Lade Login-Box.
Topthemen: Landtagswahl 2019Freies Wort hilftFolgen Sie uns auf InstagramSport-Tabellen

Brennpunkte

Die Grünen und die Macht: Raus aus der Öko-Nische

Die Deutschen machen sich Sorgen um Bienen und das Klima. Das hilft den Grünen, die derzeit die Bundespolitik aufwirbeln. Aber wer Macht will, muss auf Dauer mehr bieten als ein Öko-Image.



Annalena Baerbock und Robert Habeck
Erfolgsduo: Annalena Baerbock und Robert Habeck, die Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.   Foto: Hendrik Schmidt

Grün ist derzeit angesagt in der Politik. Das färbt ab. Von der CSU bis zur Linken sprechen alle vom Klimaschutz, umweltpolitische Konzepte werden nachgeschärft.

Die CDU schmückte im Netz gar ihre drei Buchstaben mit Gänseblümchen - immerhin nicht mit Sonnenblumen, dem Logo der Grünen. Und was macht die Ökopartei im Umfrage- und Stimmungshoch? Sie stellt ein Konzept gegen Kinderarmut vor. Das ist kein Zufall.

Beim Umwelt- und Klimaschutz trauen die Bürger den Grünen mit Abstand am meisten zu. Ihre Kernkompetenz tragen sie im Namen - und blieben ihr auch treu, als Bienen und Klimawandel gerade nicht der «heiße Scheiß» waren, wie Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt vor der Bundestagswahl sagte. Das hilft ihnen jetzt, nachdem der Hitze- und Dürresommer vielen Menschen klar gemacht hat, was die Erderhitzung auch für Deutschland bedeuten kann.

Mehrere Meinungsforschungsinstitute führen die Grünen zurzeit als bundesweit stärkste Kraft noch vor der Union. Der bayerische Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann fordert für den Fall weiter guter Umfragewerte bereits die Abkehr von einer Doppelspitze vor der Bundestagswahl und die Ernennung eines Kanzlerkandidaten. «Wenn es die Umfragen weiterhin hergeben, bin ich für eine klare Kanzlerkandidatur und gegen eine Doppelspitze bei der nächsten Bundestagswahl», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung».

Öffentlich heiß gehandelt als möglicher Kanzlerkandidat wird Parteichef Robert Habeck. In einer Emnid-Umfrage für die «Bild am Sonntag» sagten 51 Prozent der Befragten, wenn sie den Kanzler direkt wählen und zwischen Habeck und CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer entscheiden könnten, würden sie für Habeck votieren.

Aber einer Partei, die unbedingt regieren will, reicht das Öko-Image nicht - jedenfalls, wenn sie Macht will und nicht nur als «Öko-App» einem Koalitionspartner zur Mehrheit verhelfen. Wenn der kommissarische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel behauptet, den Grünen sei das Soziale «schnurzegal», dann müssen die Grünen verhindern, dass potenzielle Wähler ihm das abnehmen.

Auch deswegen haben Parteichefin Annalena Baerbock und Göring-Eckardt gerade gemeinsam Pläne für eine Kindergrundsicherung vorgestellt und auf den Euro genau vorgerechnet, welche Familie damit wie viel mehr - oder weniger - auf dem Konto hätte.

«Wir haben programmatisch das volle Sortiment», sagt Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. Und das sei auch nicht neu. «Was neu ist: Uns wird jetzt anders zugehört.» Das Führungsduo Baerbock und Habeck schaffe es, «auf eine neue Weise mit sozialen Themen glaubwürdig durchzudringen». Das muss vor allem der SPD Sorgen machen. Lob für das grüne Konzept gegen Kinderarmut kam unter anderem von der Arbeiterwohlfahrt AWO, die immerhin mal von den Sozialdemokraten gegründet wurde.

Weitere Aufschläge dieser Art werden folgen. Die Grünen sind dabei, Forderungen und Konzepte mit Zahlen zu unterfüttern. Sie wollen auch darüber reden, wie ihre Pläne finanziert werden können. Es ist eine Einladung an skeptische Wähler, die nicht zur Kernklientel gehören, denen Öko nicht reicht für die Wahlentscheidung.

Passend dazu traf sich Habeck gerade mit Kardinal Reinhard Marx, der scherzte, da werde Schwarz-Grün ja deutlich sichtbar - bezogen auf die Kleidung der hochrangigen Katholiken, die den Grünen empfingen.

Unterdessen war Ex-Parteichef Cem Özdemir für eine Woche bei der Bundeswehr zu Gast und posierte mit Fraktionskollege Tobias Lindner in Munster in grünem Flecktarn als Oberleutnant. «Ein Grüner bei der Bundeswehr - passt das zusammen? Ich finde: Ja», schrieb Özdemir dazu bei Instagram. Bei der Infoveranstaltung der Bundeswehr für «zivile Führungskräfte» steht auch das «Schießen mit Handwaffen» auf dem Programm.

Dass allerdings Lindner und Özdemir in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» das Nato-Ziel, die Verteidigungsausgaben in Richtung zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, als «Planwirtschaft mit starrem Zahlenkorsett» ablehnen, würde in Regierungsverantwortung eine Abkehr von der Nato bedeuten, weil es sich um einen mehrfach bekräftigten Beschluss von 29 Mitgliedstaaten handelt. In der Opposition ist vieles einfacher.

Der Schwabe Özdemir aus dem Auto-Ländle Baden-Württemberg war lange auch derjenige an der Grünen-Bundesspitze mit wirtschaftspolitischem Profil - unter anderem setzte er gegen erheblichen Widerstand einen Gastauftritt des damaligen Daimler-Bosses Dieter Zetsche auf einem Parteitag durch. Seit aus der schwarz-gelb-grünen Jamaika-Regierung im Bund nichts wurde, steht er nicht mehr in der ersten Reihe.

Dafür spricht Baerbock nun bei der Jahrestagung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und führt mit dessen Chef Dieter Kempf ein Streitgespräch in der «Wirtschaftswoche». Die Bundestagsfraktion hat einen «Wirtschaftsbeirat» gegründet.

Eine Baustelle für die Grünen bleibt auch die Innenpolitik. Sie regieren in neun Ländern in sieben verschiedenen Koalitionen, den Innenminister stellen sie nirgends. Wie der «Spiegel» berichtet, will die Bundestagsfraktion den «Grünen Polizeikongress» wiederbeleben. Es wäre keine Überraschung, wenn aus der Berliner Parteizentrale auch dazu bald ein größerer Aufschlag kommt.

Eine Öko-Partei werden die Grünen aber bleiben. So unterschiedlich die Mitglieder seien, Ökologie sei «immer der gemeinsame Nenner», sagt Parteimanager Kellner. Dass Klimaschutz nicht auf dem aktuellen Niveau der «heiße Scheiß» bleibt, damit rechnet auch er - Themenkonjunkturen gebe es immer. Aber es habe sich etwas verändert, die Klimakrise sei angekommen und gehe nicht mehr weg: «Klimaschutz war lange ein Thema für morgen. Jetzt ist es ein Thema für heute.»

Veröffentlicht am:
16. 06. 2019
15:22 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Annalena Baerbock Annegret Kramp-Karrenbauer Arbeiterwohlfahrt BDI Bundespolitik Bundestagsfraktionen Bundeswehr CDU CSU Cem Özdemir Dieter Zetsche Fraktionschefs Grünen-Fraktionschefin Kanzlerkandidaten Kardinäle Katrin Göring-Eckardt Ludwig Hartmann Michael Kellner Nato Parteivorsitzende Reinhard Marx Robert Habeck SPD SPD-Vorsitzende Sozialdemokraten Thorsten Schäfer-Gümbel Tobias Lindner Wähler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Göring-Eckardt und Hofreiter

13.09.2019

Fraktionschef-Duo Göring-Eckardt/Hofreiter kämpft ums Amt

Es hat neue Unruhe in die grüne Bundestagsfraktion gebracht, dass Ex-Parteichef Özdemir ihr Chef werden will. Die Amtsinhaber nehmen die Herausforderung an. Göring-Eckardt und Hofreiter setzen verschiedene Schwerpunkte -... » mehr

Cem Özdemir

07.09.2019

Özdemir will Grünen-Fraktionschef im Bundestag werden

Machtkampf bei den Grünen: Cem Özdemir will zurück in die erste Reihe. Zusammen mit einer Mitstreiterin will er an die Stelle der Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter treten. Ein fairer Wettbewerb tät... » mehr

Trio

24.09.2019

Niederlage für Özdemir: Grüne bestätigen Fraktionsspitze

Der Machtkampf bei den Grünen im Bundestag ist entschieden: Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter bleiben Fraktionschefs. Cem Özdemir ist mit dem Versuch gescheitert, zurück in die erste Reihe zu kommen - kommentiert... » mehr

Cem Özdemir

08.09.2019

Grüne: Özdemir fordert Hofreiter und Göring-Eckardt heraus

Cem Özdemir strebt an die Spitze der Grünen im Bundestag - im Team mit einer bisher kaum bekannten Abgeordneten. Sie fordern die bisherigen Fraktionschefs Göring-Eckardt und Hofreiter heraus. Und die reagieren spitz. » mehr

Merkel

11.09.2019

Schlagabtausch zu Klimaschutz - Merkel wirbt für Akzeptanz

Klimaschutz, Digitalisierung, EU - das sind die zentralen Themen in der Rede der Kanzlerin bei der Generalaussprache im Bundestag. Vor allem zum Klimaschutz entwickelt sich eine kontroverse Debatte. Aber auch die Diskuss... » mehr

Annegret Kramp-Karrenbauer

22.07.2019

Kramp-Karrenbauers Rüstungs-Pläne verstimmen die SPD

Annegret Kramp-Karrenbauer will mehr deutlich Geld für die Bundeswehr. Die Forderung stößt nicht nur bei Linken und Grünen auf Kritik, sondern auch beim Koalitionspartner. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Unfall Schulbus Milz Römhild

Schulbusunfall | 18.10.2019 Römhild
» 14 Bilder ansehen

Unfall B 281 Sachsenbrunn Sachsenbrunn

Unfall B281 Sachsenbrunn | 16.10.2019 Sachsenbrunn
» 14 Bilder ansehen

Gebäudebrand Merbelsrod Merbelsrod

Gebäudebrand Merbelsrod | 15.10.2019 Merbelsrod
» 14 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
16. 06. 2019
15:22 Uhr



^