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Faktencheck: Lungenärzte gegen Stickoxid-Grenzwerte?

Geht es um den Diesel, werden in Deutschland viele hellhörig: Politiker, Autobesitzer und -hersteller, aber auch Anwohner an stark befahrenen Straßen. Nun melden sich Lungenärzte zu dem Thema zu Wort - und widersprechen teils ihren eigenen Kollegen.



Stadtverkehr
Hierzulande gilt ein Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.   Foto: Michael Kappeler

Dass Experten für Lungenkrankheiten eine öffentliche Debatte antreiben, kommt nicht allzu häufig vor. Doch die Aussage von mehr als hundert Pneumologen, Stickoxid-Grenzwerte entbehrten einer wissenschaftlichen Grundlage, hat viele verunsichert. Was ist dran?

BEHAUPTUNG: Eine ganze Armada von Wissenschaftlern habe sich gegen die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub ausgesprochen. Damit werde die Diskussion um den Diesel endlich auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Wissenschaftlichen Studien würden bisher nicht von unabhängigen Forschern ausgewertet.

BEWERTUNG: Falsch. Nur eine kleine Minderheit der Lungenärzte vertritt diese Meinung. Das vielzitierte Positionspapier wurde von einem Bruchteil der Lungenexperten in Deutschland unterschrieben. Eine sachliche, wissenschaftliche und unabhängige Diskussion findet seit Jahren unter Experten auf der ganzen Welt statt - darunter Lungenärzte und Toxikologen, Umweltwissenschaftler und Epidemiologen.

FAKTEN: Ein Positionspapier, über hundert Unterschriften, unzählige Wortmeldungen: Das waren die Zutaten für eine große Diskussion um Schadstoff-Grenzwerte und den Diesel, die jetzt in Deutschland vor sich hin köchelt. Der Vorwurf, den die Lungenexperten machen: Die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide hätten keine ausreichende Basis. Also alles bisher wissenschaftlicher Humbug?

Wer genauer hinschaut, für den stellen sich die Dinge etwas anders dar. Das Positionspapier, von dem die Rede ist, wurde federführend von dem Lungenexperten Dieter Köhler verfasst, dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Es wurde bereits Anfang Januar an 3800 DGP-Mitglieder verschickt - aber nach aktuellem Stand gibt es nur 133 Unterzeichner, das sind etwa 3,5 Prozent der angefragten Lungenexperten. Das muss per se noch nicht bedeuten, dass Köhlers Position falsch ist. Es deutet aber darauf hin, dass eine sehr große Mehrheit der Lungenexperten in Deutschland seine Ansicht nicht teilt.

Die offizielle Position der in der DGP vereinten Kollegen ist tatsächlich eine andere. «Luftschadstoffe gefährden unsere Gesundheit - besonders die von Kindern, älteren Menschen und Erkrankten», teilte der Verband im November 2018 mit. Experten hatten damals für die DGP ein entsprechendes Dossier erstellt. Auf 100 Seiten mit Hunderten Fußnoten fassen sie den Wissensstand der Forschung zusammen.

Ihr Fazit: «Negative Gesundheitseffekte treten auch unterhalb der derzeit in Deutschland gültigen europäischen Grenzwerte auf.» Für die deutsche Bevölkerung sei derzeit «kein optimaler Schutz vor Erkrankungen, die durch Luftverschmutzung verursacht werden, gegeben». Deshalb sei «eine Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte erforderlich» - also sogar noch verschärfte Richtlinien.

Auch der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) hat Stellung bezogen. «Eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen, Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren!», warnt Frank Heimann, Vorsitzender des BdP, in einer Mitteilung. Der Verband vereint mehr als 1200 Lungenärzte in Deutschland.

Hierzulande gilt ein Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Das California Air Resources Board (Carb) - die Behörde für die Überwachung der Luft in Kalifornien - ist hingegen überzeugt, dass Stickoxide erst bei längerfristig anhaltenden Konzentrationen von mehr als 57 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft schädlich sind. Die Behörde ist bekannt dafür, mit ihren Anforderungen an saubere Luft weltweit Maßstäbe zu setzen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kommt anhand der vorliegenden Studien ebenso zu dem Schluss, dass Stickoxide auch bei geringen Mengen krank machen können. Laut Umweltbundesamt können Stickoxide etwa Zellen in der Lunge angreifen und Entzündungsprozesse auslösen.

Auffällig ist der Ton, den Köhler im Begleitschreiben zu seinem kontroversen Positionspapier anschlägt. «Bei mir besteht die Besonderheit, dass ich keiner Interessengruppe angehöre», schreibt er dort. Köhler suggeriert damit, dass andere Experten - oder sogar alle anderen - bestimmten Interessensgruppen angehören. Zusammen mit seinen Ko-Autoren fordert er «eine Neubewertung der wissenschaftlichen Studien durch unabhängige Forscher».

Der Fachmediziner äußert hier pauschale Kritik - ohne dass klar wird, inwiefern er begründet über Tausende Experten in Deutschland und auf der ganzen Welt urteilen kann. Neben Köhler zeichnen auch drei weitere Autoren für das Positionspapier verantwortlich, darunter der Karlsruher Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch. Laut dessen offizieller Vita entwickelte Koch zehn Jahre lang Motoren für Daimler. Aufrufe von Wissenschaftlern seien «ein beliebtes Lobbyinstrument», kritisierte Lobbycontrol, ein Verein, der sich für mehr Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen einsetzt.

Ein weiterer Kritikpunkt von Köhler lautet, dass kein Mensch bisher an Stickoxiden und Feinstaub gestorben sei. Dies gilt aber etwa auch für das Rauchen, für Bewegungsmangel und hohen Zuckerkonsum. Menschen sterben nicht an den unmittelbaren Einwirkungen, sondern an den möglichen Folgen davon. Gleiches gilt dem wissenschaftlichen Konsens zufolge für Luftschadstoffe: Sie sind ein Risikofaktor für Krankheiten, die es nach Kräften zu vermeiden gilt. Entsprechend müssen Schadstoff-Grenzwerte politisch festgelegt werden und sind daher oft besonders streng ausgelegt, um das Risiko zu minimieren - ein Kompromiss aus Anspruch und Machbarkeit.

Veröffentlicht am:
01. 02. 2019
15:51 Uhr

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dpa

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01. 02. 2019
15:51 Uhr



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