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Lebensverhältnisse in deutschen Regionen bleiben ungleich

Wer in einer abgehängten Region lebt, wählt AfD? So einfach ist die Rechnung nicht. Statistiker haben Deutschland in prosperierende und schwächelnde Regionen eingeteilt - und kommen zu manch überraschendem Ergebnis.



Armut in Duisburg
Leerstehendes Haus in Duisburg: Hunderttausende haben in den vergangenen Jahrzehnten den sterbenden Industriestandort Ruhrgebiet verlassen.   Foto: Ina Fassbender » zu den Bildern

Deutschland ist nach einer neuen Studie weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen in seinen verschiedenen Regionen entfernt.

Das geht aus dem «Teilhabeatlas Deutschland» des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Wie gut Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben könnten, hänge zu einem guten Teil von ihrem Wohnort ab, sagte Direktor Reiner Klingholz. Die Frage sei, wie Politik auf diese Unterschiede reagieren wolle. «Es geht darum, ob sie die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen als Ziel hinterfragen muss.»

Die «Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet» ist in Artikel 72 des Grundgesetzes erwähnt. Eine Kommission aus Bundesministerien und Ländern habe sich bisher jedoch nicht darauf einigen können, was unter Gleichwertigkeit zu verstehen sei, betonte Klingholz. Deshalb wolle der Teilhabeatlas die Realität abbilden.

Für ihre Analyse haben die Autoren Teilhabe anhand von Kriterien wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Zahl der Schulabbrecher, der kommunalen Steuerkraft, der Verfügbarkeit schnellen Internets oder der Infrastruktur samt Schulen, Ärzten und Nahverkehr gemessen. Im Ergebnis verteilen sich auf die Bundesrepublik jeweils drei große städtische und ländliche Gruppen - von reich bis abgehängt .

Besonders gut sind Teilhabechancen demnach in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen. Besonders schlecht stehen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall viele ostdeutsche Regionen da - aufstrebende Städte wie Dresden, Jena oder Potsdam ausgenommen.

Ihr Schicksal teilen schwächelnde Regionen im Osten inzwischen mit vielen Ruhrgebietsstädten und Teilen von Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Niedersachsen und Schleswig Holstein. Und auch die Hauptstadt Berlin gehört mit ihren Daten zu den Schlusslichtern der Republik.

Für eines der größten Probleme hält Klingholz die Bildungsdefizite, die sich vor allem in Regionen zeigen, aus denen bereits viele qualifizierte Menschen abgewandert sind. Oft verlasse mehr als jeder zehnte dort die Schule ohne Abschluss. «Da wird sozial vererbt, dass Bildungserfolge gering sind», sagte Klingholz.

Die Wahlergebnisse rechtspopulistischer Parteien stimmen nach der Analyse aber nicht immer mit schwächelnden Regionen überein. So konnte die AfD laut Studie bei der Bundestagswahl 2017 im prosperierenden Süden deutlich bessere Ergebnisse einfahren als in den benachteiligten Regionen im Westen und Nordwesten. Und die Partei wurde im Osten auch in Städten wie Dresden gewählt, das laut Studie bundesweit durchschnittliche Teilhabechancen bietet.

Gefragt haben die Autoren in rund 300 Interviews mit Bürgermeisten, Wirtschaftsverbänden, Schulen oder Vereinen auch nach dem Lebensgefühl in 15 Regionen in Ost und West. Diese Ergebnisse werfen Schlaglichter, sind aber nicht repräsentativ. Danach korrespondiert der Wohlfühl-Faktor längst nicht immer mit den statistischen Daten.

Selbst in prosperierenden Städten seien die Menschen nicht durchweg zufrieden, sagte Autor Manuel Slupina. Es gab etwa Klagen über zu hohe Mieten und Unterverständnis über fehlende Schul- und Kitaplätze. «Das lag aber auch daran, dass sich Erzieherinnen mit ihren Gehältern diese Städte nicht leisten konnten», ergänzte Slupina. Außerdem wurde über lange Staus sowie überfüllte Busse und Bahnen geklagt.

Auf dem Land fühlten sich Menschen vor allem dann abgehängt, wenn Schulen und Kliniken schlossen, Läden leer standen und es Internet nur im Schneckentempo gab. «Dieses Gefühl machte sich auch breit, wenn eine Region insgesamt eine gute Entwicklung nimmt», so Slupina.

Umgekehrt gab es Optimismus in Regionen, die keine guten Daten hatten, aber einen Aufwärtstrend spürten - zum Beispiel in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns. Städte wie Berlin und Leipzig haben trotz ihrer schlechten Daten Zuzug. Doch in Regionen, die sich seit Jahrzehnten in der Abwärtsspirale befinden und in denen mit Abwanderung immer mehr Infrastruktur verloren ging, war die Stimmung häufig dementsprechend mies. «Hier leben die Alten und die Doofen», bekamen die Autoren dann zum Beispiel zu hören.

Im Fazit führten ungleichwertige Lebensverhältnisse aber nicht unbedingt zur Frustration, so Klingholz. Viele Menschen wüssten um die Realitäten und arrangierten sich, weil sie ihre Heimat schätzten. Er schlug der Politik vor, diese Vielfalt als Fakt zu akzeptieren und Konzepte für schrumpfende Regionen zu entwickeln. Dazu gehöre auch mehr Entscheidungs- und Finanzautonomie für Kommunen. Denn: «Eine Kommune weiß am besten, ob ihre Grundschule bleiben soll.»

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dpa

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22. 08. 2019
17:05 Uhr

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