standortdaten seines Mobiltelefons ermittelt und informiert werden.

Im ersten Anlauf ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit der Idee gescheitert. Aufgegeben hat er sie noch nicht. Das Thema soll nun bei den Beratungen nach Ostern eine Rolle spielen - wenn es um «eine Zeit nach Corona» geht, in der der Kampf gegen das Virus anhält, die Einschränkungen aber gelockert werden.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gäbe es viel Rückhalt für solche Überlegungen: 50 Prozent sagten, sie hielten die Ortung von Kontaktpersonen von Infizierten für sinnvoll. 38 Prozent fänden das unangemessen. 12 Prozent machten keine Angaben.

Welche Ortungsdaten kann man von Smartphones überhaupt bekommen?

Es gibt im Kern zwei Wege, Informationen über die Position eines Mobiltelefons zu kommen: darüber, in welche Funkzelle es eingebucht ist - also welche Masten Daten übermitteln - , und über Satelliten-Systeme zur Positionsbestimmung wie GPS oder Galileo.

Was davon ist präziser?

Die Satelliten-Ortung ist auch in der Verbraucher-Version bis auf wenige Meter genau. Durch den Datenschutz in den beiden Smartphone-Betriebssystemen - Googles Android und dem iOS von Apples iPhones - ist der Zugriff auf den GPS-Chip aber nur mit Zustimmung des Nutzers möglich. Deshalb ist die gangbarste Lösung dafür eine App, bei der Verbraucher freiwillig ihre Positionsdaten freigeben.

Und wie sieht es mit der Genauigkeit der Funkzellen-Daten aus?

In einer Funkzelle kann man die ungefähre Position eines Telefons am Abstand zu Sendemasten bestimmen. Allerdings geht das selbst in Innenstädten mit dicht gesäten Antennen nach Angaben von Experten bestenfalls auf etwa 50 Meter genau. In Vororten oder auf dem Land ist das Ergebnis noch weniger präzise. Die Methode wäre damit viel zu ungenau, um Annahmen über eine Ansteckungsgefahr zu treffen. Zudem speichern die Anbieter aktuell nur anonymisierte Positionsdaten. Sobald ein Telefon eine Funkzelle verlässt, verfallen die Informationen, die einem konkreten Nutzer zugeordnet werden können. Will man sie erheben, müssten die Systeme erst umprogrammiert werden.

Würde man jede Kontaktperson sammeln?

Nein. Man müsste die Ergebnisse sinnvoll eingrenzen. «Man kann nach Überschneidungen suchen, wie oft und wie lange jemand an der gleichen Stelle wie jemand anderes war», sagt Fabian Theis, der sich am Münchner Helmholtz Zentrum mit der mathematischen Modellierung biologischer Prozesse beschäftigt. Diese Informationen könne man mit Geoinformationsdaten abgleichen - um etwa herauszufinden, ob an diesem Ort ein Café oder ein Park ist.

Ist das alles wirklich nötig?

Es gibt hier widerstreitende Interessen. Bisher haben Bund und Länder zur Eindämmung des Coronavirus auf Blankomaßnahmen gesetzt: Für alle greifen mehr oder weniger die gleichen Regeln, mit gewissen Unterschieden zwischen den Ländern. Aber grundsätzlich gilt zum Beispiel, dass der Aufenthalt im öffentlichen Raum nur mit höchstens einer anderen Person, die nicht im gleichen Haushalt lebt, gestattet ist. Die Auflagen sollen sowohl die Möglichkeiten zur Weitergabe des Virus als auch zur Ansteckung verringern.

Wenn man die Zahl potenziell infizierter Menschen stärker eingrenzen könnte - etwa über die Nutzung von Handydaten -, wäre die Lockerung der Regeln für andere womöglich weniger riskant. Politik und Gesellschaft müssen Datenschutz und Bewegungsfreiheit gegeneinander abwägen. Es gibt aber auch ganz andere Überlegungen, etwa eine starke Ausweitung an Tests oder mehr Vorsicht bei Risikogruppen und mehr Bewegungsfreiheit für andere.

Welche Daten übergab die Telekom bereits dem Robert-Koch-Institut?

Das waren anonymisierte Daten, die ausschließlich Rückschlüsse darüber erlauben, wie viele Telefone sich in welchen Gebieten bewegt haben. Das RKI erhofft sich davon Erkenntnisse darüber, ob die bisherigen Maßnahmen funktionieren.

Wie stehen Datenschützer dazu?

Die Weitergabe der anonymisierten Telekom-Informationen stufte der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber als rechtskonform ein. Zugleich mahnte er: «Ich sehe, dass in anderen Staaten während der Corona-Pandemie der Datenschutz teilweise vernachlässigt wird.» In Deutschland ließen sich alle Lösungen aber auch grundrechtskonform gestalten. Kelber gab auch zu bedenken: «Bisher fehlt jeder Nachweis, dass die individuellen Standortdaten einen Beitrag leisten könnten, Kontaktpersonen zu ermitteln. Dafür sind diese viel zu ungenau.»

Wie machen es andere Länder?

Das israelische Gesundheitsministerium ließ eine App entwickeln, mit deren Hilfe Nutzer über den Kontakt mit Coronavirus-Infizierten informiert werden sollen. Sie unterrichtet Nutzer, wenn sie sich in den 14 Tagen vor einem positiven Coronavirus-Test in der Nähe eines infizierten Menschen aufgehalten haben. Die App verfolgt die Standorte der Nutzer und gleicht sie mit den Informationen des Gesundheitsministeriums ab. Israel erlaubt dem Geheimdienst auch den Einsatz von Überwachungstechnologie, die sonst zur Terrorbekämpfung dient. Nach Medienberichten geht es um Handyüberwachung Erkrankter.

Auf Apps mit GPS-Zugang setzen auch Singapur und Österreich. Südkorea übermittelt an Smartphones sogar Informationen über Alter, Geschlecht und letzten Aufenthaltsort von Infizierten in der Nähe. China setzt auf sein System sozialer Kontrolle, das unter anderem mit Gesichtserkennung funktioniert.

Veröffentlicht am:
29. 03. 2020
12:53 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Android (Betriebssystem) Bundesdatenschutzbeauftragte Bundesgesundheitsminister CDU Datenschutzbeauftragte Datenschützer Deutsche Presseagentur Deutsche Telekom AG Gesundheitsminister Gesundheitsministerien Google Jens Spahn Meinungsforschungsinstitute Mobiltelefone Robert-Koch-Institut Ulrich Kelber iPhone
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Bundesdatenschutzbeauftragter Kelber

16.09.2020

Die E-Patientenakte kommt - mit Datenschutz-Warnung

Sie soll praktisch sein und für möglichst viele Bürger attraktiv: eine E-Akte zur eigenen Gesundheit. Ein amtliches Gütesiegel für Datenschutz bekommt die neue Anwendung aber nicht - im Gegenteil. » mehr

Die Corona-Warn-App auf einem Smartphone.

23.09.2020

Corona-Warn-App: Die große Bewährungsprobe steht noch bevor

Die Corona-Warn-App wurde im Juni als «ganz zentraler Baustein» zur Bekämpfung der Pandemie angekündigt. Nach 100 Tagen heißt es oft, sie sei «kein Allheilmittel». Klar ist: Die App funktioniert. Die Wirkung könnte aber ... » mehr

Corona-Warn-App

15.06.2020

Was kann die Corona-Warn-App leisten?

Über eine Corona-Warn-App wird seit Monaten diskutiert, in dieser Woche soll sie zum Herunterladen zur Verfügung stehen. Sie wirft aber viele Fragen auf, weil in einigen Bereichen Neuland betreten wird. » mehr

Telekom und SAP

28.04.2020

Telekom und SAP sollen Corona-App entwickeln

Die Bundesregierung macht nach einem Richtungsstreit nun Tempo bei der Entwicklung einer Corona-Warn-App. Die Deutsche Telekom und SAP bekommen den Auftrag, die Verknüpfung mit den gängigen Smartphones scheint gesichert. » mehr

Corona-Warn-App

20.04.2020

Richtungsstreit um Datenschutz bei Corona-Warn-Apps

Gesundheitspolitiker versprechen sich von einer Warn-App Unterstützung beim Plan, die geltenden Corona-Einschränkungen zu lockern. Nun könnte ein Streit um den Datenschutz das Projekt verzögern. » mehr

Corona-Warn-App

02.09.2020

Jeder Zweite will Corona-Warn-App nicht installieren

Mit knapp 18 Millionen Downloads ist die deutsche Corona-Warn-App die erfolgreichste aller freiwilligen Tracing-Apps weltweit. Dennoch wollen viele Menschen die App nicht installieren. Das RKI sagt, Freiwilligkeit gehört... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Oldtimerteilemarkt Suhl Suhl

Oldtimer-Teilemarkt Suhl | 27.09.2020 Suhl
» 44 Bilder ansehen

Wohnungsbrand HBN Hildburghausen

Brand Hildburghausen | 27.09.2020 Hildburghausen
» 21 Bilder ansehen

Schwarzbiernacht mit Remode Suhl

Schwarzbiernacht Remode | 26.09.2020 Suhl
» 79 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
29. 03. 2020
12:53 Uhr



^