Lade Login-Box.
Fotowettbewerb 2020 zum Digital-Abo
Topthemen: Podcast: Offen gesagt#GemeinsamHandelnCoronavirus in ThüringenCorona-Hilfsbörse

Brennpunkte

Der peinliche Sturz von Chinas Interpol-Chef

Nach seiner mysteriösen Festnahme werfen Chinas Behörden dem ersten chinesischen Interpol-Chef Bestechlichkeit vor. Die Umstände wecken wilde Spekulationen: Was steckt wirklich hinter seinem Verschwinden?



Meng Hongwei
Meng Hongwei auf dem Interpol-Weltkongress in Singapur.   Foto: Wong Maye-E/AP/Archiv » zu den Bildern

Es ist ein peinliches Eingeständnis: Der erste Chinese an der Spitze der internationalen Polizeiorganisation Interpol soll möglicherweise selbst ein bestechlicher Krimineller gewesen sein.

Nach einer Krisensitzung vor dem Morgengrauen verkündet das Parteikomitee des Ministeriums für öffentliche Sicherheit in Peking dem Milliardenvolk und der Welt am Montag die unangenehme Nachricht: Gegen den Interpol-Chef und Vizepolizeiminister Meng Hongwei werde wegen des Verdachts ermittelt, «Bestechungsgelder angenommen» zu haben und in illegale Aktivitäten verwickelt gewesen zu sein.

Die Enthüllung knapp zwei Wochen nach dem mysteriösen Verschwinden des 64-Jährigen nach der Landung in China löst Spekulationen aus: Was muss geschehen sein, dass die kommunistische Führung keinen anderen Ausweg sieht, als einen solchen internationalen Gesichtsverlust hinzunehmen? Tagelang suchte Interpol nach seinem eigenen Präsidenten, ohne dass Chinas Behörden es für nötig erachteten, die Polizeiorganisation von der Festnahme zu unterrichten.

Als letztes Lebenszeichen aus China sandte Meng Hongwei seiner Frau ein Emoji-Piktogramm mit einem Messer als Botschaft auf ihr Handy. Vielleicht weil er wusste, dass das Spiel aus war. Die in Frankreich am Sitz von Interpol in Lyon lebende Frau meldete ihren Mann vergangene Woche als vermisst. Erst am späten Sonntagabend räumte Chinas Polizeiministerium ein, dass der Vizeminister in Gewahrsam genommen worden sei. Interpol erhielt eine Erklärung des Chinesen, in der dieser seinen sofortigen Rücktritt erklärte.

Wenn der 64-Jährige nur korrupt gewesen wäre, hätte Chinas Führung wohl kaum diesen beschämenden Schritt unternommen, argumentieren Beobachter. «Ich denke, es geht um mehr als Korruption», sagt der kritische Historiker Zhang Lifan. «Dahinter steckt ein politischer Machtkampf.» Nach seinen Informationen sind in jüngster Zeit auch andere Vertreter des Polizeiministeriums verhaftet worden.

Vielfach wird auch darauf verwiesen, dass Meng Hongwei seine Karriere im Polizeiministerium gemacht hat. Das stand damals noch unter der Führung des später gestürzten und 2015 zu lebenslanger Haft verurteilten Sicherheitschefs Zhou Yongkang, der als gefährlicher Rivale von Staats- und Parteichef Xi Jinping galt. Der Präsident äußerte später sogar den Verdacht einer «Verschwörung».

Vielleicht geht es so weit zurück, vielleicht ist auch etwas hinzugekommen. «Das politische Gerangel hat noch zugenommen», weiß Zhang Lifan zu berichten. Auf jeden Fall zielt die Wortwahl am Ende der außerordentlichen Nachtsitzung des Parteikomitees auf die düstere Geschichte von Intrige und Komplott in der Partei: «Wir müssen entschieden und eingehend den schlechten Einfluss von Zhou Yongkang beseitigen», mahnte das Parteikomitee, wie die Zeitung «Xinjingbao» schrieb.

Es klingt vielen wie Selbstkritik - als wenn nicht alle an einem Strang gezogen hätten. «Einstimmig» stellte sich das Parteikomitee hinter das Vorgehen gegen Meng Hongwei. Es demonstriere die «eindeutige Haltung» des Zentralkomitees unter der Führung von Xi Jinping, «die Partei streng zu führen und den Kampf gegen Korruption umzusetzen». Der Ton weckt neue Fragen: Warum diese Loyalitätsbekundung?

Kein Zweifel, Xi Jinping regiert mit harter Hand. Seine Entscheidung im Frühjahr, sich eine Präsidentschaft auf Lebenszeit zu ermöglichen, hat nicht nur im Volk, sondern auch in der Partei und vor allem unter den ausgeschiedenen, früheren Parteiführern für Unmut gesorgt. Er hatte sich über das ungeschriebene Gesetz des Führungswechsels alle zehn Jahre und den kollektiven Führungsstil hinweggesetzt, um allein und uneingeschränkt zu herrschen. Bei den sommerlichen Beratungen der Führungselite im Badeort Beidaihe soll es viel Kritik gegeben haben.

Xi Jinping selbst hat immer wieder Widerstand eingeräumt. Er reagierte mit strengerer Kontrolle, einem neuen Aufsichtsgesetz für die Staatsbediensteten und einer starken Ideologisierung, um alle in Reih und Glied hinter seine Führung zu bringen. Als Werkzeug dient ihm der populäre Kampf gegen Korruption, dessentwegen in den vergangenen fünf Jahren mehr als 1,3 Millionen Funktionäre bestraft wurden.

Fest steht aber auch, dass der Sturz des ersten chinesischen Interpol-Chefs dem Ansehen Chinas auf der globalen Bühne geschadet hat. Der Vorgang ist laut Experten ein schwerer Schlag für die chinesischen Bemühungen, durch eigene Vertreter in internationalen Organisationen eine größere Führungsrolle weltweit zu übernehmen.

Die Personalie Meng Hongwei war international höchst umstritten und hatte vor allem Menschenrechtlern Sorgen bereitet. Amnesty International warf China vor, schon lange zu versuchen, Interpol mit seinen 192 Mitgliedsstaaten für die Fahndung nach chinesischen Dissidenten und Aktivisten zu benutzen. Erstmal übernimmt Vizepräsident Kim Jong Yang vorübergehend die Präsidentschaft. Die Generalversammlung soll im November einen Nachfolger wählen. Es dürfte wohl kaum wieder ein Chinese werden.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
15:36 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Amnesty International Bestechlichkeit Chinesische Behörden Chinesische Dissidenten Festnahmen Führungswechsel Internationale Organisationen und Einrichtungen Interpol Lifan Industry Menschenrechtler Parteivorsitzende Staatsbedienstete Xi Jinping Zhou Yongkang Öffentliche Behörden
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Peter Steudtner

03.07.2020

Peter Steudtner in Türkei von Terrorvorwürfen freigesprochen

Der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner wird in der Türkei von Terrorvorwürfen freigesprochen. «Politisch motiviert», sei das Urteil, kritisiert er trotzdem. Denn vier türkische Kollegen wurden verurteilt. » mehr

Video-Gipfeltreffen Merkel-Macron

10.07.2020

Balkan-Konflikt: Video-Gipfeltreffen mit Merkel und Macron

Es ist ein schwieriges Unterfangen - an dessen Ende idealerweise die Versöhnung von Kosovo und Serbien steht. Macron und Merkel machen nun erneut einen Schritt in diese Richtung - und wollen zumindest die Spannungen zwis... » mehr

China und die Uiguren

25.11.2019

Geheimdokumente enthüllen Verfolgung von Uiguren in China

Hunderttausende Uiguren wurden in China in Umerziehungslager gesteckt. «China Cables» geben nun Einblick in den Umgang mit den Internierten und das perfide Überwachungssystem. Chinas Staats- und Parteichef will laut der ... » mehr

Menschenrechtsanwalt Wang Quanzhang

05.04.2020

Chinesischer Menschenrechtsanwalt aus Haft entlassen

Drei Jahre gab es kein Lebenszeichen von Wang Quanzhang. Dann wurde der chinesische Bürgerrechtsanwalt in einem Geheimprozess verurteilt. Seine Haftzeit hat er jetzt abgesessen - aber ist er wirklich frei? » mehr

Khashoggi

03.07.2020

Türkische Justiz rollt brutalen Mord an Khashoggi auf

Auch nach anderthalb Jahren und mehreren Urteilen wirft der Mord an Jamal Khashoggi viele Fragen auf. Ein Istanbuler Gericht nimmt den Fall wieder auf - die Erwartungen an den Prozess gehen auseinander. » mehr

Proteste

26.02.2020

Hohe Haftstrafe für Verleger in China löst Empörung aus

Nach seinem rätselhaften Verschwinden landet der Hongkonger Buchhändler Gui Minhai in China. Unter vagen Vorwürfen erhält er zehn Jahre Haft. China bestreitet, dass er noch Schwede ist. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Motorradunfall Linden

Motorradunfall Linden | 10.07.2020 Linden
» 7 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Oberhof Oberhof

Unfall Oberhof | Oberhof
» 6 Bilder ansehen

Verkehrsunfall Hildburghausen Hildburghausen

Verkehrsunfall Hildburghausen | 07.07.2020 Hildburghausen
» 11 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
15:36 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.