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Holocaust-Überlebender warnt im Bundestag vor Nationalismus

Millionen Menschen haben die deutschen Nationalsozialisten getötet. Vor dem Bundestag erinnert der israelische Historiker Friedländer an sie - und an seine Eltern, die in Auschwitz ermordet wurden.



Saul Friedländer
Der Historiker Saul Friedländer spricht beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.   Foto: Kay Nietfeld

Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer hat vor weltweit aufkeimenden autoritären Tendenzen gewarnt.

«Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird», sagte der 86-jährige israelische Historiker in Berlin vor dem Bundestag. Deutschland, das sich seit dem Krieg gewandelt habe, müsse sich dem entgegenstellen, forderte Friedländer anlässlich einer Gedenkstunde zur Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

Friedländer warnte vor Judenhass und «alten und neuen Verschwörungstheorien», die vor allem bei Rechtsradikalen populär seien. Linke hingegen versteckten ihren Vorbehalte hinter überzogener Kritik am Staat Israel. «Selbstverständlich ist es legitim, die israelische Regierung zu kritisieren», sagte Friedländer. «Aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd und enthalten den Beigeschmack eines notdürftig verhüllten Antisemitismus.»

Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) mahnte zur Wachsamkeit: «Es beschämt uns, dass Juden wieder mit dem Gedanken spielen auszuwandern, weil sie sich in unserem Land nicht sicher fühlen», sagte er. «Aber Scham allein reicht nicht.» Die Menschen müssten Diskriminierungen auch im Alltag entgegentreten. Ausdrücklich erinnerte Schäuble daran, dass auch 1,5 Millionen Kinder damals getötet wurden. Jedes vierte Opfer des «nationalsozialistischen Rassenwahns» sei ein Kind gewesen, von den Eltern getrennt, manchmal noch für medizinische Experimente gequält. «Sie hatten die geringsten Chancen zu entkommen.»

Friedländer entkam, und aus dem hoch geehrten, schlohweißen Historiker spricht auch heute noch die Qual des Jungen, der er vor mehr als sieben Jahrzehnten war. Seine Eltern, die aus Tschechien nach Frankreich geflohen waren, brachten ihn dort in einem katholischen Internat unter. Als er ausriss, schickten sie ihn zurück. «Was ging wohl in ihnen vor als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde? Es war unsere letzte Begegnung.»

Das Kind mitzunehmen auf ihrer Flucht in die Schweiz im September 1942 schien Vater und Mutter zu gefährlich. Die Schweizer Grenzpolizei verhaftete sie - und schickte die Eltern zurück nach Frankreich, von wo sie nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hätten die Schweizer Paare mit kleinen Kindern aufgenommen, berichtet Friedländer. «Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen. In jenen Tagen waren für Juden rationale Entscheidungen sinnlos.»

Friedländer, dessen Rede mehrfach von Applaus unterbrochen wurde, schloss mit einer Erinnerung an den Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi. Auf die Frage nach seinen Beweggründen habe von Dohnanyi, der verhaftet und noch kurz vor Kriegsende von den Nazis getötet wurde, gesagt: «Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
01. 02. 2019
06:45 Uhr

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