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Lage auf «Open Arms» eskaliert: Migranten springen ins Meer

Der Kapitän der «Open Arms» hatte vor einer tickenden Zeitbombe gewarnt - nun haben erste Migranten auf dem Schiff die Nerven verloren. Nach zweieinhalb Wochen auf See sprangen sie ins Meer, um Land zu erreichen.



«Open Arms»
Aus dem Meer gerettete Migranten auf dem Deck des Rettungsschiffes «Open Arms».   Foto: Friedrich Bungert/SeaWatch

Die dramatische Lage auf dem spanischen Rettungsschiff «Open Arms» ist nach zweieinhalb Wochen auf hoher See eskaliert. Verzweifelte Migranten sprangen am Sonntag ins Meer - offenbar um zu versuchen, die nahe gelegene italienische Insel Lampedusa schwimmend zu erreichen.

Spanien hatte zuvor der «Open Arms» offiziell Algeciras in Andalusien als sicheren Hafen angeboten. Jedoch würde die rund 1800 Kilometer lange Fahrt erneut mehrere Tage auf hoher See für die mehr als 100 erschöpften Migranten bedeuten.

«Ich habe veranlasst, dass der Hafen von Algeciras für den Empfang der #OpenArms aktiviert wird», twitterte der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez. Die Option, nach Spanien zu fahren, sei «höchst unwahrscheinlich», sagte ein Sprecher der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms der Deutschen Presse-Agentur. Die Migranten, die sich in die Fluten stürzten, reagierten offenbar auf die Nachrichten aus Spanien.

Auf einem auf Twitter veröffentlichten Video war zu sehen, wie Helfer versuchten, die Migranten aufzuhalten. Sie brachten sie schließlich wieder zurück auf das Schiff. «Wir haben seit Tagen davor gewarnt, die Verzweiflung hat Grenzen», schrieb Proactiva-Gründer Oscar Camps.

Das spanische Fernsehen zeigte Bilder von Menschen an Bord, die Weinkrämpfe erlitten, andere reagierten wütend. Die Crew versuchte, die Menschen zu beruhigen. «Jetzt wollen sie, dass wir 950 Meilen fahren, weitere fünf Tage (...), zum am weitesten entfernten Hafen im Mittelmeer, mit einer untragbaren Situation an Bord?», fragte Camps. Die «Open Arms» müsste von ihrer Position aus noch einmal die gesamte nordafrikanische Küste entlang fahren, um Südspanien zu erreichen.

Die Regierung in Madrid kritisierte den italienischen Innenminister Matteo Salvini wegen dessen unerbittlicher Haltung scharf und sprach in einer Mitteilung von einer «unfassbaren Reaktion» des rechten Politikers. Salvini entgegnete auf Twitter: «Wer hart bleibt, gewinnt.»

Obwohl ein Verwaltungsgericht in Rom dem Schiff die Einfahrt in die Territorialgewässer Italiens erlaubt hatte und es seit Donnerstag nur wenige Hundert Meter vor Lampedusa liegt, dürfen 107 Migranten weiterhin nicht von Bord. Salvini hatte am Samstag aber nach wochenlangem Tauziehen 27 unbegleiteten Jugendlichen erlaubt, das Schiff zu verlassen und an Land zu kommen. «Gegen meinen Willen», wie der Politiker mitteilte - und auch nur, weil Ministerpräsident Giuseppe Conte ihn zu dem Schritt aufgefordert habe.

Unter dem Applaus der Crew und der Migranten waren die Minderjährigen von der Küstenwache abgeholt worden. Jedoch wurden die verbleibenden Passagiere anschließend offenbar wieder von Verzweiflung und Resignation übermannt. Einige Migranten hatten Augenzeugen zufolge schon seit Tagen damit gedroht, Selbstmord zu begehen oder über Bord zu springen.

«Elend sind all diejenigen, die 107 "namenlose" menschliche Wesen und eine Handvoll Freiwilliger als Geiseln benutzen, um auf ihre Kosten fremdenfeindliche und rassistische Propaganda zu betreiben», twitterte Proactiva. Kapitän Marc Reig hatte schon mehrmals vor einer gefährlichen Eskalation gewarnt. «Jede Sekunde, die vergeht, rückt die Explosion dieser Bombe näher. Entweder jemand schneidet jetzt das rote Kabel durch und deaktiviert sie, oder die "Open Arms" wird explodieren», sagte er.

Die Menschen harren zum Teil seit 17 Tagen auf engstem Raum aus. Seit die «Open Arms» in unmittelbarer Nähe von Lampedusa liegt, ist der psychologische Druck noch größer: Die Menschen haben Land in Sicht, das sie aber nicht betreten dürfen. «Die Menschen verlieren die Geduld», sagte eine spanische Fernsehreporterin an Bord.

Spaniens sozialistische Vize-Ministerpräsidentin Carmen Calvo bezeichnete das unnachgiebige Verhalten Italiens als «unbegreiflich» und kritisierte: «Wir erleben hier das, was die Rechte und Ultrarechte in Europa macht.» Deren Verhalten sei immer besorgniserregender.

Frankreich sagte am Sonntag zu, 40 der Migranten aufzunehmen. Allerdings müssten es Flüchtlinge sein oder Menschen, die «internationalen Schutz» benötigen, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf das Innenministerium. Sechs EU-Länder, darunter Deutschland und Spanien, hatten sich zuletzt bereits bereit erklärt, Migranten zu übernehmen. Dennoch darf die «Open Arms» bislang nicht in Italien anlanden.

In ihrer zweieinhalbwöchigen Irrfahrt hatte die «Open Arms» zeitweise fast 160 Migranten an Bord. Jedoch waren einige gesundheitlich so angeschlagen, dass sie in den vergangenen Tagen nach Malta und Italien gebracht wurden.

Südlich von Sizilien wartete auch das Rettungsschiff «Ocean Viking» mit 356 Migranten auf die Erlaubnis, in einen sicheren Hafen fahren zu können. Die Organisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen (MSF) hatten die Menschen in mehreren Einsätzen in Sicherheit gebracht. MSF twitterte zuletzt: «Wir wissen, was diese im Meer geretteten Menschen durchgemacht haben. Wir kennen den Horror in Libyen, vor dem diese Menschen fliehen.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
18. 08. 2019
21:14 Uhr

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