Lade Login-Box.
Corona Newsletter
Topthemen: Coronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFreies Wort hilftFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Fehler bei Missbrauchs-Ermittlung: Polizeichef greift durch

Von gravierenden Fehlern spricht der Polizeichef. Er entschuldigt sich bei allen Opfern des «Verbrechens von Lügde». Auch der Innenminister äußert sich zu den verschwundenen Beweismitteln - er hält einen Untersuchungsausschuss für überflüssig.



Pressekonferenz
Axel Lehmann, Landrat des Kreises Lippe, am Freitag bei einer Pressekonferenz in Detmold.   Foto: Friso Gentsch

Der Skandal um verschwundene Beweismittel für einen massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde könnte weitere Konsequenzen haben.

«Sollten weitere organisatorische oder personelle Maßnahmen nötig sein, werde ich nicht zögern, diese ebenfalls zu ergreifen», erklärte der zuständige Polizeichef und Landrat Axel Lehmann (SPD) am Freitag in Detmold. Zugleich bezweifelte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) den Sinn eines Untersuchungsausschusses zu den Behördenpannen.

Es sei unbestritten, dass gravierende Fehler gemacht worden seien, sagte Landrat Lehmann, der gleichzeitig die Kreispolizeibehörde Lippe leitet. Welche Fehler das im Einzelnen sind, werde in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt rückhaltlos aufgeklärt. «Bis dahin verbieten sich Schnellschüsse», sagte Lehmann am Freitag in Detmold.

Auf dem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen sollen über Jahre mindestens 31 Kinder im Alter zwischen 4 und 13 Jahren missbraucht und gefilmt worden sein. Drei Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Der Fall ist mittlerweile auch zu einem Polizeiskandal geworden, weil sich herausstellte, dass Beweismittel verschwanden. Die AfD hatte am Freitag mit einem Untersuchungsausschuss gedroht, den sie alleine aber nicht durchsetzen kann.

Innenminister Reul sagte dazu im ZDF: «Wissen Sie, mich interessiert doch nicht, dass da jetzt Gremien rumtagen, jahrelang am besten, sondern wir brauchen jetzt ganz schnell die Aufklärung, so weit wie möglich.» Es gehe nun unter anderem darum, die Straftäter schnell vor Gericht zu bringen. «Und ich will wissen, was in dieser Polizei falsch gelaufen ist», sagte Reul am Freitag. Er halte nichts von Untersuchungsausschüssen - auch wenn das jeder selbst wissen müsse. Es sei auch Angelegenheit der Parlamente.

«Die eklatanten Fehlleistungen, die es bei der Polizei in Lippe gegeben hat, machen auch mich fassungslos und sie durften auf keinen Fall geschehen», sagte Landrat Lehmann. «Hierfür entschuldige ich mich ausdrücklich bei allen Betroffenen des Verbrechens von Lügde.»

Der Sonderermittler, der das Verschwinden von 155 Datenträgern in der Kreispolizeibehörde seit einigen Tagen untersucht, habe einen ersten Bericht vorgelegt, erklärte Lehmann. Auf dieser Basis und wegen eines inakzeptablen Informationsflusses zur Behördenleitung sei der Leiter der Direktion Kriminalität von seiner Aufgabe entbunden worden. Auch bei den Arbeitsabläufen gebe es erste Veränderungen. «So ist der Kreis der Zugangsberechtigten zu den Asservaten- und Sichtungsräumen deutlich reduziert worden», erklärte der Landrat. Ohnehin sei schon seit November 2018 eine Arbeitsgruppe aktiv, um die Prozesse und Strukturen in der Direktion Kriminalität zu verbessern.

Nach erster Einschätzung von Reul dürften die Pannen der kompletten Aufarbeitung des Falls nicht im Weg stehen. «Ich glaube wir haben da genug Material, um die Straftäter wirklich auch ordentlich vor Gericht zu bringen», sagte der CDU-Politiker. Auch Lehmann sieht keine Gefahr, dass der Verlust der CDs eine Verurteilung der Täter vereiteln könnte. Insgesamt lägen rund 15 Terabyte Daten vor. Davon seien maximal 0,7 Terabyte nicht mehr verfügbar. Diese Information sei wichtig, solle aber nicht den Verlust der Datenträger beschönigen. «Dieser ist und bleibt unverzeihlich.»

Die Staatsanwaltschaft Detmold geht davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar seien. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen. Die verschwundenen Datenträger waren am 20. Dezember vergangenen Jahres zuletzt gesehen worden. Am 30. Januar wurde ihr Verschwinden bemerkt. Gewerkschaften wiesen auch auf einen Personalmangel bei der Polizei hin. Nach Angaben von Landrat Lehmann hat der Kreis Lippe die niedrigste Polizeidichte in ganz NRW.

Im Fall von Lügde sitzen Verdächtige aus NRW und Niedersachsen im Alter von 56, 33 und 48 Jahren wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 Opfer identifiziert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Polizeibeamte und Mitarbeiter in Jugendämtern in Lippe und Hameln. Dabei geht es um die Frage, ob sie Hinweise missachtet haben.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 02. 2019
13:50 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Beweismittel CDU Campingplätze Datenträger Fehler Herbert Reul Innenminister Landräte Polizei Polizeiaffären Polizeichefs SPD Untersuchungsausschüsse Verbrecher und Kriminelle ZDF
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Campingplatz in Lügde

22.02.2019

Verschwundene Beweismittel: Streit um die Verantwortung

Als wäre der eigentliche Fall des Missbrauchs Dutzender Kinder auf einem Campingplatz in Lügde nicht schon schlimm genug. Jetzt hat es Nordrhein-Westfalen auch noch mit einer Polizei-Affäre zu tun. Ein leitender Kriminal... » mehr

Missbrauchsfall Lügde

14.03.2019

Weitere Opfer im Missbrauchsfall Lügde

Die Arbeit der Ermittler rückt in dem spektakulären Missbrauchsfall weiter in den Fokus. Millionen Bilder und Zehntausende Videos werden ausgewertet. Und die Zahl der Opfer steigt immer noch. » mehr

Missbrauchsfall Lügde

21.02.2019

Beweismaterial im Missbrauchsfall Lügde verschwunden

Die Liste der Pannen bei den Ermittlungen im Missbrauchsfall Lügde wird immer länger. Erst jetzt wird bekannt, dass Beweismaterial aus der Polizeibehörde seit Wochen verschwunden ist. » mehr

BKA-Präsident

05.02.2020

Zahl der rechtsextremen Gefährder höher als bekannt

Wer mit der Taschenlampe ins Dunkel leuchtet, sieht immer nur einen kleinen Ausschnitt. In der rechtsextremen Szene soll nun der große Scheinwerfer angeschaltet werden. Manche fragen: Warum erst jetzt? » mehr

Lügde

27.02.2019

Spürhund findet Datenstick bei Durchsuchung auf Campingplatz

Jede Menge Beweismittel zu einem jahrelangen Kindesmissbrauch hatte die Polizei in Lügde schon vor Wochen sichergestellt. Einiges Material verschwand seither spurlos. Nun rücken erneut Fahnder auf dem Campingplatz an. » mehr

Herbert Reul

05.12.2019

NRW-Innenminister will höhere Strafen für Kindesmissbrauch

Der Skandal um jahrelangen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde hat Entsetzen ausgelöst. Der nordrhein-westfälische Innenminister will nun bundesweit eine härtere Gangart durchsetzen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sperrung vor Neustadt am Rennsteig Neustadt am Rennsteig

Sperrung Neustadt am Rennsteig | 23.03.2020 Neustadt am Rennsteig
» 4 Bilder ansehen

Brand in Katzhütte Katzhütte

Brand Katzhütte | 23.03.2020 Katzhütte
» 4 Bilder ansehen

inbound3887575027251749210

#Ichbleibdaheim |
» 8 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 02. 2019
13:50 Uhr



^