Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Freies Wort hilftCoronavirus in ThüringenFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Mysteriöse «Killerwal»-Attacken vor Spaniens Küsten

Das hat es noch nie gegeben: Vor den Küsten Portugals und Spaniens greifen Orcas seit Wochen immer wieder Boote an. Spanien verhängt ein Segelverbot, um Menschen und Tiere zu schützen. Was ist da los? Ein Experte vermutet Vergeltung, andere machen Stress verantwortlich.



«Killerwal»-Attacken in Spanien
Das undatierte Foto, das vom spanischen Ministerium für Verkehr, Mobilität und städtische Agenda zur Verfügung gestellt wurde, zeigt drei Schwertwale, die neben einem Seenotrettungsboot schwimmen.   Foto: Ministerium für Verkehr, Mobilität und städtische Agenda /dpa

Die Fassungslosigkeit stand dem alten Haudegen mit dem weißen Vollbart nach dem Zwischenfall noch lange ins Gesicht geschrieben. «So etwas hatte ich noch nie gesehen, und dabei bin ich schon seit 40 Jahren Seemann und habe einiges erlebt», erzählt Cándido Couselo Sánchez im Video.

Der spanische Korvettenkapitän war am Steuer der «Mirfak», als der Marinesegler vor gut einem Monat, am 30. August, zwei Seemeilen vor der Küste der Region Galicien wie aus heiterem Himmel von Schwertwalen attackiert wurde.

Der Angriff wurde von der Crew auf Video festgehalten. Man hört die Schreie der verblüfften Seeleute: «Boah, was für ein Riesenvieh!» und «Er hat uns erwischt!» Nachdem die Tiere vom Boot ablassen, deutet jemand auf einen Punkt im Meer und sagt: «Da, die sind da geblieben und fressen unser Ruder! Sie fressen unser Ruder!»

Die Überraschung war groß, denn die erfahrene Crew wusste: Die bis zu zehn Meter langen und bis zu sechs Tonnen schweren Orcas attackieren zwar andere Meeresgiganten und verspeisen neben Thunfischen, Heringen, Robben, Pinguinen und Seevögeln auch Delfine, andere Wale und sogar Haie. Sie gehen dabei teils ziemlich brutal vor - und wurden deshalb von Fischern «Killerwale» getauft. Auf Menschen oder Schiffe hatten es die Orcas - die der breiten Öffentlichkeit unter anderem von den «Free Willy»-Filmen bekannt sind - bisher aber nicht abgesehen. Bisher.

Denn vor dem Angriff auf die «Mirfak» hatte es im Juli und August bereits sechs Attacken an der Straße von Gibraltar, vier vor der Küste Portugals und dann auch eine vor der Küste Galiciens gegeben. Dann kam es im September vor der Nordwestküste Spaniens nach Berichten gleich zu mindestens 15 weiteren Zwischenfällen. Die Sequenz macht Sinn: Schwertwale ziehen im Sommer von der Küste Andalusiens durch portugiesische Gewässer hinauf zum Biskaya-Golf - den Thunfischen hinterher.

Die Forscher rätseln. Fischer und Segler zittern. Und die Behörden handeln bereits. Denn die Lage ist ernst. Das Verkehrsministerium in Madrid verhängte schon vor einigen Tagen in den betroffenen Gewässern ein Segelverbot für Boote und Schiffe mit einer Länge von weniger als 15 Metern. Nach neuen Attacken wurde die Verbotszone ausgeweitet. Diese Maßnahme diene «dem Schutz der Menschen und auch der Orcas», hieß es dazu am Donnerstag. Tierschützer und Behörden befürchten nämlich, dass es zu Gegenangriffen von Bootscrews kommt.

Das untypische Verhalten gibt Wissenschaftlern derweil Rätsel auf. Sie alle betonen, dass die Orcas gesellige Tiere seien, die wahrscheinlich «nur spielen» wollten. Wieso es aber plötzlich zu so vielen Zwischenfällen kommt, bei denen Schiffe und Boote so hart gerammt werden, bis sie oft das Ruder verlieren und nicht mehr manövrierfähig sind - dafür haben die Experten keine Erklärung.

Der spanische Seerettungsdienst und das Rote Kreuz mussten mehrfach ausrücken, um die Opfer zurück an Land zu schleppen. Die «Beautiful Dreamer» etwa, die von Teneriffa nach Southampton unterwegs war. «Wir wurden mindestens 15 Mal gerammt, unser Boot hat sich mehrfach gedreht», erzählte Kapitän Justin Crowther spanischen Medien.

«Die einzige klare Antwort, die wir geben können, ist, dass wir keinen blassen Schimmer haben, was da gerade vor sich geht», räumte Juan Antonio Romero von der Stiftung Fundación Oceanográfic im Interview des Online-Wissenschaftsmagazins «Hipertextual» unumwunden ein. Der Meeresbiologe, der Orcas studiert und mit diesen mehrfach unbehelligt getaucht ist, meint, es habe praktisch nie Angriffe von Orcas auf Menschen gegeben. «Weder im noch außerhalb des Wassers».

Auch Fachfrau Elvira García vom spanischen Ministerium für den Ökologischen Übergang sprach dieser Tage von «sehr ungewöhnlichen» Zwischenfällen. Die Internationale Walfangkommission habe Madrid auf Anfrage bestätigt, dass es keine Informationen über ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit gebe. Spaniens Regierung kündigte Ermittlungen an und schickte bereits erste Erkundungsflugzeuge los.

Inmitten der Sorgen und des Rätselratens meldete sich der Fachmann Víctor Hernández mit einer ungewöhnlichen Theorie zu Wort. Er sagte, die Orcas seien auf einer Art «Rachefeldzug». Eine von Orcabulle «Pingu» angeführte Gruppe von bis zu dreizehn Tieren attackiere Schiffe, weil sie Vergeltung für einen Angriff im Juli an der Straße von Gibraltar übe, bei dem zwei Weibchen unter anderem durch Harpunenschüsse verletzt worden seien. «Fischer und die Besatzung von Walbeobachtungsschiffen, die die Tiere sehr gut kennen, haben die verletzten Orcas gesehen und mir davon erzählt», sagte der Forscher, Umweltschützer und mehrfach ausgezeichnete Buchautor der Deutschen Presse-Agentur.

Er glaube nicht, dass es nun zu einem Teufelskreis von gegenseitigen Angriffen kommt.» Man müsse dazu aber «jede Panikmache verhindern», die Orcas als gefährliche Tiere hinstelle. Die Gruppe um «Pingu» werde die Angriffe mit den Harpunen irgendwann vergessen und sich wieder «normal» verhalten.

Die auf Meeressäuger spezialisierte Biologin María del Carmen Rodríguez hat eine andere Vermutung. Ihrer Ansicht nach könnte das ungewöhnliche Verhalten der Tiere eine Folge der Corona-Pandemie sein. Dem spanischen Radiosender Cope sagte sie: «Die Tiere hatten sich vielleicht an die Ruhe gewöhnt, die der monatelange Lockdown bei uns auch den Meeren gebracht hatte. Als es im Sommer dann plötzlich wegen des wieder zunehmenden Schiffsverkehrs wieder deutlicher lauter wurde, hat der Lärm die Tiere vielleicht gestresst und aufgebracht. Das könnte die Erklärung für diese ungewöhnliche Aggressivität sein, denn das Verhalten der vergangenen Wochen ist sehr rätselhaft.»

Veröffentlicht am:
04. 10. 2020
09:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Biologen Deutsche Presseagentur Die Internationale Kapitäne Meere Meeresküsten Regierungen und Regierungseinrichtungen Rotes Kreuz Schiffe Tiere und Tierwelt Tierschützer Verkehrsministerien Wasserverkehr
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Wale gestrandet

22.09.2020

Australien: Bisher 25 der 270 gestrandeten Grindwale befreit

Vor der australischen Insel Tasmanien sind am Montag rund 270 Grindwale gestrandet. Die Rettungsmaßnahmen laufen auf Hochtouren, doch für viele Tiere kommt jede Hilfe zu spät. Etwa ein Drittel ist inzwischen verendet. » mehr

Iranischer Öltanker

11.10.2019

Teheran: Raketen treffen iranischen Öltanker im Roten Meer

Zwischenfälle mit Tankern hatten in diesem Jahr den Konflikt zwischen dem Iran und mehreren westlichen Staaten angeheizt. Nun meldet Teheran eine Explosion auf einem Öltanker vor der Küste Saudi-Arabiens. Die Details daz... » mehr

Ölkatastrophe vor Mauritius

10.08.2020

Öldesaster auf Mauritius: Behörden im Wettlauf mit der Zeit

Es ist ein Kampf gegen Zeit und Meer. Nach dem Frachterunglück vor Mauritius wird so viel Treibstoff wie möglich abgepumpt. Doch schon jetzt ist klar: Das Urlaubsparadies wird Jahre brauchen, sich davon zu erholen. » mehr

MV Artania

18.04.2020

Schiff «Artania» auf dem Weg nach Deutschland

Zurück nach Hause: Mit rund 400 Menschen an Bord bricht das Kreuzfahrschiff «Artania» nach Deutschland auf. Zwei Wochen Corona-Quarantäne in Australien gehen damit zu Ende. » mehr

Informationsveranstaltung

01.05.2020

Erdogans Prestigeprojekt: Machtkampf um den «Kanal Istanbul»

Der neue Kanal durch Istanbul ist ein Prestigeprojekt des türkischen Präsidenten Erdogan. Trotz der Corona-Pandemie treibt die Regierung die Pläne voran. Doch der oppositionelle Bürgermeister warnt vor einem «Desaster» f... » mehr

Überfülltes Holzboot vor der Küste Libyens

10.03.2020

Seenotrettung vor Libyen: Kapitäne in rechtlicher Grauzone

Abgeschreckt von brutalen Erpressern und Bürgerkriegs-Chaos in Libyen versuchen inzwischen auch mehr Afrikaner, über die Türkei in die EU zu gelangen. Wer als Kapitän vor Libyens Küste Schiffbrüchige aufnimmt, steht vor ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Verkehrsbehinderungen A73 Suhl A 73/Suhl

Verunreinigung A73 | 26.11.2020 A 73/Suhl
» 3 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Hildburghausen 26.11.20 1 Hildburghausen

Unfall Hildburghausen | 26.11.2020 Hildburghausen
» 4 Bilder ansehen

Demo Corona HBN Hildburghausen

Anti-Corona-Demo Hildburghausen | 25.11.2020 Hildburghausen
» 23 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
04. 10. 2020
09:56 Uhr



^