Lade Login-Box.
Sommerausklang in Südthüringen zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Nächster Ausbruch: New York diskutiert über Gewaltwelle

Die Zahlen steigen sprunghaft an. Nach Corona hat New York mit einer Welle der Gewalt zu kämpfen. Auch in anderen US-Städten häufen sich die Vorfälle - entsandte Sicherheitskräfte des Bundes sorgen stellenweise für neue Spannungen.



«Crime Sceen»
Ein Tatort in New York ist mit Flatterband abgesperrt (Archiv).   Foto: Gregor Fischer/dpa-Zentralbild/dpa

Anthony Robinson hatte seine kleine Tochter an der Hand, als er angegriffen wurde. Anfang Juli ging der 29-Jährige im New Yorker Stadtteil Bronx mit dem Mädchen über eine Straße, als plötzlich links von ihm ein Auto anhielt.

Ein von der Polizei veröffentlichtes Video zeigt, wie ein Arm mit einer Pistole auf Robinson zielt. Kurze Zeit später ist er tot. Es sind Szenen wie diese, die in New York und in vielen anderen Städten in den USA momentan deutlich häufiger vorkommen als in den Vorjahren - und große Sorgen machen.

Über die Ursachen der Gewaltwelle in der US-Ostküstenmetropole wird gerätselt. Es ist der dritte Ausbruch, der New York und andere Städte in den USA in diesem Jahr beschäftigt: Zuerst kam das Coronavirus, dann die landesweit geteilte Wut über Rassismus und Polizeigewalt - und nun steigt die Zahl der Schießereien und Morde deutlich. Dabei könnten alle Entwicklungen zusammenhängen.

Die Zahlen, die viele New Yorker in den letzten Wochen schockiert haben und an längst vergangene Zeiten erinnern, sind jedenfalls eindeutig: Im Juni 2020 erhöhte sich die Zahl der Vorfälle mit gefallenen Schüssen in der Acht-Millionen-Metropole im Vergleich zum Vorjahr von 89 auf 205 - ein Anstieg von 130 Prozent. Die Zahl der Morde kletterte mit 39 Toten um 30 Prozent.

Und die Gewalt riss nicht ab. Alleine am Wochenende zum Unabhängigkeitstag um den 4. Juli wurden übereinstimmenden Medienberichten zufolge 64 Menschen von Schüssen getroffen - zehn von ihnen starben. Trotzdem ist das New York Police Department (NYPD) noch immer weit weg von seinen dunkelsten Stunden: 1990, als die Kriminalität außer Kontrolle war und es 2262 Morde gab. 2019 waren es dagegen nur 319.

Die Entwicklung in New York ist dabei in den USA kein Einzelfall. In einer Reihe weiterer Städte gibt es ähnliche Tendenzen, darunter besonders in Chicago, das 2020 die höchste Mordrate seit mehr als 20 Jahren erreichen könnte. Erst vor einer Woche waren dort bei einer Schießerei 15 Menschen teils schwer verletzt worden. US-Präsident Donald Trump kündigte vergangene Woche an, wegen der «schockierenden Explosion an Tötungen» Sicherheitskräfte des Bundes in die Millionenstadt und andere Teile des Landes zu schicken.

Eingeschritten ist die Regierung bereits in Portland in Oregon an der US-Westküste, wo schwer bewaffnete Sicherheitskräfte derzeit Nacht für Nacht, teils in Tarnuniformen, auf der Straße zu sehen sind. Dort geht es jedoch nicht um eine steigende Kriminalitätsrate. Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz Ende Mai dauern dort Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt an. Viele demonstrieren friedlich, zum Teil kam es aber auch zu Auseinandersetzungen mit der örtlichen Polizei. Die Stadt hatte sich ausdrücklich gegen die Entsendung von Einsatzkräften ausgesprochen, doch nun heizen diese - auch mit Tränengas - die Proteste bei nächtlichen Zusammenstößen aus Sicht von Beobachtern an. Gegen das teils brutale Vorgehen der militarisierten Sicherheitskräfte gingen eine Reihe von Klagen ein.

New York hat für den Fall einer Entsendung von Sicherheitskräften des Bundes mit einer Klage gedroht und sagt, es könne die Gewaltwelle in der Stadt allein bewältigen. Bürgermeister Bill de Blasio machte dabei vor allem die Nebenwirkungen der Corona-Pandemie für den Anstieg der schweren Verbrechen verantwortlich. Es gehe um die Tatsache, «dass das Gerichtssystem nicht arbeitet, dass die Menschen seit Monaten angespannt sind», sagte er. Was der Bürgermeister nicht erwähnte, wohl aber die Polizei, ist die durch die Krise stark gestiegene Zahl an besonders gefährdeten Gefängnisinsassen, die wegen des im Strafvollzug grassierenden Virus vorzeitig entlassen wurden.

«Derzeit liegt die Zahl der auf Bewährung Entlassenen, die an Schießereignissen oder Morden beteiligt waren, auf einem 15-Jahres-Hoch», hieß es vom NYPD. Die Polizisten machen für die Entwicklung auch Reformen der Stadt mitverantwortlich, die unter anderem die Zahl der Insassen aus dem berüchtigten Gefängnis Rikers Island reduzieren sollen - und deshalb nach Ansicht der Polizei mehr Kriminelle auf die Straße bringen.

Dazu kamen öffentliche Forderungen nach einer Umstrukturierung der Polizei. Der New Yorker Stadtrat reagierte auf sie damit, eine Milliarde Dollar des 6-Milliarden-Budgets des NYPD zusammen mit einigen Tausend Beamten einer anderen Behörde zu unterstellen. Spätestens seitdem brodelt es unter den 36.000 Polizisten und ihrem Chef Dermot Shea.

In einem durchgestochenen internen Polizeivideo bezeichnete er die örtlichen Politiker als «Feiglinge»: «Sie versagen bei jeder möglichen Maßnahme, Anführer zu sein, und sie fallen den Männern und Frauen dieser Polizeibehörde in den Rücken.» Aus dem Stadtrat kamen Berichten zufolge dagegen Vorwürfe, die Polizei greife womöglich nicht mehr so durch wie sonst - auch deswegen, weil Beamte sich angesichts der landesweiten Proteste und Einschnitte zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlten.

© dpa-infocom, dpa:200728-99-948079/5

Veröffentlicht am:
28. 07. 2020
22:35 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bill de Blasio Donald Trump Gefängnisse Häftlinge Polizei Polizeibehörden Polizeigewalt Polizistinnen und Polizisten Präsidenten der USA Schießereien Sicherheitskräfte Städte Tränengas
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
US-Präsident Trump

23.07.2020

Chicago: US-Regierung schickt Hunderte Bundespolizisten

Trump verspricht, in den Städten «Recht und Ordnung» durchzusetzen. Bürgermeister sind skeptisch. Sie wollen verhindern, dass es zu umstrittenen Einsätzen von paramilitärisch anmutenden Sicherheitskräften des Bundes in i... » mehr

Bundestruppen in Portland

26.07.2020

Proteste in Portland: Regierung kündigt härteres Vorgehen an

Der Einsatz von Sicherheitskräften der US-Regierung in Portland ist hoch umstritten. Wieder kommt es zu Zusammenstößen mit Demonstranten. Heimatschutzminister Wolf sieht die Stadt nachts außer Kontrolle. » mehr

Schießerei in Chicago

22.07.2020

Streit um Einsatz von US-Bundespolizisten

US-Präsident Trump wirft Bürgermeistern der Demokraten vor, die Gewalt in ihren Städten nicht in den Griff zu bekommen. Nach Portland hat Trump bereits Sicherheitskräfte des Bundes geschickt. Weitere Metropolen sollen fo... » mehr

Atlanta

14.06.2020

Atlanta: Schwarzer stirbt bei Polizeieinsatz - neue Proteste

Die Wut in den USA ist ohnehin schon groß. Dann stirbt ein Schwarzer nach einem Polizeieinsatz. Wieder einmal. Der Vorfall in Georgia sorgt umgehend für Konsequenzen. Aber kann das die Gemüter beruhigen? » mehr

US-Bundespolizisten in Portland

24.07.2020

US-Behörde ermittelt zu Einsatz von Trumps Bundespolizisten

US-Präsident Trump wirft Bürgermeistern der Demokraten vor, die Gewalt in ihren Städten nicht in den Griff zu bekommen. Nach Portland hat Trump bereits Sicherheitskräfte des Bundes geschickt. Weitere Metropolen sollen fo... » mehr

Proteste gegen Rassismus

27.07.2020

Linke fordert Stopp von Waffenexporten in die USA

Die durch den Tod von George Floyd ausgelösten Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA halten seit Wochen an. Dass US-Polizisten auch Waffen und Ausrüstung aus Deutschland erhalten, sorgt nun für Kritik aus... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sperrmüllhaufen brennt in Suhl-Nord Suhl

Brand Suhl-Nord | 21.09.2020 Suhl
» 3 Bilder ansehen

Sommerausklang_schubert Suhl

Sommerausklang Olaf Schubert | 20.09.2020 Suhl
» 77 Bilder ansehen

12. Oldtimerausfahrt Suhl

12. Oldtimerausfahrt Museum Suhl | 19.09.2020 Suhl
» 44 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
28. 07. 2020
22:35 Uhr



^