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Studie: Niedrigere Kassenbeiträge, wenn alle gesetzlich versichert

Wären alle Bürger gesetzlich versichert, könnten die Beiträge laut einer Studie sinken. In Europa leiste sich nur Deutschland ein duales System mit dem zweiten Bein private Krankenversicherung. Unsolidarisch? Es wird gestritten.



Krankenversicherung
Die Studie basiert auf den aktuellsten Daten (2016) einer jährlich durchgeführten Wiederholungsbefragung von rund 12.000 Haushalten.   Foto: picture alliance / dpa

Wenn alle Bürger gesetzlich versichert wären, könnten die Beiträge einer Studie zufolge spürbar sinken.

Beziehe man die finanziell leistungsstärkeren Privatversicherten in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ein, könnten jeder aktuell GKV-Versicherte und sein Arbeitgeber zusammen im Schnitt 145 Euro pro Jahr sparen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine veröffentlichte repräsentative Studie des Berliner Iges-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Sie löste umgehend Kritik und Protest von PKV, Ärzte- und Beamtenseite aus, aber auch einen neuen Ruf nach einer Bürgerversicherung.

Laut Iges-Analyse verdienen Privatversicherte - demnach Gutverdiener, Beamte, einkommensstarke Selbstständige - durchschnittlich mindestens 56 Prozent mehr als gesetzlich Versicherte. Sie seien zudem tendenziell gesünder. Kämen sie in die GKV, könnte diese mit einem Nettofinanzüberschuss von jährlich 8,7 bis 10,6 Milliarden Euro rechnen. Der Beitragssatz ließe sich um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte senken.

In Europa leiste sich nur Deutschland ein duales System. Weltweit gebe es ein Zwei-Säulen-Prinzip sonst nur noch in Chile. «Nur wenn sich alle Versicherten unabhängig vom Einkommen zusammentun, um die Risiken zwischen Gesunden und Kranken auszugleichen, kann eine tragfähige Solidargemeinschaft entstehen», betont Stiftungsvorstand Brigitte Mohn. Der soziale Zusammenhalt werde geschwächt.

Der dbb Beamtenbund widerspricht. Das System funktioniere gerade wegen des «bewährten Miteinanders» von GKV und PKV, meint dbb-Chef Ulrich Silberbach. «Unsere Gesundheitsversorgung ist eine der besten der Welt.» Im dualen Gesundheitssystem profitierten ausnahmslos alle von den Umsätzen der PKV-Versicherten. Man solle nicht mit «Sozialpranger» arbeiten. Ähnlich formuliert es der Verband der PKV: Der Milliarden-Mehrumsatz der PKV komme dem Gesundheitswesen insgesamt zugute. Ohne diesen müssten GKV-Versicherte sogar noch draufzahlen.

Die Bundesärztekammer merkt an: Finanzstärkere würden sich bei einer Einheitsversicherung womöglich einen exklusiven Zugang zur Spitzenmedizin sichern - als Selbstzahler oder über teure Zusatzversicherungen. Damit sei der Weg in «eine echte Zwei-Klassenmedizin» bereitet. Die SPD-Fraktion fordert dagegen eine Bürgerversicherung, «in die alle einzahlen und durch die alle die notwendigen medizinischen Leistungen bekommen.» Auch die Grünen sehen neuen Rückenwind für eine Bürgerversicherung. Die lehnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung ab, schlägt aber vor: «Das Beste aus zwei Welten zusammenführen.»

Die Iges-Studie basiert auf den aktuellsten Daten (2016) aus einer Befragung von rund 12.000 Haushalten. 2016 - wie auch aktuell - waren rund 8,8 Millionen Menschen privat versichert. Die GKV zählte 2016 rund 70,4 Millionen Versicherte, derzeit sind es vor allem zuwanderungsbedingt gut 73,2 Millionen, sagt der Gesundheitsexperte der Stiftung, Stefan Etgeton, der dpa.

Die Vergütung für niedergelassene Ärzte falle bei Leistungen für Privatpatienten etwa 2,5-fach höher aus. Gleiche man Ärzten die Honorarverluste bei einem PKV-Wegfall aus, sei ein noch um 0,2 bis 0,3 Punkte niedrigerer Beitragssatz möglich. Etgeton kritisiert, der durchschnittliche GKV-Versicherte zahle jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen könnten. In Umfragen befürworte eine Mehrheit der Bürger eine integrierte Krankenversicherung ohne Aufspaltung nach Einkommenshöhe oder Berufsgruppe.

Und inwiefern sind PKV-Versicherte tendenziell gesünder? Nach der Analyse kamen 17 Prozent der Privatversicherten mindestens einmal im Jahr ins Krankenhaus, bei den gesetzlich Versicherten waren es 23 Prozent. Die PKV-Mitglieder seien 3,6 Tage im Jahr arbeitsunfähig gewesen, die GKV-Versicherten konnten 5,6 Tage krankheitsbedingt nicht zur Arbeit kommen. Der Anteil der Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftigkeit, mit chronischen Rückenbeschwerden, Gelenkerkrankungen oder auch Schlafstörungen liege bei GKV-lern höher als bei PKV-lern. Als einen Grund nennt die Analyse: Die PKV schließe Menschen mit Vorerkrankungen oder Behinderungen durch hohe Zugangshürden praktisch aus.

Wie groß sind die Chancen für nur eine Versicherung? Derzeit hält Etgeton sei eine Verschmelzung der beiden Säulen nicht für realistisch. Aber eine stärkere Einbindung von PKV-Mitgliedern in die GKV sei machbar und könne Einiges bringen. Der DGB mahnte gesetzliche Änderungen an, da viele gar nicht in die GKV wechseln könnten oder die Bedingungen dafür zu schlecht seien. Die GKV hatte 2019 rund eine Milliarde Euro Verlust gemacht. Den allgemeinen festen Beitrag von 14,6 Prozent und den variablen Zusatzbeitrag der Kassen teilen sich Arbeitgeber und -nehmer hälftig.

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dpa

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17. 02. 2020
14:35 Uhr

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