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Rassistischer Anschlag in Hanau: Deutscher erschießt zehn Menschen

Mehr als vier Monate nach dem Anschlag von Halle erschüttert Deutschland ein weiteres blutiges Attentat. Ein Deutscher tötet in Hanau neun Menschen. Anschließend erschießt er wohl seine Mutter und sich selbst. Merkel spricht von «Gift in unserer Gesellschaft». Der Täter wohnte und studierte in Oberfranken.



Nach Schüssen in Hanau - Mahnwache in München München
Im hessischen Hanau hat ein 43 Jahre alter Mann aus Hanau zehn Menschen, darunter seine Mutter, und sich selbst erschossen. Die ermittelnden Behörden gehen von einem rassistisch und rechtsextrem motivierten Verbrechen aus. In vielen Städten hielten am Donnerstagabend, wie hier in München, Menschen eine Mahnwache für die Opfer ab.   Foto: Peter Kneffel/dpa

20.02.2020 - Bluttat in Hanau - Foto: Boris Roessler/Andreas Arnold/dpa

Nach Schüssen in Hanau - Mahnwache in München München
Tote durch Schüsse in Hanau Hanau
Tote durch Schüsse in Hanau Hanau
Spurensicherung Hanau
Tote durch Schüsse in Hanau Hanau
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Spurensicherung Hanau
Trauer in Hanau Hanau
Nach Schüssen in Hanau Hanau
Abtransport Hanau
Tote durch Schüsse in Hanau Hanau

Hanau/Karlsruhe/Berlin - Bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag hat ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Anschließend soll der 43-jährige Sportschütze seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst getötet haben. Der Mann habe eine «zutiefst rassistische Gesinnung» gehabt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und einer Art Manifest auf dessen Internetseite ergeben. Die Todesopfer seien zwischen 21 und 44 Jahre alt gewesen und hätten Migrationshintergrund gehabt. Der Täter habe sechs weitere Menschen verletzt, einen schwer. Am Abend versammelten sich in zahlreichen Städten Menschen zu Mahnwachen.

Auf seiner eigenen Homepage gab der 43-Jährige an, dass er in Hanau geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen sei. Nach Abitur und Zivildienst folgte eine Ausbildung zum Bankkaufmann in Frankfurt. Weiter heißt es: "Im Wintersemester des Jahres 2000 habe ich BWL-Studium in Bayreuth begonnen, welches ich im Frühjahr 2007 erfolgreich abschließen konnte." Das bestätigte am Donnerstagmittag auch eine Sprecherin der Universität Bayreuth. Zudem hatte der Attentäter in Hof eine Wohnung gemietet.

Nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat der 43-Jährige zeitweilig in Oberfranken und in Oberbayern gewohnt. "Zuletzt hat er sich wohl 2018 im südbayerischen Raum aufgehalten", sagte Herrmann am Donnerstag in Friedberg im Landkreis Augsburg. Es habe aber damals keine Erkenntnisse gegeben, dass der Mann ein Extremist sei.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte am Morgen in Wiesbaden, der Generalbundesanwalt ermittle wegen des Verdachts einer terroristischen Gewalttat - Frank selbst sprach am Nachmittag nicht davon. Nach einer Telefonschalte der Innenminister von Bund und Ländern sagte der bayerische Ressortchef Joachim Herrmann (CSU), man gehe davon aus, «dass es sich um einen rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Hintergrund handelt». Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel verurteilten die Tat und Rassismus auf das Schärfste.

Der mutmaßliche Todesschütze Tobias R. kommt laut den Behörden aus Hanau. Gegen 22.00 Uhr am Mittwochabend eröffnete er in einer Shisha-Bar das Feuer. Danach schoss er in einer weiteren Bar und einem Kiosk um sich. Der türkische Botschafter in Berlin teilte mit, unter den Todesopfern sei mindestens ein türkischer Staatsbürger. «Drei oder vier» Opfer könnten die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Zuvor war von fünf türkischen Bürgern die Rede gewesen.

Nach der Tat habe der mutmaßliche Täter in der eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst erschossen, sagte Beuth. Der 43-Jährige habe die Waffen legal besessen. Nach Auskunft der zuständigen Kreisbehörde hatte er 2013 eine waffenrechtliche Besitzerlaubnis bekommen, in seiner Waffenbesitzkarte seien zuletzt zwei Waffen eingetragen gewesen. Er sei Mitglied im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim gewesen, sagte Thilo von Hagen, Sprecher des Deutschen Schützenbundes (DSB).

Die Bundesanwaltschaft teilte mit: «Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor.» Der mutmaßliche Täter habe auf seiner Internetseite auch wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien geäußert. Man prüfe, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer für seinen Anschlag hatte. Dazu würden das Umfeld und die Kontakte des Mannes im In- und Ausland abgeklärt.

Beuth hatte zuvor gesagt, der Mann habe wohl allein gehandelt. «Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor.» Der mutmaßliche Täter sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als «fremdenfeindlich» bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten.

Der mutmaßliche Täter hat vor dem Verbrechen mehrere Videos veröffentlicht. Ein Hinweis auf eine bevorstehende Gewalttat in Deutschland ist darin nicht enthalten. Der Mann spricht in in einem der Videos in fließendem Englisch von einer «persönlichen Botschaft an alle Amerikaner». Der Clip wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände «jetzt kämpfen». Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

Bundespräsident Steinmeier sprach in Hanau von einer «Terrortat». «Heute ist die Stunde, in der wir zeigen müssen: Wir stehen als Gesellschaft zusammen, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander», sagte er am Donnerstabend bei einer Trauerfeier. «Wir stehen zusammen, wir halten zusammen, wir wollen zusammen leben. Und wir zeigen es wieder und wieder. Das ist das stärkste Mittel gegen den Hass.» Nicht nur in Hanau selbst gab es Mahnwachen. Rund 500 Menschen, darunter etliche prominente Politiker, gedachten in Berlin am Brandenburger Tor der Opfer. Sie bildeten eine große Menschenkette rund um das Tor. Auch in anderen Städten versammelten sich Menschen.

Kanzlerin Merkel (CDU) sagte in Berlin: «Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft. Und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen. Von den Untaten des NSU über den Mord an Walter Lübcke bis zu den Morden von Halle.» In Halle hatte im Oktober ein Antisemit vergeblich versucht, mit Waffen in eine Synagoge einzudringen, im Anschluss zwei Menschen getötet. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ordnete für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland Trauerbeflaggung an.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wertete die Tat als Beleg dafür, dass die CDU und andere Parteien nicht mit der AfD zusammenarbeiten dürfen. Sie fühle sich in ihrer Haltung bestärkt, dass es keine Zusammenarbeit geben dürfe mit der Partei, die «Rechtsextreme, ja, ich sage auch ganz bewusst Nazis, in ihren eigenen Reihen duldet und die eine Grundlage legt, auch in der politischen Diskussion, für genau dieses Gedankengut», sagte Kramp-Karrenbauer in Paris. Auch andere Politiker wiesen auf die AfD.

«Das sind geistige Brandstifter», sagte SPD-Vize Hubertus Heil. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil bezeichnete die AfD als «politischen Arm der extremen Rechten». Der Bewerber um den CDU-Vorsitz, Norbert Röttgen, sagte der «Bild»-Zeitung: «Wir müssen das Gift bekämpfen, das von der AfD und anderen in unsere Gesellschaft getragen wird.»

AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland wies die Vorwürfe einer indirekten Mitverantwortung zurück. «Ich halte es für schäbig, in der Phase so etwas zu instrumentalisieren», sagte Gauland. «Man kann nicht etwas instrumentalisieren, was so furchtbar ist und wo wir nicht wissen im Moment, was diesen offensichtlich völlig geistig verwirrten Täter bewogen hat, so zu handeln.»

In den närrischen Hochburgen gedachten die Jecken der Opfer. Die Mannschaften in den ersten drei Fußball-Ligen der Männer werden wie auch die Teams der Frauen-Bundesligen am Wochenende mit Trauerflor spielen. Zudem wird es vor den Partien eine Schweigeminute geben.

Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge am Mittwochabend gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blickten Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße lagen Patronenhülsen auf dem Fußweg. Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert.
 

Lesen Sie auch:

Was haben der Schütze von Hanau und der Attentäter von Halle gemeinsam? Beide Männer suchten vermeintliche Schuldige für das, was in ihrem Leben schief lief. Die Grenze zwischen Wahnvorstellungen und rassistischem Hass ist in beiden Fällen nicht klar zu ziehen.

 

Rassistischer Terror: Morde in Deutschland

 

den Leitartikel von Marcel Auermann: "Im Wahn"

 

Mitglieder der türkischen Gemeinde in Kulmbach sind erschüttert über die Morde von Hanau. Verantwortlich für den wachsenden Rassismus in Deutschland sei die Hetzpolitik.

 

"Warum hat er nicht mich getötet?": Die Nachbarn von Tobias R. reagieren mit einer Mischung aus Entsetzen und Fassungslosigkeit auf die Tat. Ein Besuch im Hanauer Vorort Kesselstadt.

 

Tote durch Schüsse: Die Nacht im Protokoll

 

Trauerbeflaggung in ganz Bayern wegen Gewalttaten von Hanau

 

Wer war Tobias R. und warum hat er in zwei Shisha-Bars in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln getötet? Anhaltspunkte zu dieser Frage finden sich auch im Internet.

 

Nach Anschlag in Hanau: Kundgebungen und Mahnwachen

Veröffentlicht am:
20. 02. 2020
08:04 Uhr

Aktualisiert am:
20. 02. 2020
21:14 Uhr

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Autor

red

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Veröffentlicht am:
20. 02. 2020
08:04 Uhr

Aktualisiert am:
20. 02. 2020
21:14 Uhr



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