Lade Login-Box.
Topthemen: Ministerpräsidentenwahl ThüringenFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Computer

Tagelöhner der digitalen Welt: Sind Crowdworker selbständig?

Es klingt verlockend: Flexibel, abwechslungsreich, von zu Hause. Viele Menschen verdienen als sogenannte Crowdworker mit Micro-Jobs im Internet ihr Geld. Rechtliche Regelungen gibt es kaum - doch jetzt wird das Crowdworking ein Fall für die Justiz.



Aufnahme
Viele Menschen verdienen ihr Geld mit Micro-Jobs im Internet. Sie testen Apps, fotografieren Supermarktregale oder machen, was Firmen sonst nicht mehr selbst machen wollen.   Foto: Marcel Kusch/dpa

Neue Arbeitswelt: Viele Menschen verdienen ihr Geld mit Micro-Jobs im Internet. Sie testen Apps, fotografieren Supermarktregale, führen Umfragen durch, schreiben Interviews ab oder machen, was Firmen sonst nicht mehr selbst machen wollen.

Tagelöhner in einer digitalen Welt. Vermittelt werden die kleinen Jobs über Crowdworking-Plattformen. Offiziell sind die Crowdworker selbstständig. Aber stimmt das? Vor dem Landesarbeitsgericht München zweifelt ein Online-Micro-Jobber das an. Er klagt darauf, ein Angestellter der Internetfirma zu sein, die ihm die Jobs vermittelte.

Der 1967 geborene Mann machte unter anderem Fotos von Tankstellen und Märkten, um sie zur Überprüfung der jeweiligen Warenpräsentation weiterzuleiten - und verdiente in 20 Stunden pro Woche knapp 1800 Euro im Monat. Eine Crowdworking-Plattform hatte ihm den Job vermittelt. Als die Plattform die Zusammenarbeit mit ihm beenden wollte, zog er vor Gericht. Aus seiner Sicht bestand zwischen ihm und der Plattform ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Die beklagte Internetfirma hielt dagegen, der Kläger sei selbstständig und habe als Selbstständiger Aufträge übernommen.

Dieser Argumentation folgte das Arbeitsgericht München und wies die Klage ab. Dagegen legte der Crowdworker Rechtsmittel ein. Nun geht es in die nächste Instanz.

Laut dem «Crowdworking Monitor» des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) aus dem Jahr 2018 arbeiten rund 4,8 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung in Deutschland als Crowdworker. «Und es ist zu erwarten, dass diese Zahl deutlich ansteigen wird», schreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in einem aktuellen Positionspapier zum Thema.

Rechtliche Regelungen dazu gibt es zum Leidwesen des DGB allerdings kaum. «Wir brauchen faire Regeln für Plattformarbeit», fordert der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. «Denn hier wird die Digitalisierung in weiten Teilen missbraucht, um prekäre Arbeit zu organisieren.» Das Problem ist aus seiner Sicht, «dass Plattformarbeiter oft als Selbstständige angeheuert werden, obwohl sie gar nicht unabhängig sind, sondern über Algorithmen gesteuert, überwacht und bewertet werden.»

Mit selbstständiger Arbeit habe Plattformarbeit deshalb oft nichts zu tun. Hoffmann fordert: «Solche Geschäftsmodelle, bei denen Beschäftigte gezielt um Arbeitnehmerrechte und die soziale Absicherung gebracht werden, sollten politisch nicht länger geduldet werden.»

Schon 2016 hieß es in den Beschlüssen des 71. Juristentages: «Crowdwork sollte im Sinne eines Mindestschutzes gesetzlich geregelt werden.» Doch eine Regelung scheint nicht so einfach zu sein: In einem Gutachten für das BMAS - ebenfalls aus dem Jahr 2018 - schreibt der Arbeitsrechts-Professor Frank Bayreuther von der Universität Passau von einem «Dreiecksverhältnis zwischen Crowdsourcer, Plattform und Crowdworker». Die «rechtliche Kategorisierung» sei «außerordentlich schwer» - und bislang auch nur zögerlich in Angriff genommen worden.

Allerdings ist die Arbeitszufriedenheit von Crowdworkern laut «Monitor» des BMAS gar nicht so schlecht. Nur ein Teil von ihnen (23 Prozent) ist unzufrieden mit dem Gehalt. Denn was die Menschen damit verdienen, ist sehr unterschiedlich. Während 40 Prozent mehr als 1000 Euro brutto pro Woche verdienen, bekommt ein Drittel weniger als 100 Euro.

Sozialwissenschaftler vermuten, dass Crowdworker mit niedrigem oder ohne Bildungsabschluss eher kurzfristige, sogenannte Microtasks ausführen. Dazu gehöre die Kategorisierung von Bildern oder auch das Erstellen kurzer Produkttexte, sagt Martin Krzywdzinski vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Höher Qualifizierte sind eher in den Bereichen Beratung, Design oder Programmierung tätig. Gerade in diesem Bereich könnten die Einkommen durchaus auch höher sein, erklärt der Arbeitssoziologe.

Crowdworker sind meist eher jünger als der gesellschaftliche Durchschnitt. Sie sind im Schnitt gut gebildet und leben laut BMAS-Studie oft in Hamburg oder Berlin. Allerdings gibt es auch einen vergleichsweise hohen Anteil, die einen Hauptschul- oder gar keinen Abschluss haben. Für die meisten Crowdworker ist die Plattform-Arbeit nur einer von mehreren Jobs. 34 Prozent Deutschland arbeiten mehr als 30 Stunden pro Woche auf Plattformen, 24 Prozent sogar mehr als 40 Stunden.

Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
08:22 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Algorithmen Arbeitnehmerrecht Arbeitsgericht München Arbeitsgerichte und Arbeitsgerichtsbarkeit Arbeitsstellen Deutscher Gewerkschaftsbund Gerichtsklagen Gutachten Internet Internetfirmen Kläger Landesarbeitsgericht München Sozialwissenschaftler Universität Passau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Facebook-Logo

29.08.2019

Facebook als Hausherr darf Hassrede löschen

Im Streit um einen als Hassrede eingestuften und von Facebook gelöschten Post hat das Stuttgarter Landgericht die Klage des Verfassers abgewiesen. » mehr

Nach der Europawahl

08.06.2019

Einsatz gegen politische Desinformation im Internet

Im Vorfeld der Europawahl hat es Desinformationskampagnen vor allem durch Bots und Fake-Profile gegeben. Der EU-Sicherheitskommissar Julian King fordert weitere Maßnahmen gegen Manipulationsversuche. » mehr

App Store

14.05.2019

Oberstes US-Gericht lässt App-Store-Klage gegen Apple zu

Apps auf dem iPhone kann man nur über Apples Plattform laden. Klagende US-Verbraucher wollen diese Einschränkung kippen. Apple wollte, dass die Klage abgewiesen wird, doch das Oberste US-Gericht weigerte sich. » mehr

Keine Angst vorm intelligenten Roboter

21.01.2020

BIP könnte mit Künstlicher Intelligenz um 13 Prozent wachsen

Es gibt zwar weit verbreitete Vorbehalte von Menschen gegenüber künstlicher Intelligenz, aber einer Studie zufolge können viele Industriebranchen damit ihren Gewinn erheblich steigern. » mehr

Wirtschaftsfaktor Künstliche Intelligenz

21.01.2020

BIP könnte mit Künstlicher Intelligenz um 13 Prozent wachsen

Künstliche Intelligenz hat für die Wirtschaftsleistung in Deutschland großes Potenzial. Doch um es auszuschöpfen, seien auch bestimmte Rahmenbedingungen nötig, ergibt eine neue Studie. » mehr

Ludwig van Beethoven

08.12.2019

KI soll Beethovens «Unvollendete» vollenden

Mit Hilfe künstlicher Intelligenz soll Ludwig van Beethovens unvollendete 10. Sinfonie vollendet werden. Ein internationales Team aus Musikwissenschaftlern und Komponisten, dem Pianisten Robert Levin und Computer-Experte... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Großbrand Wartburgkreis Hastrungsfeld

Großbrand Wartburgkreis | 20.02.2020 Hastrungsfeld
» 37 Bilder ansehen

Chaostage von Erfurt Erfurt

Die Chaostage von Erfurt | Erfurt
» 84 Bilder ansehen

Gefahrgut Ammoniak Suhl Suhl

Amoniak-Austritt in Suhler Firma | 17.02.2020 Suhl
» 36 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
06. 11. 2019
08:22 Uhr



^