Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Onkologen fürchten «Bugwelle» zu spät erkannter Krebsfälle

Nicht lebensnotwendige OPs werden verschoben, Früherkennungsprogramme gekürzt. Vor allem aber scheuen Patienten den Gang zum Arzt - aus Angst vor einer Corona-Ansteckung. Manche Krebsdiagnose könnte später gestellt werden. Werden mehr Menschen an Krebs sterben?



Krebsdiagnostik
Die Krebs-Diagnostik rückt in Zeiten der Corona-Pandemie möglicherweise gefährlich in den Hintergrund.   Foto: picture alliance / dpa

Wissenschaftler und Ärzte warnen in der Corona-Krise vor einer «Bugwelle an zu spät diagnostizierten Krebsfällen».

Bislang mussten Krebspatienten im Regelfall keine bedrohlichen Versorgungsengpässe befürchten, doch Einschränkungen durch die Krisensituation seien spürbar, teilten das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft mit. Ob die Zahl der Krebsfälle dadurch steigen könnte, ließen die Experten zunächst offen.

Die Krebstherapie sei grundsätzlich auch jetzt gesichert, sagte Gerd Nettekoven, Vorstandschef der Stiftung Deutsche Krebshilfe. «Doch wir erkennen inzwischen auch, dass das Versorgungssystem spürbar gestresst ist und die Einschränkungen aufgrund der Krisensituation negative Auswirkungen für Krebspatienten haben können.»

Klinikbetten werden derzeit frei gehalten - für Corona-Patienten, die aufgrund der Epidemie-Entwicklung nicht in der zunächst befürchteten hohen Zahl kamen. Früherkennungsprogramme wurden zusammengestrichen, ebenso manche Spezialuntersuchungen bei Krebs. Nicht lebensnotwendige Operationen wurden verschoben.

«Wir sind bewusst ein bisschen auf die Bremse getreten bei Terminen, die nicht dringlich sind», sagt der Krebsmediziner am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Michael von Bergwelt. «Wenn eine Patientin vor fünf Jahren Brustkrebs hatte, macht es keinen Unterschied, ob sie einen Monat früher oder später zur Kontrolle kommt.» Klinikbesuche in nicht dringenden Fällen sollten verringert, aber auch die Kliniken auf den möglichen Ansturm von Corona-Patienten vorbereitet werden.

Ob es im Zuge der Corona-Krise mehr Krebstote geben werde, sei noch nicht absehbar, sagte Bergwelt. «In einem Szenario, in dem das Gesundheitssystem über einen längeren Zeitraum überfordert ist, muss es so sein. Meine Hoffnung wäre aber auf Basis der Erfahrung der vergangenen Wochen, dass das großenteils vermeidbar ist.»

Derzeit würden die Leitlinien für die Behandlung bestimmter onkologischer Patienten ergänzt. «Man muss auf dieser Basis sehr individuell beraten: Wie ausgeprägt ist der Wunsch, jetzt mit der Behandlung voranzuschreiten, wie groß ist die Angst, jetzt ins Krankenhaus zu gehen?» Eine akute Leukämie etwa müsse sofort behandelt werden. Dabei werde stets «auf Sicht» gefahren.

«Ein Aussetzen von Früherkennungs- und Abklärungsmaßnahmen ist nur über einen kurzen Zeitraum tolerierbar, sonst werden Tumoren möglicherweise erst in einem fortgeschrittenen Stadium mit dann schlechterer Prognose erkannt», betont Michael Baumann, Vorstandschef des Deutschen Krebsforschungszentrums. «Wir beobachten derzeit, dass Menschen Symptome nicht ärztlich abklären lassen.»

In Praxen und Kliniken bleiben Patienten weg: Angst vor Ansteckung. Nicht zuletzt sind Krebskranke mit geschwächtem Immunsystem besonders gefährdet. «Wir sehen deutlich weniger Krebspatienten», sagt Bergwelt. «Uns treibt durchaus etwas die Sorge um, dass manche Patienten aus Sorge vor Infektion gar nicht mehr zum Arzt oder gar nicht ins Krankenhaus kommen», warnt auch der Ärztliche Direktor am LMU-Klinikum und Vorsitzende der Universitätsmedizin Bayern, Karl-Walter Jauch. Diese Ängste müssten den Menschen genommen werden.

Schon vor Corona rechneten die Experten mit einem Anstieg bei Krebs. Laut Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird sich die Zahl bis 2040 fast verdoppeln. Laut dem Weltkrebsreport der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) erkrankten 2018 weltweit 18,1 Millionen Menschen an Krebs, 9,6 Millionen starben. 2040 dürften demnach 29 bis 37 Millionen Menschen neu erkranken. Auch Baumann ging Anfang Februar von einer solchen Entwicklung aus. Gründe seien die wachsende und älter werdende Weltbevölkerung, aber auch «Lebensstilfaktoren».

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
24. 04. 2020
09:03 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Brustkrebs Deutsche Krebsgesellschaft Deutsche Krebshilfe Institute Karl Walter Karzinomkranke Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München Krankenhäuser und Kliniken Krebsdiagnosen Krebsforschung Krebsforschungszentren Krebstherapien Leukämie Ludwig-Maximilians-Universität München Michael Baumann Onkologie Robert-Koch-Institut Weltgesundheitsorganisation
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Dexamethason

17.06.2020

Entzündungshemmer gegen Covid-19 - noch viele Fragen offen

«Großartige Neuigkeiten» werden bei der Weltgesundheitsorganisation bejubelt. Erstmals scheint ein Medikament die Sterblichkeit bei Covid-19 merklich mindern zu können. Deutsche Experten sehen aber noch eine Reihe offene... » mehr

Jens Spahn

01.02.2019

Spahn: Krebs in 10 bis 20 Jahren besiegbar

Krebs endgültig besiegen - das wollen Mediziner schon lange. Mit Prognosen dazu halten sie sich zurück. Anders als Gesundheitsminister Spahn. Dessen «heroischen Aussagen» müssten nun erstmal Taten folgen, fordern Experte... » mehr

Manuela Schwesig

12.05.2020

Schwesig nach Krebs-Therapie: «Ich bin wieder gesund»

Vor acht Monaten gab Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig bekannt, dass sie Brustkrebs hat. Jetzt hat die SPD-Politikerin die Therapie gut überstanden. Und eine Botschaft. » mehr

Trump

12.05.2020

Wie ein Virus die Welt verändert

Wo breitet sich das Coronavirus gerade am rasantesten aus? Wo sind die Gegenmaßnahmen am härtesten und die Folgen am dramatischsten? Aber auch: Wo gibt es Hoffnung? Diesen Fragen sind Korrespondenten der dpa in aller Wel... » mehr

Rauchen

22.02.2020

Ranking: Deutschland bei Tabakkontrolle abgehängt

Werbeplakate für Zigaretten? Raucherkneipe? In vielen Ländern Europas ist das Vergangenheit. Hierzulande nicht. Die Quittung dafür hat Deutschland nun bekommen. » mehr

Bill Gates

12.04.2020

Von der Leyen hofft auf Corona-Impfstoff Ende 2020

Die Entwicklung eines Impfstoffs dauert normalerweise viele Jahre. Beim neuartigen Coronavirus soll es deutlich schneller gehen. EU-Kommissionschefin von der Leyen hat bereits Ende 2020 im Blick. Experten sind nicht ganz... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

2020-09-22

Feuerwehr-Übung Ilmenau | 22.09.2020
» 17 Bilder ansehen

Großbrand Themar Themar

Großbrand Themar | 22.09.2020 Themar
» 33 Bilder ansehen

Sperrmüllhaufen brennt in Suhl-Nord Suhl

Brand Suhl-Nord | 21.09.2020 Suhl
» 3 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
24. 04. 2020
09:03 Uhr



^