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Experten: «Das Rebhuhn verschwindet»

Das Rebhuhn gehörte früher «im Grunde auf jeden Acker», erzählt ein Naturschutzbiologe. Doch der Vogel wird selten. Er gehört zu den am stärksten zurückgehenden Arten. Nach Ansicht von Experten kann ihm lokal geholfen werden - wirkliche Hoffnung gibt es nicht.



Rebhuhn
Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma in Stuttgart.   Foto: Sina Schuldt/dpa

Früher haben Spaziergänger aus Versehen schon mal eine Gruppe von Rebhühnern im Feld aufgeschreckt, die dann mit lautem Flügelschlag hochflog.

Davon erzählt Naturschutzbiologe Eckhard Gottschalk von der Universität Göttingen, doch solche überraschenden Begegnungen von Menschen mit den Vögeln gehörten der Vergangenheit an. «Diese Zeiten sind längst vorbei», sagt der Forscher der Universität Göttingen. Die Tiere, die einstmals «im Grunde auf jeden Acker gehörten», erlitten in den vergangenen Jahrzehnten so dramatische Bestandsverluste wie kaum eine andere Vogelart.

Um gut 91 Prozent nahmen die Bestände deutschlandweit von 1980 bis 2016 ab, wie der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) mitteilte. Diesen dramatischen Rückgang übertrifft nur der Kiebitz mit mehr als 93 Prozent, auf Platz drei folgt die Turteltaube mit knapp 89 Prozent. Sie teilen das gleiche Schicksal wie das Rebhuhn: «Das sind alles Arten der Offenlandschaft», erklärt Sven Trautmann vom DAA. Auf Ackerflächen brüten sie oder müssen ihre Nahrung finden.

Angesichts des dramatischen Rückgangs kommen Vertreter aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Naturschutz, Jägerschaft, Politik und Verwaltung ab Donnerstag in Rottenburg bei Tübingen zusammen, um über den Schutz der am Boden lebenden Vögel zu beraten. Das Rebhuhn gilt in Baden Württemberg als vom Aussterben bedroht, deutschlandweit findet es sich Gottschalk zufolge «in der zweithöchsten Kategorie der Roten Liste: stark gefährdet.»

«Eigentlich gibt es drei wesentliche Ursachen», erklärt der Naturschutzbiologe. Als erstes nennt er den Insektenrückgang. «Die Küken leben von Insekten und auf den intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen findet das Rebhuhn nicht mehr ausreichend Nahrung.» So wird auch der Lebensraum für das Rebhuhn immer knapper, eine weitere Ursache. Das macht die Vögel zugleich, Punkt drei, anfälliger für ihre Feinde wie den Fuchs. Denn der kann die Tiere an den wenigen für sie geeigneten Orten leicht aufspüren.

Das Vogelschutzzentrum des Naturschutzbundes Mössingen (Landkreis Tübingen) versucht in einem Projekt, Rebhühnern wieder mehr geeigneten Lebensraum zu bieten. «Es braucht brache Strukturen, es braucht Deckung ganzjährig», erklärt Sabine Geißler-Strobel von der «Initiative Artenvielfalt Neckartal». Durch mehrjährige Blühbrachen zum Beispiel, denn sie böten sichere Brutplätze und Nahrung bis zum Winter. «Was wir im Moment überwiegend im Land fördern sind einjährige Brachen.» Für Rebhühner und viele andere Arten hätten diese keine Funktion.

Am Freitag ist eine Exkursion der Tagungsteilnehmer zu den neu angelegten Lebensräumen im Landkreis geplant. Hoffnung, dann Rebhühner zu treffen, macht sich Geißler-Strobel aber nicht: «Im Moment sind die tagsüber in der Deckung und von daher werden wir die wahrscheinlich nicht mitkriegen.»

Es gibt sie aber wieder: Mit den Fördermaßnahmen haben sich Rebhühner angesiedelt. «Jetzt haben wir in einem Gebiet zwölf Reviere», so Geißler-Strobel, «also rufende Hähne, von denen wir hoffen, dass die dann auch verpaart sind.» 2017 seien es sechs Reviere gewesen, vergangenes Jahr elf.

«Wenn wir Maßnahmen fürs Rebhuhn machen, dann fördern wir auch eine ganze Reihe anderer Arten», sagt Naturschutzbiologe Gottschalk. Wo das Rebhuhn noch lebt, könnten eben auch viele andere Arten leben - neben Vögeln betreffe das etwa auch den Feldhasen. «Das Rebhuhn ist insofern auch ein guter Indikator für eine intakte Landschaft.»

Doch die Chancen stehen seiner Ansicht nach nicht gut: «Ich fürchte, dass das Rebhuhn als Vogel der normalen Landschaft verschwindet und wir vielleicht dann solche Reservate haben, wo wir die Rebhühner noch halten können mit intensiven Maßnahmen.» Vielerorts sei das Rebhuhn schließlich schon komplett verschwunden. «Da muss man schon Glück haben, wenn man dann mal ein Rebhuhn antrifft, denn die verstecken sich ja auch gut. Eines zu sehen ist wirklich ein Glücksfall.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
28. 11. 2019
07:23 Uhr

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28. 11. 2019
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