Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Brennpunkte

Millionen mit Nebenjobs - Neuer Rekord in Deutschland

Noch nie gingen so viele Menschen in Deutschland mehreren Jobs gleichzeitig nach wie heute. Bei den meisten spielt das Geld die entscheidende Rolle. Doch es gibt auch andere Motive.



Minijob
Geringfügig Beschäftigte gesucht: Eine Stellenanzeige für einen Minijob auf 400 Euro Basis klebt im Schaufenster eines Textilgeschäfts.   Foto: Stefan Sauer/zb/dpa

Schwindende Tarifverträge, finanzielle Schwierigkeiten und besondere Konsumwünsche: Die Zahl der Menschen mit Nebenjob in Deutschland ist auf einen neuen Rekord gestiegen.

Ende Juni 2019 waren rund 3,54 Millionen Mehrfachbeschäftigte registriert, wie aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht. Mit fast drei Millionen Menschen haben die meisten davon neben einem regulären Job noch einen Minijob. Die Daten liegen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor. Die «Neue Osnabrücker Zeitung» (Dienstag) berichtete zuerst darüber.

Im Juni 2018 hatten noch rund 124 000 Menschen weniger einen Nebenjob. Der Anstieg beträgt 3,6 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es erst 2,33 Millionen Mehrfachbeschäftigte. Ihr Anteil an den Beschäftigten insgesamt stieg von damals 7,1 auf 9,2 Prozent. 2003 gingen erst 1,39 Millionen Menschen mehreren Jobs nach. Damals waren geringfügige Beschäftigungen im Zuge der Hartz-Reformen von Sozialversicherungspflicht und Einkommensteuer freigestellt worden.

Mehr als 345 400 Menschen gingen im vergangenen Jahr zwei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen nach. Dritthäufigste Variante war die Kombination von zwei oder mehr Minijobs. Dies galt für knapp 260 700 Fälle.

REAKTIONEN:

«Der überwiegende Teil dürfte aus purer finanzieller Not mehr als einen Job haben und nicht freiwillig», kritisierte die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mahnte, nicht jede Form von Nebenbeschäftigung zu skandalisieren. «Aber es gibt Bereiche, da muss uns das mit Sorge umtreiben», sagte Heil bei der Vorstellung eines neuen «Rats der Arbeitswelt». «Tatsache ist: Wir haben nach wie vor in Deutschland einen sehr festen Sockel von Niedriglöhnen, und darüber müssen wir reden.» Insgesamt arbeiteten laut Bundesagentur für Arbeit zuletzt 4,14 Millionen Menschen im unteren Lohnbereich, also landeten unter zwei Drittel des mittleren Einkommens, also weniger als 2203 Euro.

MOTIVATION:

Laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie des Instituts WSI der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stifgung sind für 53 Prozent der Befragten finanzielle Schwierigkeiten ausschlaggebend gewesen, eine Nebentätigkeit aufzunehmen. 24 Prozent konnten keine Vollzeitstelle finden. Für 51 Prozent war die Erfüllung von besonderen Konsumwünschen entscheidend. Für 58 Prozent ist die Zusammenarbeit und Kommunikation mit anderen Menschen entscheidend gewesen. Knapp die Hälfte der Befragten hat eine Nebentätigkeit aufgenommen, um anderen Menschen helfen zu können. Weitere Motive: die Verwirklichung einer Leidenschaft und die Erweiterung beruflicher Perspektiven. Bei der Befragung waren mehrere Antworten möglich.

WEITERE HINTERGRÜNDE:

Auch eine Studie, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schon 2017 vorgelegt hatte, deutet darauf hin, dass viele Nebenjobber auf das Geld angewiesen sind. Demnach bekommen Nebenjobber in ihrer Hauptbeschäftigung im Schnitt etwa 570 Euro im Monat weniger als Menschen mit nur einem Job. Bei der Kombination einer sozialversicherungspflichtigen Stelle mit einem Minijob sind 28,5 Prozent der Zweitjobs in allgemeinen Dienstleistungsberufen.

ABHILFE:

Zimmermann forderte die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro, die Abschaffung von Niedriglohnbeschäftigung in Form der Leiharbeit und von sachgrundlosen Befristungen. Minijobs müssten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführt werden. Heil wies darauf hin, dass Niedriglöhne auch daraus resultierten, dass immer weniger Arbeitsplätze an Tarifverträge gebunden seien. Im Jahr 2018 waren laut DGB zufolge nur noch 56 Prozent der Beschäftigten im Westen und 45 Prozent im Osten tarifgebunden.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 01. 2020
17:26 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitsminister Arbeitsstellen Bundesagentur für Arbeit Deutsche Presseagentur Deutscher Bundestag Einkommensteuer Finanznöte Geringfügige Beschäftigung Hubertus Heil Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Leiharbeit Löhne und Einkommen Mindestlohn Niedriglohnbereich SPD Sabine Zimmermann
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Kassiererin

12.07.2020

Eben noch Helden des Alltags, jetzt Hartz-IV-Aufstocker

Niedrige Verdienste gibt es in vielen Wirtschaftsbereichen. Reicht es nicht zum Lebensunterhalt, kann man noch zusätzliche Unterstützung vom Staat erhalten. Wo ist solches «Aufstocken» stark verbreitet? » mehr

«Selber Chef sein»

27.01.2020

Selbstständig und angestellt: Hunderttausende machen beides

Firmen lagern Bereiche aus, Kunden vertrauen auf Plattformdienste für Lieferungen oder Reinigung: Auch deshalb ist die Zahl der Selbstständigen in Deutschland stark gestiegen. Vielen reicht ein Job allein nicht aus. » mehr

Grünen-Chef Habeck

17.05.2020

Kritik an Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen

Massenunterkünfte und niedrigste Löhne: Die unfaire Behandlung osteuropäischer Arbeitskräfte in deutschen Schlachthöfen wird in der Corona-Krise zum Gesundheitsrisiko für alle. Arbeitsminister Heil hat ein Durchgreifen a... » mehr

Angela Merkel

22.04.2020

Koalition bespricht neue Krisenhilfen

Die Corona-Krise ist alles andere als eine Koalitions-Krise: Selten haben CDU, CSU und SPD so gut zusammengearbeitet, wie es jetzt scheint. Beim Spitzentreffen in Berlin gibt es trotzdem einiges zu diskutieren. » mehr

Beruflicher Abschluss

23.01.2020

Immer mehr Menschen ohne Abschluss mit Niedriglohn

Viele Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte. Doch auf der anderen Seite ist die Zahl der Menschen ohne Abschluss stark gestiegen - mit negativen Folgen für die Betroffenen. » mehr

Hubertus Heil

22.01.2020

Zweifel an pünktlichem Start der Grundrente 2021

Können Menschen mit Minirenten wie geplant 2021 auf die neue Grundrente hoffen? Noch ist das nicht klar. Nicht nur die Union hat viel an den Plänen von Arbeitsminister Heil auszusetzen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall Motorrad Waffenrod Waffenrod

Motorradunfall Waffenrod | 13.07.2020 Waffenrod
» 6 Bilder ansehen

Bad Salzungen

Gesuchte Männer | 13.07.2020 Bad Salzungen
» 5 Bilder ansehen

city skyliner weimar Weimar

City Skyliner in Weimar | 12.07.2020 Weimar
» 12 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 01. 2020
17:26 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.