Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Zehneinhalb Jahre Haft wegen Totschlags an Pflegekind

Warum tötet eine Kindersitterin den von ihr geliebten Pflegejungen? Die Tat erschütterte das kleine Künzelsau. Nun ist der Prozess gegen die 70-Jährige zu Ende gegangen. Eine klare Antwort gab er nicht.



Prozess
Die Angeklagte (M) beim Betreten des Gerichtssaals in Heilbronn.   Foto: Roland Böhm/Archiv

Weil sie einen Siebenjährigen erwürgt hat, ist dessen Pflegeoma zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Heilbronn sprach die 70-Jährige wegen Totschlags schuldig.

«Sie müssen sich von uns den Vorwurf gefallen lassen, objektiv einen Mord begangen zu haben», sagte der Vorsitzende Richter. Dass die Frau nicht wegen Mordes verurteilt werde, liege daran, dass sie in gewisser Weise krank sei. Laut einem psychiatrischen Gutachten ist eine organische depressive Störung nicht auszuschließen.

Der Richter sprach von einem Motivbündel: Die Angeklagte sei überlastet und aufgewühlt gewesen, häufte in ihren Gedanken eine Vielzahl - mitunter alltäglicher - Probleme an. Er fasste zusammen: «Das Motiv war: Mir ist grad alles zu viel, ich will meine Ruhe.» Demnach würgte die 70 Jahre alte Deutsche in Künzelsau in Baden-Württemberg den kleinen Jungen mindestens drei Minuten lang und legte ihn danach tot in eine mit Wasser gefüllte Badewanne. Am nächsten Morgen fanden die Eltern dort seine Leiche.

Die Seniorin selbst äußerte sich erst gegen Ende des Prozesses. Allerdings konnte oder wollte sie sich nicht mehr an den Tathergang erinnern, wie der Richter resümierte. «Natürlich wären Sie die Einzige gewesen, die uns alles hätte erzählen können» - und es damit den Eltern hätte erleichtern können zu verstehen. Aber er fügte hinzu: «So richtig verstehen wird das alles sowieso niemand.»

Die Eltern waren als Nebenkläger bei der Urteilsverkündung anwesend. Ihr Anwalt hatte wegen Heimtücke auf Mord plädiert. Der Junge schlief zwar und war wehrlos - den Zustand nutzte die Angeklagte laut Gericht aber nicht bewusst aus. Die Tat sei spontan passiert. Auch der Einschätzung des Staatsanwaltes, die Angeklagte habe aus niederen Beweggründen gehandelt, folgte das Gericht nicht. Der Anklageverteidiger war von Verlustangst als Motiv ausgegangen und hatte eine Haftstrafe von 13 Jahren wegen Mordes gefordert.

Trotz der Erkrankung, betonte der Richter, bestehe nicht der geringste Zweifel daran, dass die Seniorin den Jungen vor rund einem Jahr vorsätzlich getötet habe. Die Verteidigerin hatte auf einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung plädiert. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Az. 1 Ks 17 Js 13171/18)

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 04. 2019
22:39 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Angeklagte Landgericht Heilbronn Mord Motive Pflegekinder Polizei Senioren Totschlag Verlustangst
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Mordprozess gegen Sekten-Chefin

24.09.2020

Mord an Vierjährigem: Mutmaßliche Sekten-Chefin verurteilt

Es muss ein Geflecht aus Hörigkeit, Bewunderung und Gewalt gewesen sein. Eine mutmaßliche Sekten-Chefin und ihr damaliger Mann scharen Anhänger um sich. Sie sieht sich gottgleich. Kinder erfahren in der Gruppe Gewalt. Ei... » mehr

Prozess gegen 92-Jährigen

10.11.2020

«Aus Liebe»: 92-Jähriger gesteht Tötung seiner dementen Frau

Aufgewachsen in Weltkriegswirren, danach Flucht und Wiederaufbau. Schließlich folgen für ein Paar aus Unterfranken fast 70 Jahre Ehe. Doch als die Frau schwer erkrankt, geht ihr Mann an der Pflege fast zugrunde - und fas... » mehr

Prozess im Mordfall Lübcke

27.10.2020

Urteil im Lübcke-Prozess am 1. Dezember?

Ein Polizeibeamter hat im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke von rechtsextremen Funden bei den Ermittlungen berichtet. Im Dezember könnte das Urteil fallen. » mehr

Prozess in Maastricht

28.09.2020

Mordfall Nicky - Nach 22 Jahren steht ein Mann vor Gericht

Sommer 1998: Ein Junge wird tot gefunden. Er wurde missbraucht. Jetzt steht der mutmaßliche Täter vor Gericht. Aber er will es nicht gewesen sein - trotz DNA-Spuren. Er hat dafür seine eigene Erklärung. » mehr

Prozess wegen Kindesmissbrauchs

25.05.2020

Missbrauch in Kitas: Mehr als elf Jahre Haft für Logopäden

Ein anerkannter Sprachtherapeut soll in Würzburg behinderte Jungen therapieren. Er missbraucht sie sexuell schwer - in zwei Kitas und seinen Praxisräumen. Orte, an denen Eltern ihre Kinder in Sicherheit wähnen. Dafür mus... » mehr

Siebeneinhalb Jahre Haft für Mutter

13.08.2020

Junge verdurstet: Siebeneinhalb Jahre Haft für Mutter

Fast zwei Tage dauerte der Todeskampf des kleinen Leon. Seine Mutter hatte ihn in einem völlig überhitzten Zimmer sich selbst überlassen, so dass er verdurstete. Für die Tat kommt die Frau nun ins Gefängnis. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall A73 Suhl Suhl A73

Unfall A73 Suhl | 27.11.2020 Suhl A73
» 7 Bilder ansehen

Holz Lkw Schleusingen Schleusingen

Holzlaster Unfall | 27.11.2020 Schleusingen
» 8 Bilder ansehen

Verkehrsbehinderungen A73 Suhl A 73/Suhl

Verunreinigung A73 | 26.11.2020 A 73/Suhl
» 3 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 04. 2019
22:39 Uhr



^