Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagtCoronavirus in ThüringenCorona-HilfsbörseFolgen Sie uns auf Instagram

Brennpunkte

Experten sehen hohes Verletzungsrisiko beim E-Scooterfahren

Lange wurde im Vorfeld über das Ob und Wie debattiert - nun rollen E-Scooter durch die Städte. Mediziner und Unfallforscher sehen das mit Sorge. Sie fragen: Sind wir gut genug vorbereitet?



E-Tretroller
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die bisherigen gesetzlichen Regelungen angepasst werden müssen.   Foto: Christoph Soeder

Schürfwunden, Knochenbrüche, Kopfverletzungen: Mediziner und Unfallexperten rechnen nach der Zulassung von Elektro-Tretrollern in vielen deutschen Städten mit einer Zunahme von Unfällen und teils erheblichen Verletzungen bei Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern.

Todesfälle sind aus anderen Ländern bereits bekannt. Aber wie gefährlich sind die kleinen Flitzer wirklich?

«Dass es massive Probleme geben wird zwischen E-Scooter-Fahrern und anderen Verkehrsteilnehmern, liegt auf der Hand. Die Frage ist nur: Wie schwerwiegend sind diese Probleme?», sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Solange keine Erfahrungen vorlägen, sei es schwierig, diese Frage zu beantworten.

«Wir wissen aus internationalen Studien und Daten, dass das Verletzungspotenzial beim E-Scooter-Fahren sehr hoch ist», sagt Christopher Spering von der Klinik für Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen. «Ich frage mich, ob wir gut genug darauf vorbereitet sind.»

Hinweise zum Verletzungsrisiko können etwa Studien aus den USA geben, wo Elektro-Tretroller schon länger zugelassen sind. Anfang des Jahres hatten Wissenschaftler etwa Daten aus Notfallambulanzen von zwei Kliniken in Südkalifornien ausgewertet: Demnach kamen in den beiden Kliniken innerhalb von einem Jahr 249 Patienten nach einem E-Scooter-Unfall in die Notaufnahme. Die meisten waren als Fahrer verunglückt. Die häufigsten Verletzungen waren Kopfverletzungen, gefolgt von Knochenbrüchen, Prellungen, Stauchungen und Platzwunden. 15 Patienten mussten stationär behandelt werden, zwei kamen mit schweren Kopfverletzungen auf die Intensivstation. «Diese Verletzungen werden wir auch haben», glaubt Brockmann.

Was E-Scooter im Vergleich etwa zum Fahrrad besonders mache, sei unter anderem die Position des Fahrers, erläutert Spering. Er stehe aufrecht auf einem kurzen Brett und habe nur einen kleinen Lenker zum Festhalten. Diese relativ wacklige Position des Fahrers sieht Spering als Hauptrisiko für einen Unfall. Hinzu kommt: Der Fahrer könne Richtungswechsel nicht anzeigen, da einhändiges Fahren nicht möglich sei. Das erschwere es anderen Verkehrsteilnehmern, das Fahrverhalten einzuschätzen. Auch Bremsvorgänge und Beschleunigungen seien nicht ersichtlich - und dies alles in einem ohnehin bereits aus- oder überlasteten Verkehrsnetz, sprich: auf vollen Straßen und Wegen.

Spering berichtet von zwei Fällen aus seiner Klinik, bei denen E-Scooter-Fahrer wegen eines Verrenkungsbruches im Bereich des Sprunggelenks behandelt wurden. Beide seien bei Stürzen mit dem Fuß unter das Trittbrett geraten. Der Mediziner rechnet nach Unfällen zudem mit Schädel-Hirn-Traumata, «weil der Kopf einfach so exponiert ist». Zudem dürfte es zu Brüchen und anderen Verletzungen an Händen und Armen kommen.

Tretrollerfahrer könnten bei Kollisionen nicht auf dem Brett stehen bleiben, sagt auch Brockmann. Bei einem Zusammenprall mit einem anderen Verkehrsteilnehmer würden sie vom Trittbrett katapultiert. Zum Verletzungsrisiko bei der Kollision käme dann dasjenige hinzu, dass durch den Aufprall auf dem Boden entsteht. Bei einer Kollision mit einem Fußgänger könne vor allem der Zusammenstoß der beiden Körper schwere Verletzungen zur Folge haben.

Entscheidend für die Sicherheit der Tretroller sei die Stabilität der Gefährte, die wiederum maßgeblich von der Größe der Räder abhänge: je größer, desto stabiler das Gefährt. Größere Räder sorgen auch dafür, dass E-Scooter besser über Unebenheiten wie Kopfsteinpflaster rollen, ohne sich zu verkanten. Allerdings machen größere Räder die Roller weniger transportabel und schmälern damit einen der angepriesenen Vorteile: dass man sie problemlos in Bus und Bahn mitnehmen kann.

Brockmann rechnet vor allem in den ersten Monaten mit vielen Unfällen - auch nach eigenen Testfahrten mit einem E-Scooter. «Man glaubt ziemlich schnell, dass man sicher unterwegs ist.» Allerdings fehlten Erfahrungen im Verkehr - etwa wie der Roller reagiere, wenn plötzlich Fußgänger auftauchten und man schnell ausweichen müsse. Zudem wolle man rasch die Geschwindigkeit austesten. Die Mitte Mai beschlossenen Zulassungsregeln sehen vor, dass E-Scooter maximal 20 Kilometer pro Stunde auf Radwegen fahren dürfen, eine Nutzung auf Fußwegen ist verboten.

Manche Ärzte befürchten sogar ein erhöhtes Risiko für Querschnittlähmungen. Schon der Boom der E-Bikes habe zu einer Zunahme solcher Verletzungen geführt, mit der Zulassung der E-Scooter sei ebenfalls mit mehr Arbeit zu rechnen, hatte der Erste Vorsitzende der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie (DGMP), Yorck-Bernhard Kalke, Mitte Mai betont.

Wie begründet die Sorge der Mediziner grundsätzlich ist, zeigt der kürzliche Tod zweier E-Scooter-Fahrer in Schweden und Frankreich. In Deutschland zog sich am (heutigen) Sonntag ein 65-Jähriger in Bad Lippspringe bei Paderborn lebensgefährliche Verletzungen zu. Der Mann, der einen Schutzhelm trug, stürzte laut Polizei aus ungeklärter Ursache und wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob die bisherigen gesetzlichen Regelungen angepasst werden müssen oder nicht. Denkbar ist etwa, das derzeitige Mindestalter von 14 Jahren heraufzusetzen oder einen Führerschein zur Bedingung für das Fahren zu machen.

Ein gewisses Maß an Problemen und Unfällen müsse man allerdings tolerieren, meint Unfallforscher Brockmann: «Wir verbieten ja auch nicht das Fahrradfahren, nur weil es Fahrradunfälle gibt.»

Veröffentlicht am:
23. 06. 2019
14:16 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Debakel Lebensbedrohliche Verletzungen Polizei Prellungen Unfallexperten Unfallforscherinnen und Unfallforscher Unfallforschung Verkehr Verkehrsteilnehmer Verletzungsrisiken und -Gefahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Polizeieinsatz

25.05.2020

So wenige Verkehrstote wie nie seit der Wiedervereinigung

Homeoffice, Lockdown und Kontaktbeschränkungen: Wegen der Corona-Krise waren im März deutlich weniger Menschen im Straßenverkehr unterwegs. Das macht sich auch in der Unfallstatistik bemerkbar - zumindest kurzfristig. » mehr

Zerstörtes Fahrrad

07.11.2019

Forscher: Fußgänger besser schützen - Anfahrstopp für Lkw

Der tote Winkel rechts neben einem Bus oder Lastwagen hat schon viele Radfahrer und Fußgänger das Leben gekostet. Unfallforscher haben genauer auf die Unfälle mit Passanten hingeschaut. » mehr

Flugzeugkollision in Schwaben

vor 20 Stunden

Ein Toter bei Kollision von Kleinfliegern

Zwei Kleinflugzeuge stoßen in Schwaben bei klarem Himmel zusammen. Einer der Flieger kann landen - der andere stürzt ab. Nach dem Einsatz der Rettungskräfte beginnt die Arbeit der Unfallexperten. » mehr

Unfall

17.01.2020

Bundestag debattiert über Sicherheit für Radler

Mit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung will Verkehrsminister Andreas Scheuer Radfahren sicherer machen. Die Parlamentarier von CDU/CSU und SPD wollen jetzt noch etwas mehr - und bringen unter anderem ein Tempo-30-... » mehr

Autobahn bei Frankfurt am Main

27.03.2020

Verkehr: weniger Staus, weniger Unfälle

Das weitreichende Kontaktverbot wegen des Coronavirus ist noch keine Woche alt. Im Straßenverkehr schlägt es sich aber bereits nieder. Mancherorts geben die Menschen ob der freien Straßen aber auch zu viel Gas. » mehr

Handy am Steuer

11.07.2019

Immer mehr Verkehrsunfälle durch Ablenkung

Handy ist für Autofahrer eigentlich tabu. Trotzdem greifen viele hinter dem Lenkrad zum Smartphone, um anzurufen oder Nachrichten abzuschicken. Manchmal hat das schlimme Folgen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall Motorrad Steinbach Steinbach

Motorradunfall Steinbach | 08.08.2020 Steinbach
» 17 Bilder ansehen

Suche nach Angler Goldisthal

Vermisstensuche in Goldisthal | 07.08.2020 Goldisthal
» 7 Bilder ansehen

Tödlicher Unfall Streufdorf Streufdorf

Tödlicher Unfall Streufdorf | 07.08.2020 Streufdorf
» 12 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
23. 06. 2019
14:16 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.