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Mehrheit für Pflichtbesuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten

Wird die Erinnerung an den Holocaust verblassen, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind? 75 Jahre nach der Befreiung des KZs Auschwitz mehren sich die Forderungen gegenzusteuern - gerade vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus.



Auschwitz
Allein im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um.   Foto: Kay Nietfeld/dpa

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen ist dafür, alle Schüler zum Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers zu verpflichten.

In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sprachen sich 56 Prozent für solche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten mindestens einmal während der Schulzeit aus. Nur 34 Prozent sind dagegen. 10 Prozent machten keine Angaben.

Zwar finden 24 Prozent der Deutschen, das Gedenken an den Holocaust müsse generell verstärkt werden. Mindestens jeder Fünfte (22 Prozent) meint allerdings, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle. 45 Prozent finden es so, wie es jetzt ist, genau richtig. Unter den AfD-Wählern sind diejenigen, denen das Gedenken zu viel ist, mit 56 Prozent sogar in der Mehrheit.

An diesem Montag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Allein in diesem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten wurden mehr als eine Million Menschen umgebracht. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung.

Zum Jahrestag riefen Politiker aus Regierung und Opposition dazu auf, wachsendem Antisemitismus stärker entgegenzutreten. Außenminister Heiko Maas (SPD) warnte sogar vor einer Auswanderungswelle von Juden aus Deutschland. «Wir müssen dringend gegensteuern, damit aus solchen Gedanken nicht bittere Realität wird und es zum massiven Wegzug von Jüdinnen und Juden aus Deutschland kommt», schrieb der SPD-Politiker in einem Gastbeitrag für den «Spiegel». «Dass sich Menschen jüdischen Glaubens bei uns nicht mehr zu Hause fühlen, ist ein einziger Alptraum - und eine Schande, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.» Maas forderte, jüdische Einrichtungen in ganz Europa besser zu schützen und die Leugnung des Holocaust in der ganzen EU unter Strafe zu stellen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wünscht sich ein sichtbares Zeichen gegen Judenfeindlichkeit in Deutschland. «Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass an einem bestimmten Tag Menschen in Deutschland als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern einen Davidstern tragen, um auf Ausgrenzung und Antisemitismus aufmerksam zu machen», sagte die CDU-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

In der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau kommen am Montag 200 Überlebende und Delegationen aus 50 Ländern zusammen, um der Befreiung des Konzentrationslagers zu gedenken. Zu den Gästen zählen Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Der YouGov-Umfrage zufolge hat nur jeder fünfte Deutsche (21 Prozent) die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau schon einmal besucht. Nur 55 Prozent der Befragten waren überhaupt schon einmal in einer der vielen KZ-Gedenkstätten in Deutschland oder im Ausland. Interessant dabei: Je älter die Befragten, desto geringer ist der Anteil derjenigen, die eine der KZ-Gedenkstätten besichtigt haben. Von den 18- bis 24-jährigen sind es 67 Prozent, von den über 55-Jährigen nur 49 Prozent.

Vor allem die jungen Erwachsenen, die die Schulzeit noch nicht lange hinter sich haben, wünschen sich vor diesem Hintergrund Pflichtbesuche von Schülern in ehemaligen Konzentrationslagern. Von den 18- bis 24-Jährigen sind fast zwei Drittel (64 Prozent) dafür. YouGov befragte nur Personen über 18 Jahren.

Der Zentralrat der Juden hatte sich erstmals vor fünf Jahren für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten ausgesprochen. Danach hatte es immer wieder entsprechende Forderungen auch von Politikern unterschiedlicher Parteien gegeben. Im vergangenen Sommer plädierte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einer Israel-Reise dafür. «Ich bin davon überzeugt, dass der Besuch einer Gedenkstätte auf jedem Lehrplan stehen und sich jeder zumindest einmal in seinem Leben damit auseinandersetzen muss», sagte sie damals der «Bild»-Zeitung.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sprach sich gegenüber der dpa zwar ebenfalls dafür aus, dass alle Schüler mindestens einmal ein ehemaliges Konzentrationslager oder eine andere NS-Gedenkstätte besuchen sollten. Die CDU-Politikerin äußerte sich aber nicht zur Frage, ob ein solcher Besuch für Schüler verpflichtend sein sollte.

Die Länder handhaben das sehr unterschiedlich. Bayern hatte als erstes Land den Besuch einer NS-Gedenkstätte in den Lehrplänen von Gymnasien und später auch von Realschulen fest verankert. In anderen Bundesländern ist zwar der Besuch an einem oder mehreren Gedenkorten obligatorisch. Es muss sich dabei aber nicht um Orte aus der NS-Zeit handeln. Viele Schulen unternehmen die Fahrten allerdings freiwillig, in manchen Lehrplänen werden sie auch empfohlen.

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dpa

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Veröffentlicht am:
26. 01. 2020
16:56 Uhr

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26. 01. 2020
16:56 Uhr



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