Lade Login-Box.
Topthemen: Gebietsreform: Das ändert sich in SüdthüringenMobilität und EnergieFußball-Tabellen

Computer

Klinikkonzerne treiben Telemedizin voran

Langwierige Terminsuche, Warten beim Arzt, dann oft der Gang in die nächste Praxis: Die Beratung per Video oder Telefon soll Patienten das Leben leichter machen, versprechen Krankenhausbetreiber. Doch die Hürden für Telemedizin sind noch hoch.



Telemedizin
Eine Pflegerin legt einer Bewohnerin im Rahmen einer elektronischen Visite ein EKG-Gerät an, dass die Daten an einen Tablet-Computer und von dort aus zum Arzt überträgt.   Foto: Marius Becker

Große private Krankenhausbetreiber in Deutschland tüfteln am digitalen Arztbesuch. Seitdem die gesetzlichen Hürden für Telemedizin gefallen sind, drängen Klinikkonzerne in den Markt und treiben Diagnosen per Video, App oder Telefon voran.

Fresenius, Rhön und Asklepios wetteifern um digitale Plattformen, die manchen Besuch in der Arztpraxis überflüssig machen und Patienten viel Zeit sparen dürften. Das könnte gegen den Ärztemangel auf dem Land helfen - und den Firmen neue Umsatzquellen bringen.

So kündigte Deutschlands größter Krankenhausbetreiber Fresenius eine neue Telemedizin-Plattform an. Der Dax-Konzern habe angefangen, hierzulande einen Beratungsdienst über die Gemeinschaftsfirma Helios Dialogue einzuführen, sagte Fresenius-Vorstand Francesco De Meo der Deutschen Presse-Agentur. Patienten könnten sich künftig über eine digitale Plattform einwählen und auch per Video Kontakt mit einem Arzthelfer aufnehmen, der zunächst gesundheitliche Beschwerden abfrage. Anschließend werde ihnen eine Video-Sprechstunde, der Gang in die Notfallambulanz oder zu einem nahen Facharzt empfohlen.

«Es funktioniert wie ein digitales Wartezimmer, aus dem wir nach einem international anerkannten Verfahren den weiteren medizinischen Weg weisen», sagte De Meo. Bis Anfang 2020 soll der Service für Patienten freigeschaltet sein. Therapien über die Plattform seien nicht vorgesehen - anders als etwa bei Schlaganfällen, wo Fresenius seit Jahren Video-Schalten bei Behandlungen einsetzt.

Fresenius erhofft sich von Helios Dialogue, das mit dem kanadischen Start-up Dialogue entwickelt wird, effizientere Prozesse, mehr Service und gezieltere Patientenströme. Das soll auch die eigenen 86 Kliniken und 126 medizinischen Versorgungszentren in Deutschland besser auslasten. «Wenn die Leute zum Arzt kommen, hat er schon die Einschätzung aus der vorherigen Abfrage», sagte De Meo, der bei Fresenius das Klinik-Geschäft leitet. «Und Patienten mit Beschwerden müssen nicht lange beim Facharzt im Wartezimmer sitzen, bis sie eine Diagnose bekommen oder womöglich zum nächsten Arzt geschickt werden.»

Der Deutsche Ärztetag hatte 2018 den Weg für Telemedizin geebnet, indem er das Fernbehandlungsverbot lockerte. Zuvor durften Ärzte ihnen unbekannte Patienten nur persönlich beraten. Experten erhoffen sich viel von Telemedizin - gerade wegen des Ärztemangels auf dem Land. Beratung aus der Ferne könnte Berufstätigen mit wenig Zeit entgegenkommen und alten Menschen helfen, die schwer zum Arzt kommen.

Bei vielen Verbrauchern stößt die Idee auf Zustimmung: 87 Prozent unterstützen Online-Diagnosen zumindest in leichten Krankheitsfällen, heißt es in einer aktuellen Umfrage der Beratungsgesellschaft BCG unter 1000 Versicherten. Nach Einschätzung von Medizinern lässt sich demnach jeder fünfte Arztbesuch durch digitale Beratung ersetzten.

Die größte Hürde bei der Einführung seien nicht skeptische Patienten, sondern analoge Prozesse, sagte De Meo. «Zum bedarfsgerechten Weiterleiten von Patienten und für eine sofortige Terminvergabe brauchen wir Zugriff auf die digitalen Kalender von Ärzten.» Viele Mediziner führten aber Papierkalender oder öffneten diese bislang nur fürs eigene Personal. Fresenius will die Plattform auch bei der spanischen Kliniktochter Quirónsalud einführen und niedergelassenen Ärzten anbieten. So will der Konzern neue Patienten gewinnen.

Fresenius ist mit seinem Vorstoß nicht allein. Rhön-Klinikum will in der zweiten Jahreshälfte eine Gemeinschaftsfirma mit dem Schweizer Anbieter Medgate an den Start bringen und Marktführer in Deutschland werden. Rhön hält sich Kooperationen mit dritten Ärzten offen. Firmen könnten ferner für den Dienst bezahlen, um Mitarbeitern betriebsärztliche Dienste zu bieten. In Kanada ist das verbreitet.

In Deutschland indes steht Telemedizin noch am Anfang, auch wegen der Vergütungsregeln für Ärzte: Bislang können sie eine Fernbehandlung ohne direkten Kontakt nur bei Privatpatienten problemlos abrechnen. Kassenpatienten sind weitgehend außen vor. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Honorarregeln angleichen. Anbieter erhoffen sich ein lukratives Geschäft: In Deutschland lasse sich ein zweistelliger Milliarden-Umsatz digital bewegen, heißt es in der Branche.

«Die Bereitschaft von Patienten für Ferndiagnosen steigt», sagt Thilo Kaltenbach, Gesundheitsexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger. «Die Technik für virtuelle Diagnosen in Praxen und Kliniken entwickelt sich schnell.» Versicherungen und spezialisierte Telemedizin-Firmen drängten ebenfalls in den umkämpften Markt.

Auch Deutschlands zweitgrößter Klinikbetreiber Asklepios hat große Pläne. Noch dieses Jahr will er Telemedizin-Angebote für niedergelassene und klinische Ärzten einführen. Diese und andere digitale Prozesse könnten die Effizienz steigern, sagte Vorstandschef Kai Hankeln. «Pflegekräfte und Ärzte verbringen in Deutschland mehr als ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation.»

Anders als kleine Krankenhäuser haben Fresenius oder Asklepios mit Milliarden-Umsätzen die Finanzkraft, um Softwarelösungen im großen Stil einzuführen. Die Vorstöße der Klinik-Riesen könnten in einen Wettlauf um die dominierende digitale Plattform münden. «Am Ende werden sich voraussichtlich wenige Portale durchsetzen», sagt De Meo. «Wer besser und schneller ist, wird die Nase vorne haben.»

Veröffentlicht am:
08. 07. 2019
12:19 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arztbesuche Arzthelfer Arztpraxen Betriebsärzte Boston Consulting Group Bundesärztekammer CDU Deutsche Presseagentur Fachärzte Jens Spahn Kassenpatienten Patienten Pflegepersonal RHÖN-KLINIKUM Bad Neustadt Roland Berger Strategy Consultants Ärzte Ärztemangel
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mobilfunkausbau

25.02.2019

5G zwischen großen Versprechen und offenen Fragen

Seit Jahren wird über den superschnellen 5G-Datenfunk gesprochen - jetzt ist er da. Zumindest auf der Branchenschau MWC gibt es erste 5G-Smartphones. Die Technologie soll eine Revolution bringen - die Verbrauchern aber z... » mehr

YouTube

05.03.2019

EVP will Copyright-Votum im EU-Parlament schon nächste Woche

Am 23. März wollen Gegner der EU-Urheberrechtsreform in mehreren Ländern gegen das Vorhaben demonstrieren. Doch dann könnte es für den Protest zu spät sein. Die EVP im Europaparlament drückt aufs Tempo. » mehr

Reform EU-Urheberrecht

14.02.2019

Neues EU-Urheberrecht: Verlage jubeln, Kritiker grollen

Wird das Internet für Nutzer in Europa bald ganz anders aussehen? Kritiker des neuen europäischen Urheberrechts befürchten schlimme Folgen. Alles Unsinn, sagen die Befürworter. » mehr

5G-Mobilfunkstation

26.11.2018

Netzagentur schreibt keinen flächendeckenden 5G-Ausbau fest

Datenströme werden immer wichtiger für die deutsche Wirtschaft. Dank des Mobilfunkstandards 5G soll die Übertragung künftig nahezu in Echtzeit erfolgen. Nun hat die Bundesnetzagentur eine zentrale Entscheidung für den Au... » mehr

Ausstellung «Out of Office»

06.11.2018

Roboter und KI: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Eine Roboter-Robbe, die Demenzkranke streicheln kann; Busse, die ohne Fahrer fahren; Ärzte, die mit Hilfe von Computern operieren: In der schönen neuen Arbeitswelt ist vieles möglich. Die Frage ist nur: Wollen wir das au... » mehr

5G-Antenne

15.11.2018

Der große 5G-Knatsch: Turbo-Internet nicht überall?

5G soll das Internetzeitalter noch einmal revolutionieren. Doch wird Deutschland wirklich zur funklochfreien Republik, wo Autos dank des neuen Mobilfunkstandards autonom fahren? Die Netzbetreiber wehren sich dagegen, das... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Pkw Brand A73 Adlersberg Parkplatz Adlersberg

Fahrzeugbrand A 73 | 20.07.2019 Parkplatz Adlersberg
» 9 Bilder ansehen

Feldbrand Mendhausen Mendhausen

Feldbrand Mendhausen | 20.07.2019 Mendhausen
» 13 Bilder ansehen

Kulturarena Jena Jena mit Nouvelle Vague Jena

Kulturarena Jena | 19.07.2019 Jena
» 39 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 07. 2019
12:19 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".