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Schreckschusspistolen immer beliebter

Sie sehen genauso aus wie echte Waffen. Und hören sich auch fast so an. Darin dürfte der Reiz liegen, den Schreckschusspistolen vor allem auf manche Männer ausüben.



Schreckschusspistole und kleiner Waffenschein
Angesichts der großen Verbreitung von Schreckschusspistolen werden Forderungen aus der Politik nach schärferen Bestimmungen lauter.   Foto: Oliver Killig/zb/dpa

Bamm, Bamm, Bamm - immer wieder hallen Salven von Schüssen durch die Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Gruppen junger Männer stehen am Silvesterabend auf den Bürgersteigen, werfen Böller auf die Straße und fotografieren.

Zwischendurch ziehen einige von ihnen Pistolen und feuern in die Luft. Das Mündungsfeuer flackert im Dunkeln, Kugeln fliegen aber nicht. Es sind Schreckschusspistolen. Seit einigen Jahren sind sie in Deutschland immer beliebter und verbreiteter. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht von geschätzt mindestens 15 Millionen dieser Waffen. Der Trend sei beunruhigend, betont der Vize-Vorsitzende Jörg Radek.

Die Pistolen, die erstaunlich echt aussehen, werden zur Abschreckung und Notwehr verkauft. Bei einigen jungen Männern sind sie eher beliebt als Statussymbol und zum Rumballern - besonders wie jüngst an Silvester. Geschossen wird nicht nur in die Luft. In Berlin versuchen junge Männer in der Nacht die Tür eines Feuerwehrautos aufzureißen, um ins Innere zu feuern. Andere schießen auf dem Alexanderplatz auf Polizisten. 125 Vorfälle mit Schreckschusswaffen erfasst die Berliner Polizei in dieser Nacht. Das verbotene Schießen habe «fast inflationär» zugenommen, sagt Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

In anderen Großstädten und auf dem Land sieht es nicht besser aus. Die Meldungen der Polizeibehörden beschränken sich nicht auf Silvester. In Erfurt bedroht ein Mann Polizisten mit einer Schreckschusswaffe. In München schießt ein Drogendealer auf seinem Balkon herum. In Bremen feuert ein 16-Jähriger einem Gleichaltrigen ins Gesicht und verletzt ihn. In Heidelberg muss ein 16-Jähriger ins Krankenhaus, weil ihm ein anderer junger Mann eine Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Leuchtgeschosse aus einer Schreckschusswaffe verletzen in Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen zwei Frauen. Bei Hochzeitskorsos schießen Gäste gerne aus den Autos in die Luft.

Die Schreckschusspistolen sind legal und nicht besonders teuer. Für 100 bis 150 Euro werden sie auf zahlreichen Internetseiten verkauft. Dazu gibt es diverse Munition: Platzpatronen, die nur laut knallen, Patronen für grelle Blitze, kleines Feuerwerk oder mit Reizgas. 12, 15 oder auch 18 Patronen passen in die Magazine, die im Griff sitzen.

Obwohl die Waffen durch eine Sperre im Lauf und die zu leichte Bauweise keine Kugeln verschießen können, sind sie nicht ungefährlich. Extrem heißes Gas tritt beim Schuss mit hohem Druck aus der Mündung. Videos im Internet zeigen, dass Papier schon bei einer Entfernung von 50 Zentimetern perforiert wird. Bei 30 Zentimetern Distanz werden Papierblätter zerrissen. Bei einer aufgesetzten Pistole reißt der Druck des Schusses ein Loch in eine Wassermelone.

Die GdP warnt vor der Eskalation von Konflikten durch das Zeigen der Waffen. Auch die Polizei könne nicht erkennen, ob es sich um eine Schreckschusspistole oder eine echte Waffe handelt. Am früheren Berliner Grenzübergang Checkpoint Charlie rückte am 30. Dezember sogar ein Spezialeinsatzkommando (SEK) an, weil Menschen Schüsse hörten und eine Pistole sahen. Später wurde die Patronenhülse einer Schreckschusspistole gefunden.

Erlaubt ist der Kauf und Besitz dieser sogenannten Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen (SRS-Waffen) für jeden Erwachsenen. In der Öffentlichkeit mit sich herumtragen darf man sie aber nur, wenn man einen sogenannten Kleinen Waffenschein besitzt. Den erhält man, wenn man keine Vorstrafen hat und eine Gebühr von 50 Euro bezahlt.

Ende September 2019 waren nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 650 000 solcher Waffenscheine im Nationalen Waffenregister gemeldet. Die Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt seit Jahren. Das Schießen mit den Schreckschusswaffen ist in der Öffentlichkeit aber ausdrücklich verboten. «Das gilt auch an Silvester», betont die Waffenbehörde der Berliner Polizei auf ihrer Internetseite.

Das Verbot ist entweder unbekannt oder es interessiert die Waffenfans nicht. Im Internet kursieren zahlreiche Videos mit Tipps und Tests mit bis zu 1000 abgefeuerten Schüssen. «Welche SSW benutzen zu Silvester 2019/2020?», heißt ein Film. Es geht um Bauarten, Funktionen und Preise. Das etwas holprige Fazit des Testers zu seinem Favoriten: «Extrem zuverlässig. Die Waffe hat so gut wie nie Störungen und ist verdammt robust. Nur 130 Euro. Kauft euch diese Pistole. Für Silvester ist das das beste, was man kaufen kann.»

In Teilen der Politik gibt es Überlegungen für schärfere Gesetze. Der Verkauf der Pistolen könnte an den Kleinen Waffenschein gekoppelt werden, fordern die GdP, Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) und die Grünen. Geisel sagt: «Es kann nicht sein, dass man Schreckschusswaffen kaufen kann, ohne den Schein vorzuzeigen.» Die Grünen-Bundestagsabgeordnete und Ex-Polizistin Irene Mihalic betont, Schreckschusswaffen dürfe man nicht bagatellisieren. Der leichte Zugang zu solchen Waffen bedeutet eine relevante Gefahr.»

Andere Fraktionen sehen wenig Handlungsbedarf. Der CDU-Innenpolitiker Mathias Middelberg hält die «geltenden Bestimmungen für ausreichend». Auch die FDP meint, es brauche «nicht schärfere Gesetze, sondern bessere Kontrollen durch die Polizei». Ulla Jelpke von der Linken lehnt es ab, «die vielen gesetzestreuen Träger solcher Waffen aufgrund einiger schwarzer Schafe in Mithaftung zu nehmen».

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) kann sich hingegen strengere Bedingungen für Waffenscheine vorstellen. Das gelte auch für den Kleinen Waffenschein, hieß es kürzlich aus dem Ministerium. An den Millionen kursierender Schreckschusspistolen ändert das erst mal wenig.

Veröffentlicht am:
15. 01. 2020
07:59 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
15. 01. 2020
07:59 Uhr



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